F ür KMU-Unternehmen in einem Übergabeprozess stellt sich heute in erster Linie die Frage: Wie wird diese Transaktion finanziert in einer Zeit, in der die Banken vorsichtiger werden? Dazu gibt es keine aktuellen statistischen Erhebungen - weder von den Banken noch von den KMU-Vertretern. Es sei denn, man stütze sich auf die jüngst durchgeführte Umfrage des Staatssekretariates für Wirtschaft (Seco), welche im krassen Gegensatz zu den Erfahrungen von Spezialisten steht.Allerdings hat sich die Ausgangslage vieler KMU seit der Erhebung, die im Frühjahr publiziert wurde, drastisch verachlechtert.

Noch unlängst erklärte Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler, die Kreditklemme «n?existe pas». Ganz anders sieht es KMU-Verbandsvertreter Roland Rupp: «Betroffen sind jetzt zunehmend die kleinen Firmen.» Es vergeht keine Woche, in der er nicht mit Fällen konfrontiert wird, die sich schwer mit Biglers Aussagen vereinbaren lassen. Immerhin hat gerade der Mittelzufluss bei den im KMU-Gewerbe verankerten Banken die Hoffnung genährt, dass auch die «Kleinen» berücksichtigt würden.

Niemand will genannt werden

Um konkrete Beispiele ist Rupp nicht verlegen. Bei den Angaben um Namen bittet er um Verständnis. Wer sich oute, riskiere erst recht, seine Kreditklemme zu verschärfen. Auch der Publizist Markus Gisler - er hat sich kürzlich zu diesem Thema geäussert - liefert eine lupenreine Erklärung dafür, wieso sich betroffene KMU-Inhaber nicht öffentlich zur Schau stellen wollen. «Sie fürchten eine Stigmatisierung.» Wer in einer vorübergehenden Liquiditätsfalle sitzt, hat wenig Interesse daran, dass sein Name in der Zeitung erscheint. Kunden wie Lieferanten werden hellhörig. «Ich bin in den letzten Monaten vielen KMU zur Seite gestanden, aber niemand will erkannt werden, weil sich dadurch seine Situation verschlechtert», doppelt auch Swissmem-Präsident Johann Schneider-Ammann nach.

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Gerade dieser Punkt ist nicht zu unterschätzen: Im Rahmen der jüngsten CS-Studie zum Nachfolgethema stellt Hans Baumgartner, Leiter des KMU-Geschäfts Schweiz, fest, dass Finanzierungen der externen Nachfolge eine immer grössere Bedeutung gewinnen. Baumgartner empfiehlt den frühzeitigen Beizug von Fachleuten, welche innovative Lösungen wie Earn-out-Modelle oder Mitarbeiter-Beteiligungs-Pläne ausarbeiten. Der Branchenverband Swissmem führt eine Liste mit jenen Firmen, die Probleme mit den Banken haben. Das ist auch der Grund, wieso Schneider-Ammann, dessen Idee eines Überbrückungskredites für Firmen in Geldnot Aufwind bekommt, grosses Verständnis für die Situation der Kleinunternehmen hat.

Aussage gegen Aussage

Jetzt steht Aussage gegen Aussage: Die Banken, das Seco und der Gewerbeverband können keinen Credit-Crunch feststellen. Aber Schneider-Ammann und Rupp versuchen, jenen zu helfen, welche bei den Banken durch den Rost fallen. Das gilt besonders für die Kleinen, weil ihre Dossiers wegen ihrer schieren Untergrösse oft gar nicht auf dem Pult der Entscheidungsträger für Kreditzusprachen landen. Schneider-Ammann sieht ein gravierendes Problem auf die von KMU dominierte Schweizer Wirtschaft zukommen.

