Im Geschäftlichen war bei Kuoni jüngst der totale Umbruch angesagt. Dass Kuoni seine Reiseveranstalter und damit seine Herkunft verkauft hat – war das wirklich der richtige Entscheid?
Zubin Karkaria*: Ja, davon bin ich überzeugt.

Hat Kuoni die digitale Transformation verschlafen?
Nicht zwangsläufig. Ich bin selber seit über 20 Jahren im Reisegeschäft. Ich verstehe das Business. Und ich bin seit bald 20 Jahren, in verschiedenen Jobs, für Kuoni tätig. Kuoni hat nicht die digitale Umwälzung verpasst – sondern sich dazu entschieden, auf globale Bereiche zu fokussieren, in denen wir Marktleader sein können, und dies mit sehr moderner digitaler Infrastruktur.

Kuoni hätte zum Marktführer im angestammten Geschäft werden können.
In Skandinavien schaffte es Kuoni immerhin, über 70 Prozent des Geschäfts mit Pauschalreisen online zu erzielen. In den anderen Märkten verfügten wir teilweise über hochstehende, komplexe Reiseprodukte, die weniger für die Online-Abwicklung geeignet sind. Wir haben uns entschieden, dort zu investieren, wo wir führend sein können. Es war die richtige Entscheidung. Manchmal versucht man vergebens, ein Meister in allem zu sein – und verpasst es so, ein Spezialist auf einem Gebiet zu werden.

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Was ist denn nun die Spezialisierung der Kuoni Group?
Wir haben die drei Bereiche behalten, in denen wir Marktführer sind oder sein können. Im Visa-Geschäft VFS Global, das ich von Dubai aus führe, sind wir es schon. Hier haben wir einen weltweiten Marktanteil von gegen 50 Prozent. In der Sparte Global Travel Distribution GTD belegen wir je nach Marktbetrachtung Platz eins oder zwei. Hier bieten wir vom Hauptsitz in London aus Reiseunternehmen Dienstleistungen wie Übernachtungen, Transfers oder Exkursionen an, sind quasi der weltweite Distributionspartner solcher Angebote mit zigtausend Transaktionen täglich. Die dritte Division, Global Travel Services GTS, mit Sitz in Zürich, bietet vor allem massgeschneiderte Gruppenreisen, meist für asiatische Reiseveranstalter und deren Endkunden an.

Drei verschiedene Sitze, Divisionen, die sich vom Namen her kaum auseinanderhalten lassen – als kohärentes Trio kommt das nicht daher. Und der Bereich Nummer drei hat massive Probleme.
GTS geriet durch den rückläufigen Quellmarkt in Japan für das Gruppenreisegeschäft und in Russland für das Destination Management in Rücklage. Aber wir bringen diese Division 2016 wieder auf Kurs und sollten dann 2017 wieder richtig positioniert sein.

Wo setzen Sie nun als Chef die Prioritäten?
Zunächst sind mir die Kultur und Einstellung der ganzen Organisation wichtig. Oder, wie man auf Englisch sagt, die «Can-do»-Attitude, Optimismus und Tatendrang.

Gab es das noch nicht in der Firma?
Ich sage einfach, dass ich darauf fokussieren und dabei Teams aufbauen möchte, die stark auf Performance ausgerichtet sind. Wir brauchen Emotionalität und Motivation, damit der frühere Unternehmergeist zurückkommt.

Wie führen Sie?
Ich bin der festen Überzeugung, dass kluge Köpfe der grösste Aktivposten ausserhalb der Bilanz sind. Es geht darum, Anreize für die Leistungsträger zu schaffen. Von den Leuten, die nicht die Leistung erbringen können oder wollen, muss man sich trennen. Was ein Chef also tun soll: Er muss seine Leute managen, damit diese das Geschäft managen. Deshalb ist es richtig für Kuoni, dass die drei Divisionen mit eigenen divisionalen Chefs funktionieren. Jeder Manager muss wissen, was für seine Organisation das Beste ist.

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Sie sind bekannt dafür, schnell vorwärtszumachen. Was geschieht mit Leuten, die Ihrem Speed nicht folgen können?
Es müssen nicht alle gleich schnell sein. Hier sind Chefs beim Einstellungsprozess in besonderem Masse gefordert. Jeder hat seine Stärken und Schwächen. Ein Analyst beispielsweise, der ein Business oder ein Marktumfeld durchleuchten soll, muss nicht so auf Speed sein wie jemand, von dem schnelle Umsetzungen gefragt sind.

Welches sind neben der Firmenkultur Ihre Baustellen bei der Kuoni Group?
Wir haben nach dem Verkauf der traditionellen Reiseveranstalter unseren Aktionären versprochen, Prognosen einzuhalten, Massnahmen umzusetzen und Kosten zu reduzieren.

