Andrea Pfeifer muss keinen Nobelpreis abwarten, um sicher zu sein, dass sie eine existenziell wichtige Aufgabe erfüllt auf dieser Erde: Dank ihrer Forschung und ihrem Wissen um Krebszellen und dagegen gerichtete Antikörper konnte sie ihrem Vater und einer persönlichen Mitarbeiterin helfen, den Kampf gegen diese schreckliche Krankheit aufzunehmen.

Inzwischen ist ihr Vater altersbedingt verstorben, doch einige seiner Gene und Eigenschaften leben in Andrea Pfeifer weiter. Die Pharmazeutin ist eine forsche Forscherin und eine rigide Unternehmerin zugleich: Sie führt ihr 30-köpfiges Team mit starker Hand und weichem Herzen, das sie wiederum von ihrer heute 90-jährigen Mutter geerbt hat. Pfeifer wird nicht laut, aber sehr bestimmt, wenn es darum geht, ihren Standpunkt durchzusetzen und Ziele vorzugeben. «Passion» - Leidenschaft - ist ihre wichtigste Eigenart, und «Impatience» - Ungeduld - die Kehrseite davon.

Genentech als Geldgeber

Und sie hat Erfolg damit: Andrea Pfeifer hat es auf die Bühne des World Economic Forum 2009 geschafft und freut sich unter anderem auf Angela Merkel und die Herren Putin und Blair. Ihr Unternehmen, so klein und fein es ist, hat sich längst die Aufmerksamkeit der Biotech-Branche und die finanzielle Unterstützung des amerikanischen Unternehmens Genentech verdient.

Anzeige

Ende 2006 vereinbarte AC Immune einen Exklusivlizenzvertrag mit Genentech über mehr als 300 Mio Dollar. Im Dezember 2008 wurde überdies eine Finanzierungsrunde von 40 Mio Fr. abgeschlossen. «Für die Mutigen ist der Return on Investment gross», verrät die 51-jährige Unternehmerin. Der Vertrag mit Genentech ist speziell interessant vor dem Hintergrund, Roche könnte Genentech übernehmen. Kein Wunder, zählt «HBM», wie sie ihn nennt - Henri B. Meier, Ex-Finanzchef von Roche - zu ihren Vertrauten und ist ein Mensch, zu dem sie aufschaut.

Bescheidenheit in Reinkultur

Wer den Schick von Pharmafirmen gewohnt ist, stutzt beim Besuch der AC Immune: In einer Immobilie der EPFL Lausanne gelegen, verkörpert die Firma Bescheidenheit in Reinkultur. Hier wird offensichtlich in Projekte, nicht in Prestige investiert, und die Mitarbeitenden bleiben trotz Visionen fest auf dem Boden: Die Menschen haben hier kaum mehr Platz als ihre Labormäuse. Die Besprechungsnischen werden von geschenkten Dingen und Interio-Möbeln dominiert. Nur die eleganten Kleider und Schuhe der Chefin stechen ins Auge.

Die Einfachheit tut der Kommunikation unter den insgesamt 19 Nationalitäten keinen Abbruch, ganz im Gegenteil: Die Bürotüren stehen offen, und ein Teil der Labors ist für Mitarbeitende wie Besucher zugänglich. Warum ist das nicht bei allen Firmenlabors so? Andrea Pfeifers trockener Kommentar: «Man muss die Proben vor den Menschen schützen, nicht umgekehrt.»

Was wird in den Labors genau erforscht? Die Suche nach einem Heilung bringenden Medikament geht in drei Richtungen: Zu injizierende Antikörper; sie werden in den USA bereits am Menschen getestet. Kleine Moleküle, die oral eingenommen werden sollen; das «Go» für eine Klinische-Phase-II-Studie haben die Behörden bereits erteilt. Drittens eine Impfung, die 2009 in die klinische Prüfung aufgenommen werden soll. Alles zur Bekämpfung von Alzheimer. Die Medikamente greifen die kranken Proteine an und lassen die gesunden Proteine in Ruhe.

Die Sporen bei Nestlé abverdient

Warum werden 60% der weltweit etwa 24 Mio Menschen irgendwann nach dem 65. Altersjahr dement und aggressiv? Immerhin fressen zwei alzheimerkranke Mäuse im gleichen Käfig einander auf. Wenn sie das Medikament von AC Immune erhalten, werden sie wieder gesund, gewinnen ihre Gedächtnisleistung zurück und verhalten sich normal.

