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Landbäcker treibt Hiestand zum Galopp

Der leidenschaftliche Reiter hat alle Hürden gemeistert und ist vom Bäckerlehrling zum Hiestand-Chef aufgestiegen, einer der grössten Hersteller in der europäischen Tiefkühl-Backwarenbranche. Dabei ha

Von Gret Heer (TEXT)Zvonimir pisonic (FOTOS)
am 24.10.2007

URS JORDI. Die Karriere des Bäckergesellen zum Hiestand-Chef hat erst einen klaren Bruch erlitten: Letzten Mai wurde Urs Jordi nicht wie vorgesehen gleichzeitig zum CEO und Delegierten des VR gewählt. Er durfte «nur» den CEO-Stuhl übernehmen. «Ich verzichtete freiwillig», sagt der Tatmensch. «Ich will meine Zeit dem konkreten Geschäft widmen und nicht theoretischen Diskussionen zum Doppelmandat.»

Die Stimmenmehrheit für die Wahl hätte er gehabt, aber die lautstarke Kritik im Vorfeld der Wahl hat ihn abgeschreckt. Dass sich der Investor New Yorker Focus Capital auf die Seite seiner Ablehner schlug, schmerzt ihn nicht. Das liege daran, dass der Hauptaktionär, die irische IAWS, einen Sitz im Hiestand-Verwaltungsrat hat. Die New Yorker Investoren befürchten, der irische Brotbäcker von IAWS hätte gegenüber Focus Capital einen permanenten Wissensvorsprung. Focus Capital sähe lieber unabhängige, externe Verwaltungsräte.

Ein Problem in Polen lösen

Bereits seit sieben Jahren ist klar, dass Jordi einst zum Nachfolger von Wolfgang Werlé als CEO gekürt wird und auch einen Sitz im Verwaltungsrat haben soll. Trotzdem will Jordi seine Laufbahn nicht als gradlinig geplant sehen: «Dreimal musste ich mich bewerben, bis Fredy Hiestand mich vor elf Jahren zum Bewerbungsgespräch eingeladen hat.» War er als kaufmännischer Leiter bei der Migros-Tochter Jowa bereits am Ende der Karriereleiter im Migros-Betrieb angelangt? «Keineswegs, aber die Migros-Welt hört kurz nach der Landesgrenze auf.»Beim Bewerbungsgespräch mit Fredy Hiestand wurde rasch klar, dass Jordi für ihn zuerst ein Problem in Polen lösen musste. Quasi sein Gesellenstück. Er sollte einen Betrieb schliessen und höchstens zwei Monate in Warschau verbringen. Schliesslich blieb Jordi sechs Jahre lang als Geschäftsführer in Polen. Denn der polnische Betrieb, der geschlossen werde sollte, entpuppte sich als lukratives Wachstumsgeschäft. Jordi wechselte zuerst die Führungsmannschaft aus und stellte vorwiegend junge Frauen im Alter von 20 bis 35 Jahren an, die seine Führungscrew bildeten. «Leistungsträger waren in Polen immer die Frauen.»«Und jetzt stellen Sie sicher die Frauenfrage?», lacht er verschmitzt. In der Tat: Auch privat hat er sein Herz an Polen verloren. Letzten Mai heiratete er eine Polin, die früher ebenfalls bei Hiestand gearbeitet hatte. Mit ihr wohnt er heute auf einem ehemaligen Bauernhof in Rütihof, Kanton Aargau. «Da ist es nachts totenstill!» Der nächste Nachbar wohnt einen halben Kilometer entfernt. Einzig drei Pferde, eine Katze und zwei Hunde, die er aus Polen mitgenommen hat, leisten dem Paar Gesellschaft. «Polen war für mich eine Lebensschule.» Für einen Westeuropäer wie ihn seien die Zustände im aufstrebenden wilden Osten ein Schock gewesen, sagt er: «Es herrschte Goldgräberstimmung, alles lief extrem schnell, und ich musste rasch lernen, das Andere, Neue zu akzeptieren und mich anzupassen.» Die Führungspyramide sei im Vergleich zur Schweiz viel kleiner gewesen. Mit einer Crew von fünf Führungsleuten leitete er 600 Mitarbeitende. Polnisch lernte er auf eigene Faust.