Wie reagieren Banken auf den Vorwurf der Kreditverknappung für KMU? ZKB-Pressesprecher Diego Wider: «Im KMU-Bereich hat sich seit dem Ausbruch der Finanzkrise nichts Grundlegendes geändert. Wir setzen weiterhin auf unsere bewährte und langfristige Kreditpolitik und legen grossen Wert auf eine seriöse, individuelle Bonitätsprüfung.» Steigende Risiken müssten antizipiert werden. «Die Kreditzinskalkulationen orientieren sich aber nicht an kurzfristigen Entwicklungen, sondern an einem ganzen Konjunkturzyklus.» Dafür hat PwC-Partner Peter Schmid Verständnis: «Ein rosa gefärbter Businessplan, der dem Wunschdenken des Kreditsuchenden entspricht, taugt heute nicht mehr.»

Auch bei Raiffeisen versichert Mediensprecher Stefan Kern: «Wir haben unsere Kreditpolitik nicht verändert. Bei gleicher Bonität werden die gleichen Kredite gewährt wie früher.» Verändere sich diese, habe das einen Einfluss auf deren Umfang. Der Neugeldzufluss sei hoch und die gesamten Ausleihungen am Steigen. Bei der Valiant Bank wird gemäss Geschäftsleiter Michel Hobmeier jedes Gesuch genau unter die Lupe genommen. Bei der WIR-Bank werden gemäss Pressesprecher Hervé Dubois ebenfalls die üblichen Bonitätskriterien beachtet. Sind sie intakt, werden heute sogar Kredite ohne Garantie gesprochen - im unteren Bereich zwischen 50000 bis 250000 Fr. Genau solche Beträge sind es, die gemäss Rupp den Kleinen fehlen.

NACHGEFRAGT

Raoul Egeli, Präsident der Gläubigerschutz-Organisation Creditreform, St. Gallen

«Bestehende Kundenbeziehungen sind zu überwachen»

Das ist doch widersprüchlich: Ihr Verband meldet einen Rekord von Konkursen und die Banker sagen, es gebe keinen Kreditcrunch!

Raoul Egeli: Eine gute Bonität ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für das Überleben eines Unternehmens. Diese muss aktiv gepflegt werden. Es ist aber auch verständlich, dass nur denjenigen Unternehmen Kredit gewährt wird, die auch in der Lage sind, ihre Verpflichtungen zurückzuzahlen. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer wird es immer geben. Dass das Risiko im derzeitigen rauen Umfeld ansteigt, widerspiegelt sich in den steigenden Konkursen. Mit insgesamt 3872 Firmenkonkursen per 30. September 2009 wird der Vorjahreswert um knapp 29% übertroffen.

Sie werden nicht müde zu sagen, dass man zuerst die Bonität der Partner prüfen müsse, bevor man sich in eine Geschäftsbeziehung einlässt. Was aber, wenn es schon zu spät ist und «das Haus brennt»?

Egeli: Ist es schon ein Vollbrand? Dann ist es schwierig und es gibt nur noch den Sprung aus dem Fenster! Ansonsten kann man mit gezielten Massnahmen wie dem Outsourcing des Inkasso sicherstellen, dass die ausstehende Liquidität schneller zurückfliesst.

Natürlich liegt die Versuchung nahe, bei schlechtem Geschäftsgang einfach der Finanzkrise die Schuld in die Schuhe zu schieben. Aber wer hat sie schon kommen sehen?

Egeli: Im Nachhinein ist es immer einfach. Ich bin jedoch überzeugt, dass konservative Werte wie Risikoverteilung, Bildung von Reserven, gesundes Wachstum wieder an Bedeutung gewinnen werden. Dafür muss sich die Wirtschaft aber zuerst wieder erholen! Eine Krise hat leider auch immer etwas Gutes.

KMU geraten derzeit zweifach unter die Räder: Zum einen wegen der angezogenen Kreditschraube, zum anderen, weil ihre Kunden selber Konkurs gehen oder nicht mehr bezahlen können. Sehen Sie einen Lichtblick?

Egeli: Die Handlungsempfehlung ist die gleiche wie für alle Kreditgeber. KMU dürfen nicht zu leichtfertig Lieferantenkredite gewähren. Die Bonität des Kunden ist zu prüfen und die Zahlungskonditionen sind entsprechend der eigenen Risikotragfähigkeit zu gestalten. Bestehende Kundenbeziehungen sind zu überwachen, um frühzeitig reagieren zu können - und erst recht, wenn das Haus brennt.