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Kriminelle Mitarbeiter: Kumulativer Schlamassel

UBS-Händler Adoboli: Viele Firmen vernachlässigen die Prävention. (Bild: Keystone)

Viele Unternehmen scheuen Ausgaben für Prävention und Kontrolle – und zahlen teuer dafür. Dabei gäbe es Mittel, um kriminelle Mitarbeiter zu erkennen.

Von Thomas Pfister und Madeleine Stäubli-Roduner
am 22.09.2011

Seine Nachbarn erzählen, in letzter Zeit sei er kaum mehr in seiner Wohnung gewesen. Kweku Adoboli habe plötzlich sehr lange gearbeitet – oft auch nachts. Mit einem Trick hatte der 31-jährige Händler das Computersystem der UBS überlistet. Am Ende blieb statt eines hohen Gewinns aber ein Fehlbetrag von 2,3 Milliarden Dollar. «Ich brauche ein Wunder», schrieb er vor dessen Auffliegen auf Facebook.

Für die Zürcher Psychiaterin und Gutachterin Francesca Steinmann ist Adobolis Fall typisch für einen «kumulativen Schlamassel» – den Versuch, kleine Fehler zuerst durch immer riskantere Wetten auszubügeln.

Adoboli bescherte mit seinen Fehlspekulationen seiner Arbeitgeberin nicht nur Verluste, sondern auch einen immensen Imageschaden. Es muss indes nicht immer ein aggressiver junger Investmentbanker sein; auch kleinere Fische können einer Firma durch kriminelle Handlungen massiv schaden.

«Psychologisch betrachtet hat jeder Mensch kriminelle Energien», erzählt Stephan Brannys. Der deutsche Experte für Wirtschaftskriminalität weiss, wovon er spricht. 1995 stahl er im Auftrag eines Hehlers bei Hewlett Packard Memory-Boards im Wert von rund 32 Millionen Euro und ergaunerte so für sich 6 Millionen Euro. Der Fall flog nur per Zufall auf, nachdem man den Schaden bereits als «Buchungsfehler» eingestuft hatte.

Es gibt klare Indizien

Für Brannys ist klar: «In der Regel hat jeder Mensch seinen Preis.» Eine Belegschaft, von der keinerlei Gefahr ausgehe, sei deshalb nur ein frommer Wunsch. «Alle Mitarbeiter sind potenzielle Täter», so der Ex-Betrüger und heutige Dozent.

Eine vertrauenswürdige Belegschaft entsteht für Brannys nicht automatisch, indem man nur Mitarbeitende einstellt, die keinen Eintrag im Strafregister und ­einen perfekten Leumund haben. Oder die nicht in eine Klassifizierung von Tätertypen eingeordnet werden können. «Es gibt keine Garantie, dass gewisse Menschentypen ‹vollkommen› und ‹unfehlbar› sind», sagt er. Denn Gelegenheit macht Diebe. Daher findet man Täter in allen Bereichen und Schichten, «sei es am Fliessband oder im Management selbst».

Für Psychiaterin Steinmann ist es neben den Rahmenbedingungen insbesondere eine Frage der Persönlichkeitsstruktur, ob jemand kriminell wird oder nicht. «Verschiedene Studien haben ergeben, dass sich kriminelle Mitarbeiter von un­bescholtenen Kollegen durch bestimmte Eigenschaften unterscheiden», sagt sie.

«Dazu gehören Unfähigkeit zum Aufschieben von Bedürfnissen, Reizhunger und erhöhte Risikobereitschaft, eingeschränkte Fähigkeit zur Einhaltung von Regeln, Impulsivität, hochgradige Karriereorientierung, überhöhtes und dabei labiles Selbstwertgefühl, externe Kontrollüberzeugung, Unfähigkeit aus Bestrafung zu lernen und andere mehr», zählt Steinmann auf.

Unternehmen verzichten auf professionelle Auswahlverfahren

Die Herausforderung ist es, Persönlichkeiten mit Hang zu Betrügereien zu vermeiden und dennoch gute Kandidaten zu finden. Das ist eine heikle Gratwanderung, denn Kandidaten etwa im Investment-Banking müssen eine «angemessene Risikobereitschaft, gepaart mit Frustrationstoleranz, intakter Impulskontrolle und sozialer Verträglichkeit» aufweisen.

Das gilt es durch die Personalverantwortlichen bereits im Anstellungsverfahren herauszuspüren. «Dies kann vernünftig nur im konkreten Fall erfolgen, zum Beispiel im Rahmen ausgewiesener Assessments durch erfahrene und mit der Problematik vertraute Fachpersonen», sagt Psychiaterin Steinmann.

Häufig verzichten Unternehmen aber sowohl auf professionelle Auswahlverfahren als auch auf teure Sicherheitskonzepte, die helfen könnten, kriminelle Angestellte rechtzeitig zu erkennen. Sie hoffen schlicht darauf, keinen Bösewicht in die eigenen Reihen aufzunehmen.

Es ist eine trügerische Hoffnung. Denn meist sind die potenziellen Betrüger schon längst da: «In rund der Hälfte der Wirtschaftskriminalitätsfälle stammt der Täter aus dem Kreis der eigenen Mitarbeitenden», weiss auch das Anti-Fraud-Team von PricewaterhouseCoopers in Deutschland, welches mit seinen 70 Leuten Unterstützung bietet «bei der Verhinderung, Aufdeckung und Verfolgung arglistiger Handlungen» in Firmen.

Schaden wird abgeschrieben

Denn wenn weder Vorsorge getroffen wird noch ein Sicherheitskonzept existiert, das sofort Alarm schlägt, entdeckt ein Unternehmen ein Leck oft erst zufällig, nach Monaten oder Jahren, wenn der materielle und vor allem der Imageschaden nicht mehr abzuwenden ist.

Viele Unternehmen vernachlässigen die Prävention sträflich, beobachtet auch Experte Brannys. Entsteht ihnen doch ein Schaden durch kriminelle Handlungen, wird er steuerlich und versicherungstechnisch abgeschrieben. «Unter dem Strich fahren viele Unternehmen damit besser als mit aufwendigen Sicherheitskonzepten, die sehr teuer sind.»

So kann jemand die Schwachstellen im Unternehmen gezielt ausnützen, weil er daraus relativ sichere Gewinne erwarten kann. Diese Haltung ist allerdings verheerend: «Für einen kriminellen Mitarbeiter wird hier optimale Beihilfe zu einer Tat ­geleistet.» Dadurch wird die Wirtschaftskriminalität nicht bekämpft, sondern regelrecht gefördert. Aus Gutmütigkeit, Unwissenheit, Sparen am falschen Ort oder schlichter Dummheit.

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