Wo er wirbt, bleibt fast immer etwas hängen. Der 37-jährige Pius Walker polarisiert und fasziniert mit seinen Kampagnen gleichermassen. Der Erfolg gibt ihm Recht. Am diesjährigen Werbefestival in Cannes war Walker die erfolgreichste Schweizer Agentur. Und kürzlich hat seine Zürcher Agentur Walker vom Art Directors Club (ADC) einen goldenen Würfel für eine eindrückliche Anti-Gewalt-Kampagne im Auftrag von Amnesty International erhalten. 2008 wurde Pius Walker zum Schweizer «Werber des Jahres» gewählt.

Unter den Top 20 weltweit

Seine Werke sorgen aber auch international für Furore. Ein doppelseitiges Inserat mit Parolen im Sex-Jargon, das Walker zur Bewerbung eines Handbuchs für den kleinen Schweizer Verlag «Kein&Aber» entwarf, sorgte nach dem Abdruck in der seriösen «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» für einen handfesten Skandal. Vom Londoner Gunn-Report, dem internationalen Mass der Dinge in der Werbebranche, wurde Walker als erste und einzige Schweizer Agentur in die Top 50 der weltweit kreativsten Agenturen erkoren. Der Gunn-Report wertet sämtliche relevanten Award-Gewinne aller Agenturen weltweit aus und addiert daraus die Anzahl Punkte für die Hitliste. Die Amnesty-International-Kampagne Walkers wird von internationalen Juroren im Moment zu den Top 20 weltweit gezählt.

«Wir wissen nicht mehr genau, wie viele Preise wir insgesamt gewonnen haben», sagt Pius Walker, ohne damit nur ansatzweise überheblich zu wirken. Die Preise und Ehrungen sind für Walker ein schönes Feedback für seine Arbeit. Vordergründig sind sie allerdings nicht. Dafür ist er zu sehr Idealist, der den effektiven Vorgang des kreativen Denkens über alles stellt, und nicht den Glanz und Glamour von Preisverleihungen.

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Zu dieser Haltung passt auch die wenig spektakuläre Entstehungsgeschichte der Walker Werbeagentur. Sie wurde von Pius Walker und seiner Ehefrau Patricia im Jahr 2002 in einem 16-Quadratmeter-Raum ihrer Zürcher Wohnung gegründet. Gute Ideen sind nicht an räumliche Masse gebunden. Dennoch folgte zwei Jahre später der Umzug in die heutigen Geschäftsräumlichkeiten an der Blaufahnenstrasse im Zürcher Stadtzentrum.

Gross ist Walker deshalb noch längst nicht, und will es auch nicht sein. Der zu 100% inhabergeführte Betrieb beschäftigt sechs Mitarbeitende, dazu einen Lehrling und eine Praktikantin. «Die kleinste Agentur der Welt», wie Walker in der Szene liebevoll genannt wird, hat sich nicht mit Vorschusslorbeeren oder Beziehungen, sondern mit grossen Taten in den Olymp der Kreativszene hochgearbeitet.

Inspirationen aus dem Alltag

Gibt es dafür ein Erfolgsgeheimnis? Wenn es ein solches gäbe, würde es Pius Walker mit Sicherheit nicht ausplaudern. Standardrezepte und Leitfaden sind in der Kreativszene ohnehin fehl am Platz. «Wir respektieren die Intelligenz des Betrachters und versuchen, die interessantesten Fakten dieser Welt möglichst emotional umzusetzen», sagt er. Hinter dieser Aussage steckt eine Grundphilosophie, die viele andere ignorieren. Walker findet seine Inspiration im täglichen Leben. «Deshalb ist es für uns sehr wichtig, daran teilzunehmen.»

Das Bild vom genialen Kreativdenker, der aus seinem Elfenbeinturm Erfolgskampagnen im Akkord produziert, ist für Walker eine Illusion. «Es gibt in der Werbung keine Genialität, nur Wahrheiten, und die Lust, diese zu finden, wo auch immer sie sich versteckt halten.»

«Vielleicht ist unsere heutige Position eine Folge der Überzeugung, dass wir unsere beste Kampagne noch nicht gemacht haben.» Mit jedem Projekt wieder etwas näher an diese Perfektion heranzukommen, lautet der tägliche Antrieb Walkers. «Immer wieder müssen wir feststellen, wie weit wir von diesem Ziel noch entfernt sind.» Eine selbstkritische Aussage, die eben durch den Ausstieg des Getränkeherstellers Rivella Aktualität erlangt.

Der Antrieb, sich ständig zu verbessern, ist für den jungen Werber indes nicht nur eine berufsethische Selbstverständlichkeit, sondern auch eine kommerzielle Pflicht. Aufgrund der Krise werde nämlich der qualitative Anspruch an die Werbung weiter steigen. «Grösse und Masse unterliegen zunehmend Idee und Klasse», glaubt er. Sonderlich zu beunruhigen scheinen Pius Walker diese Perspektiven indes nicht. Kein Wunder. Für kreative Köpfe dürften die Aufträge nicht ausgehen. Im Gegenteil: Prominenteste Neuzugänge sind die SP Schweiz, Rega und Greenpeace.

 
Nachgefragt

«Im Leben ist alles Werbung»

Wie sind Sie heute im Ausland positioniert?

Pius Walker: Unsere Agentur baut auf ein «geistiges Freihandelsabkommen» mit dem Ausland und auf ein internationales Netzwerk von Kreativen. Ideen kennen keine Landesgrenzen, weshalb unsere Kampagnen für die WC-Ente, Fleurop, Kein&Aber oder Amnesty auch im Ausland liefen.

Für welche Produkte oder Dienstleistungen werben Sie am liebsten?

Walker: Es gibt praktisch kein Produkt und keine Dienstleistung, welche sich nicht ausgezeichnet dafür eignen würde, beworben zu werden. Eigentlich ist im Leben ja alles Werbung. Angefangen mit dem ersten Satz beim Kennenlernen bis zum Blumenstrauss beim Hochzeitstag.

Gibt es auch Aufträge, die Sie ablehnen würden?

Walker: Ja, alle Produkte oder Dienstleistungen, die Menschenleben verschlechtern oder sogar in Gefahr bringen.