Sie wollen auf der einen Seite den Spirit der Angestellten hochfahren und auf der anderen Seite die Kosten herunterfahren? Das geht doch nicht auf!
Ich würde nicht von herunterfahren sprechen, sondern von anpassen. Vor dem Verkauf des Tour-Operating war Kuoni eine Firma mit 5,5 Milliarden Franken Umsatz und gegen 12'000 Mitarbeitenden. Jetzt sind es noch 3,4 Milliarden Franken und knapp 8000 Leute. Da ist es klar, dass man die Kosten gegen unten anpassen muss. Man kann nicht mit einem Lastwagen unterwegs sein, wenn es nun ein kleineres Auto braucht. Wir haben den Aktionären versprochen, die Grösse anzupassen – und das tun wir jetzt, um auf ein zeitgemässes Mass zu kommen.

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Die Kuoni Hugentobler Stiftung kontrolliert mit nur 6,25 Prozent des Kapitals 25 Prozent der Stimmrechte. Zeitgemäss?
Die Stiftung hat die operativen Aktivitäten der Kuoni Group in der Vergangenheit immer unterstützt.

Die Situation ist so perfekt, dass Sie das niemals ändern wollen würden?
Die Stiftung behinderte bisher das Geschäft nicht.

Treffen Sie sich regelmässig mit der Stiftung?
Ich treffe mich mit den Verantwortlichen, ja. Bisher aber noch nicht als Chef der Kuoni Group.

Ist die Kuoni Group fertig gebaut? Oder denken Sie an Auf- oder Abbau?
Für den Moment steht die Gruppe gut so. Wobei aus den drei Bereichen auch neue Erträge kommen können. Nehmen Sie die Sparte VFS Global: Hier sind wir heute vor allem im Visa-Geschäft, doch Erweiterungen in Richtung Identity Management zeichnen sich ab.

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Was meinen Sie damit?
Die Identitätsüberprüfung von Personen in jeder Art, auch in biometrischer Weise. Im Auftrag von Regierungen etwa verarbeiten wir Aufenthalts- und Arbeitsbewilligungen. Das tun wir bereits in Südafrika. Hinzu kommen viele mögliche Anwendungen wie etwa Geburts- oder Todesurkunden, Ausweise und Lizenzen aller Art. Für die indische Regierung etwa sind wir tätig im Bereich der Grundbucheinträge.

VFS wird zur Einwohnerkontrolle?
Wir nutzen unsere Kernkompetenz, um dann zusätzliche Dienstleistungen daraus zu entwickeln. Wir kennen uns auch aus bei der Augenerkennung für die Zutrittskontrolle. Vor zwei Monaten hat VFS Global eine strategische Partnerschaft mit der deutschen Veridos beschlossen, einer Spezialistin für Ausweissysteme, hier können wir Behörden stark unterstützen.

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Was sagen Sie zu Gerüchten, wonach die Kuoni Group weitere Teile abspalten könnte?
Zu solchen Spekulationen nehme ich keine Stellung. Als ich am 5. November als Chef angetreten bin, habe ich klar gesagt, dass es mein Plan ist, alle drei Divisionen weiterzuentwickeln, die heute die Kuoni Group bilden. Und dies ist zurzeit weiterhin mein Plan.

 

 

Wohin gehen Sie in die Ferien?
Überall, wo ich nicht shoppen gehen muss. Mir gefällt es, wo ich den ganzen Tag relaxen kann und nichts tun muss. Auf Koh Samui die Füsse hochzulegen, ist grossartig. Und meine Frau liebt die Schweiz, vor allem Luzern und Interlaken.

Und was lieben Sie an der Schweiz?
Mein allererster Job war es, die Schweiz in Indien zu vermarkten. Ich war einer der Ersten, die Inder auf den Titlis und auf die Jungfrau brachten. Als ich bei Kuoni in Indien war, starteten wir für die Schweiz ein gutes Geschäft. Die Schweiz ist für mich also so etwas wie eine zweite Heimat.

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Wie steht es um das Image der Schweiz in Indien? Uns scheint, es habe nachgelassen.
Auf keinen Fall. Fragen Sie einen Taxifahrer in Mumbai, wo er am liebsten hinreisen möchte. Er wird die Schweiz nennen. Die Schweiz verfügt immer noch über den Wow-Faktor in Indien.

Warum zentralisieren Sie dann nicht alle drei Kuoni-Group-Segmente hier?
Ganz einfach: Ich bin nicht in den Ferien hier. Unsere Märkte sind in Asien, im Mittleren Osten und in Europa. Wir müssen das tun, was gut ist fürs Geschäft. Eine zusätzliche Kostenstruktur aufbauen in der Schweiz gehört nicht dazu.

Lernen Sie Deutsch?
Ich lerne Dinge, die nötig und wichtig fürs Geschäft sind. Von unseren insgesamt 8000 Angestellten sprechen etwa 200 Deutsch als Muttersprache und sie können auch Englisch.

Jüngst fand die Kuoni-Weihnachtsfeier im Zürcher Hotel Marriott statt. Was sagten Sie den Leuten?
Merry Christmas. Hoffentlich feiern wir alle nächstes Jahr eine grössere Party.

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* Zubin Karkaria arbeitet seit 1999 für Kuoni, seit November 2015 leitet er die Gruppe. Der 47-Jährige ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Karkaria lebt zusammen mit seiner Familie in Dubai, verbringt aber die meiste Zeit in Zürich.