Noch gibt es nur biologische Erklärungen: Andrea Pfeifer spricht von einem löslichen Protein, das sich plötzlich falsch falte, dadurch verklebe und verklumpe und so die 1906 entdeckte Alzheimer-Krankheit auslöse.

Pfeifer war 16 Jahre lang im Nestlé Research Center NRC in Lausanne tätig, zuerst als Abteilungsleiterin, dann als Direktorin des NRC und Vize-Direktorin von Nestlé. Die starken Beziehungen aus dieser Zeit nutzt sie auch in ihrer neuen Funktion: «Früher habe ich bei Nestlé die Universitäten unterstützt, jetzt ist es oft umgekehrt.» Neben infrastrukturellen Dingen benötige sie «Neurowissenschafter der Zukunft, welche ihre Exzellenz einbringen und meine Visionen teilen». Als Dozentin speist sie den Unis wiederum ihre Erfahrung ein und lebt vor, was zum Erfolg führt: «Es gibt immer einen Weg ans Ziel.»

Dies erklärt, warum die Professorin nach eingehender Prüfung den Standort Lausanne wählte und nicht Deutschland, Frankreich oder die USA. «Zudem sind die Schweizer Löhne nicht mehr höher als die anderer Länder. Und hierzulande wird mehr gearbeitet als anderswo.» Die zur Schweiz passende Multikulturalität sei für die Forschungsresultate nur förderlich, weiss die sprudlige Münchnerin.

Ein Highlight in ihrem Forscherleben war die Kreation des verdauungsfördernden und immunstimulierenden Yoghurts LC1. «Ich war fasziniert von der Idee, den Nahrungsmitteln eine Gesundheitsfunktion zu geben. Für diese und andere Nestlé-Produkte der Reihe Functional Food habe ich Tag und Nacht gearbeitet.»

Fast wäre sie Koch geworden

Geblieben ist ihr Ansatz, erstklassig zu sein. «Als AC Immune machen wir wenig, aber dies sehr fokussiert und auf höchster Ebene. Unsere Leistungen sind ebenso gut wie die von führenden Pharmaunternehmen. Wer ausser uns hat nach vier Jahren schon drei Produkte in klinischen Studien?»

Andrea Pfeifer ist so speziell wie die eigenwilligen Kunstwerke an ihrer Bürowand und wie die Menüs, die sie mit grosser Leidenschaft zubereitet. «Die Kreativität beim Kochen und im Labor ist die gleiche!» In jungen Jahren wäre sie fast Koch geworden, doch nach zwei Jahren stieg sie aufs Studium um: «Ich wollte der Gesellschaft mehr nützen als nur mit einem Hotel oder Restaurant, das mein Vater mir gekauft hätte. Mein grosses Vorbild war die Nobelpreisträgerin Marie Curie.»

Da ist er wieder, der geliebte Vater, dessen von Krebs bestimmtes Leben sie zu verlängern half. Der Gesprächskreis schliesst sich. Wie er arbeitet die einzige Tochter, die als Kind zwei Klassen überspringen konnte und schon mit 17 Jahren das Abitur machte, extrem analytisch, zielorientiert und intuitiv. Und wie er führt sie in der Mitte ihres Lebens ein erfolgreiches Unternehmen. Wie sie das macht? Ganz einfach: «Als Kind hatte ich immer Funktionen wie Klassensprecherin und Eventorganisatorin. Heute bringe ich mein Umfeld dazu, in höchstem Tempo Ideen in Projekte umzusetzen, sodass am Schluss ein Produkt entsteht. Entsprechend müde waren wir alle am Ende des Jahres.»

Was war die Belohnung für den Stress? «Einige Mitarbeitende konnten als Bonus eine Kaffeemaschine nach Hause tragen», erzählt die leidenschaftliche Kaffeetrinkerin. Und was putscht sie auf ausser Kaffee? «Nichts. Jedenfalls kein Hilfsmittel: Weil ich mich sehr gesund fühle, schlucke ich nie Medikamente. Wenn ich am Anschlag bin, brauche ich nichts als Ruhe.»

Zum Abschied gibt sie ihren Gästen einen Ernährungstipp mit auf den Weg: «Trinken Sie Rotwein, essen Sie Paprika, Tomatensauce, Ketchup, Cranberries und andere rote Nahrungsmittel. Der rote Farbstoff ist ein Antioxidans, das hilft, gesund zu bleiben!»