Erst in der Warteschlaufe

Vor der Weihnachtsfeier 2002 wurde er von Fredy Hiestand in ein Warschauer Kaffeehaus eingeladen. Dort eröffnete ihm der damalige Hiestand-Boss, dass er Jordi als seinen Nachfolger auserkoren habe. Beide sind einander ähnlich: Ausgebildete Bäcker und Praktiker, die gerne selber anpacken. Und beide sind unkompliziert im Umgang, lachen gern und oft. Doch Jordi musste noch ein paar Jahre warten, bis er den Chefsessel erobern konnte. Denn die Ereignisse überstürzten sich: Fredy Hiestand hat das Unternehmen schneller verlassen als geplant. Wolfgang Werlé wurde als CEO eingesetzt, und Jordi kehrte zurück in die Schweiz in die Konzernleitung, zuständig für Logistik und Produktion. «Rückblickend war das gut so», meint Jordi. Er konnte auf diese Weise die ganze Beschaffungskette von Hiestand im Detail kennen lernen und neu strukturieren. Was heute in seiner CEO-Funktion besonders nützlich sei.Eine andere wichtige Lebensschule ist für Jordi die Schweizer Armee. «Ich bin aber kein Militarist», betont er. «Aber wo erhält ein junger Mann von 18 oder 19 Jahren die Gelegenheit, für andere Verantwortung zu tragen als im Militär?» Er diente 1000 Tage durch, wurde Korporal, Zugführer, später Hauptmann. Mit 22 Jahren konnte er bereits eine Mannschaft von 300 Männern führen. Das Militär hat grossen Einfluss auf seine Denk- und Führungslogik ausgeübt. «Im Leben gibt es nur ein Problem, und das ist die Zeit. Der heilige militärische Führungsgedanke heisst: Gewinne Zeit!» Diese Maxime hat er sich im Militär antrainiert und braucht sie auch heute noch im Unternehmen. «Ich bin ein Truppier.» Das ist Soldatensprache für einen Offizier, der lange in der Truppe diente und zum ausgesprochenen Praktiker geworden ist.In der Tat ist Jordi ein Mensch der Tat. Er hat sein Metier quasi bereits mit der Muttermilch eingesogen und von der Pike auf in der Praxis gelernt: Aufgewachsen ist er mit drei Schwestern in einer Bäckerfamilie in Muhen im Kanton Aargau. «So eine Bäckerei ist ein Gemeinschaftsunternehmen, der Vater in der Backstube, die Mutter, eine Angestellte und Lehrtochter im Laden. Und natürlich mussten dabei auch die Kinder mithelfen.» Das präge die Gemeinsamkeit, aber auch das Pflichtbewusstsein. «Das Wort Langeweile kenne ich bis heute nicht.» Nach der Bezirksschule wollte er etwas Praktisches anpacken und habe mehr aus Einfallslosigkeit den Bäckerberuf gelernt. Nach der dreijährigen Lehre arbeitete er in der Backstube, erst später hat er sich auch betriebswirtschaftlich ausgebildet.

Hohe Akzeptanz

«Er ist einer, der von der Basis kommt und sich hochgearbeitet hat. Er hat Ahnung vom Fach und findet daher den Kontakt leicht zu seinen Mitarbeitenden, weil er ihre Probleme kennt», sagt seine langjährige Assistentin Birgit Walther, die bei Hiestand in Polen ihr Volontariat gemacht hat. «Die Akzeptanz ist höher als von jemandem, der nur Betriebswirtschaft studiert hat.» Auch VR-Präsident Wolfgang Werlé sieht die Praxisnähe als grosse Stärke seines Nachfolgers: «Urs Jordi führt die Leute direkter. Er steckt tiefer in der konkreten Materie drin, kann auch über die Konsistenz des Teigs und über Backlinien sprechen.» Gemeinsam verfolgen die beiden weiterhin das Ziel, mit Hiestand die Umsatzmilliarde zu erzielen.Jordis Assistentin wagt auch Kritik an Jordis Zeitnot: «Er arbeitet sehr schnell, sodass die Zusammenarbeit hie und da hektisch und dynamisch ist.» Die meiste Zeit verbringt er ausserhalb des Büros, im Ausland, am Produktionsort. Im Unternehmen duzt jeder jeden. Und jeder kennt Jordi.Zum Ausgleich zu seiner Arbeit joggt Jordi jeden Morgen eine halbe Stunde lang durchs Gelände und schaut abends zu seinen Pferden. «Pferde sind mein Hobby.» Bereits mit 25 Jahren hat er ein eigenes Pferd gekauft, das sonst in der Metzgerei gelandet wäre. Heute besitzt er zwei Rennpferde und zwei ehemalige Rennpferde und verbringt seine Freizeit auf den Rennplätzen in Aarau und Dielsdorf. Selber ein Rennen zu reiten, wagt er nicht: «Mir ist das Leben zu lieb», lacht er. Kulturell macht er wenig. «Dafür ist meine Frau musisch veranlagt – sie zeichnet.»Und was treibt ihn an im Kampf gegen die knappe Zeit? «Erfolg zu haben für mich und mein Unternehmen.» Was aber bedeutet Erfolg? «Erfolg misst sich an der Rendite.» Und was bedeutet ihm, den Höhepunkt seiner Karriere erreicht zu haben? «Das ist eine Fehleinschätzung: Jetzt geht es erst richtig los!»

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1989–1995

1996–2002

2002–2004

2004–2007

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