Wie halten Sie es mit der Mittagspause? Sie bleiben am Bildschirm kleben, lüften ihr Büro nicht, schlingen ein Sandwich hinunter und checken nebenbei Ihre E-Mails? Eine weit verbreitete, aber denkbar schlechte Variante. Nicht oder nur halbherzig pausieren, zahlt sich weder für Mitarbeiter noch fürs Unternehmen aus. Im Gegenteil: Wer zu lange am Stück arbeitet und es nicht schafft, mal abzuschalten, büsst Konzentration und Leistung ein und macht mehr Fehler.

Pausen sind per Gesetz vorgeschrieben. Wer pro Tag mehr als sieben Stunden arbeitet, darf 30 Minuten pausieren, Bei mehr als neun Stunden sind 60 Minuten Pause fällig. Wer seine Arbeit nicht unterbricht, missachtet zudem seinen biologischen Rhythmus. Denn wie leistungsfähig Menschen sind, hängt von der Tageszeit ab und ihrem Chronotypus, das heisst, ob sie eher «Lerchen» sind, also Frühschläfer (15%), oder «Eulen», also Spätschläfer (31%), oder aber zum Mitteltyp gehören (53%).

Berüchtigtes «Suppenkoma»

Hochs verspüren die meisten am Vormittag und am späteren Nachmittag. Berüchtigt hingegen ist der Durchhänger am frühen Nachmittag, er kommt meist zwischen 13 und 14 Uhr und heisst eingängig «Suppenkoma» – damit ist die bleierne Müdigkeit nach dem Mittagessen gemeint.

Arbeitspsychologen und Ernährungsberater sind sich einig: Pausen sind unverzichtbar, um frisch durch den Arbeitstag zu kommen. Und von zentraler Bedeutung ist die Mittagspause.

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Dass man sie nutzen sollte, ist das Credo in vielen Firmen. Beispiel Basler Versicherung: Hier legt man den Beschäftigten ans Herz, sich wenigstens 30 Minuten Auszeit zu gönnen. Auch längere Pausen darf man ungeniert machen, durch Gleitzeit sei das kein Problem, sagt Mediensprecher Dominik Marbet. Bei der Basler wie auch bei ABB legt man zudem Wert auf gesunde Kantinenkost mit Vollwertprodukten, Salaten, Früchten, frisch gepressten Fruchtsäften und kalorienreduzierten Fit-Menüs.

Auch an der HSG verachtet man nicht das gepflegte Päuschen. Sehr beliebt bei Studenten wie bei Angestellten: Das grosse Sportangebot der Uni. Die einen holen sich den Frischekick beim Fitnesstraining, andere setzen auf Entspannung und Konzentration durch Yoga.

Rückzugsorte zum Dösen oder Meditieren sind in Schweizer Firmen noch nicht die Regel, aber im Kommen. So hat etwa die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers Ruheräume eingerichtet. IBM Schweiz verfügt über einen Ruheraum schon seit vielen Jahren. Er steht Mitarbeitern den ganzen Tag zur Verfügung und wird rege genutzt. Kontrolliert werde nicht, jeder könne die Ruheinsel nach seinem Gusto nutzen – zum Abschalten, Entspannen oder fürs Nickerchen zwischendurch.

Apropos Mittagsschlaf: Ob er wirklich die gewünschte Erquickung bringt, ist nicht garantiert, sagt Martin Zurbriggen, der Gesundheitskurse für Firmen anbietet (siehe auch «Nachgefragt»). Denn: «Menschen reagieren unterschiedlich darauf.»

Während die einen mit einem 15-Minuten-Powernap Energie für einen anspruchsvollen Nachmittag tankten, kämen die anderen nachher kaum mehr auf Touren. Deshalb: Erst mal Probe schlafen – und wenn es keine Ruheräume gibt, den Chef informieren, ehe man am Schreibtisch wegdämmert.

Um frisch in die zweite Tageshälfte zu starten, empfiehlt Zurbriggen einen Mittagsspaziergang. Er versorge den Körper mit Sauerstoff, fördere die Durchblutung und helfe gegen Verdauungsmüdigkeit besser als die x-te Tasse Kaffee.

 

NACHGEFRAGT
«Länger arbeiten heisst nicht, dass das Resultat besser wird»

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Martin zurbriggen, Bewegungs-, Entspannungs und Ernährungsberater, Merlischachen

In der Mittagspause ein Sandwich am Schreibtisch verdrücken und nebenbei E-Mails checken – warum ist das nicht empfehlenswert?

Martin Zurbriggen: Viele Leute klagen heute über Stress- und dieser ist auch nicht immer zu vermeiden. Wer seine Mittagspause jedoch so verbringt, packt eine zusätzliche und vor allem unnötige Portion Stress oben drauf. Eine unkluge Strategie, denn zum einen fällt der Erholungseffekt der Mittagspause weg, und zum anderen schlingt man unkontrolliert etwas Essbares runter. Ein solches Verhalten ist kontraproduktiv für die Motivation und ein Horror für das Verdauungssystem.

Viele Büroangestellte behaupten, sie hätten einfach keine Zeit für eine Mittagspause.

Zurbriggen: Es mag Arbeitstage geben, an denen tatsächlich keine Mittagspause möglich ist. Das sollte allerdings die Ausnahme bleiben, sonst stimmt etwas grundsätzlich nicht. Ausserdem: Über Mittag durcharbeiten heisst in erster Linie, dass man länger bei der Arbeit sitzt. Ob dadurch das Resultat besser wird, ist eine ganz andere Frage.

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Wie lange sollte der Mittag sein?

Zurbriggen: In Ruhe genussvoll zu Mittag essen, abschalten, auf andere Gedanken kommen, dafür würde ich 45 Minuten einplanen. Eine Mittagspause kann aber auch mehr beinhalten: Joggen, Spazieren, Entspannungs- übungen, Einkaufen. Je mehr ich in meiner Mittagspause erledigen möchte, desto länger muss sie logischerweise sein. Es wäre absurd, wenn jemand ein Sandwich runterschlingt oder ganz aufs Essen verzichtet, nur um eine Einheit Sport oder autogenes Training reinzudrücken.

Hat es sich herumgesprochen, dass man in der Kantine keine fetten Riesenportionen verdrücken sollte?

Zurbriggen: Es ist wohl nicht mehr wegzudenken, dass in Kantinen auch gesunde Menüs angeboten werden. Kantinenbetreiber haben in der Regel aber nicht nur den Auftrag, ein ausgewogenes Angebot sicherzustellen, sondern auch ein Budget, das sie einhalten müssen. Und es ist eine Tatsache, dass mit Gerichten wie paniertes Schnitzel und Pommes frites immer noch die besten Umsätze erzielt werden.

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Wie verpflegt sich der Büromensch clever?

Zurbriggen: Im Gegensatz zur Muskulatur verwendet unser Gehirn nur Kohlenhydrate als Treibstoff. Das Mittagmenü für Büromitarbeiter sollte also Pasta, Reis, Kartoffeln oder Brot enthalten. Eine Portion Salat, Gemüse, Früchte oder ein Glas Saft gehört zu jeder Mahlzeit. Dadurch nehmen wir nicht nur wertvolle Vitamine, Mineralstoffe und Nahrungsfasern zu uns; diese Komponenten sättigen auch gut bei geringem Kaloriengehalt. Über den Tag verteilt ausreichend Wasser trinken trägt ebenfalls dazu bei, konzentriert und leistungsfähig zu bleiben.