Abends schaltet Ana Jakob ihren PC ein. Tausende Kilometer weiter im Osten tut Andreas Baumeister* mitten in der Nacht dasselbe. So kann sich das Paar wenigstens für ein paar Minuten per Webcam in die Augen schauen. Seit zwei Jahren leben die zwei auf unterschiedlichen Kontinenten. «Im vergangenen Jahr haben wir uns fünfmal gesehen, natürlich ist das zu wenig», sagt der 50-jährige Baumeister. Er wohnt und arbeitet mehr als 18 Flugstunden entfernt von seiner Partnerin. Mal eben ins Flugzeug steigen, in den asiatischen Inselstaat reisen, wenn die Sehnsucht überhandnimmt, den anderen an sich drücken - das liegt unter diesen Umständen nicht drin.

Dennoch haben sich die beiden Liebenden für eine Fernbeziehung entschieden - weil es unmöglich war, ihre Karrieren unter einen Hut zu bringen. Baumeister leitet die Ländergesellschaft eines Schweizer Konzerns in einem Inselstaat in Asien. Jakob hat sich in Süddeutschland etabliert: Sie arbeitet Teilzeit als Personalchefin bei einer Ingenieurfirma, als Privatdozentin in der Erwachsenenbildung und als freiberufliche Trainerin für Managementtechniken.

Die 46-Jährige hatte sich überlegt, ihren Lebensgefährten nach Asien zu begleiten, landete aber schnell auf dem Boden der Realität. Das deutsche Konsulat machte ihr keinerlei Hoffnung auf einen interessanten Job, geschweige denn auf eine Arbeitserlaubnis. Hätte es für Jakob eine berufliche Perspektive im fernen Land gegeben, wäre sie mitgegangen.

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Fernbeziehung für Jahre

Lieber eine Fernbeziehung in Kauf nehmen als die eigenen Karrierepläne aufgeben - vor allem berufstätige Paare ohne Kinder wählen diesen Weg immer öfter. Obwohl viele Firmen gerade davon abraten (siehe Kasten). Die Paare pendeln dann zwischen den Kontinenten, und das oft für mehrere Jahre. Laut einer Studie der Universität Düsseldorf wollen bei 40 Prozent der jüngeren Paare beide Partner Karriere machen. Dies gemeinsam im Ausland zu tun, ist schwierig bis unmöglich. Vor allem für die Frauen sind die Aussichten schlecht. Denn in den meisten Fällen sind es die Männer, die von ihren Firmen ins Ausland gesandt werden - in den asiatisch-pazifischen Raum etwa oder in den Nahen Osten.

Leben in der Enklave

Für die mitreisenden Ehefrauen oder Lebensgefährtinnen bleibt meistens die klassische Rolle: Hausfrau sein, den repräsentativen Part übernehmen, sich karitativ oder kulturell engagieren. Und sich mit Schicksalsgenossinnen in Expatriate-Clubs austauschen - ein Leben in der Enklave. Früher waren mehr Frauen bereit dazu. Heute sind auch sie top ausgebildet, verfolgen ihre Laufbahn. Damit habe sich die Ausgangslage geändert, heisst es beim Spouse Career Centre in Basel. Es berät Schweizer Paare, bei denen ein Aufenthalt in Singapur geplant ist.

Was wird bei einem Wechsel aus den Karriereplänen meiner Partnerin oder meines Partners? Das ist eine der wesentlichen Fragen, die Ausreisewillige zu beantworten haben. Das bestätigt eine weltweite Studie, für die Beschäftigte aus 154 Unternehmen befragt wurden. Danach ist die mangelnde Karriereaussicht des Partners zweithäufigster Grund, einen Aufenthalt im Ausland abzulehnen. Auch in der Schweiz reissen sich denn Manager und Managerinnen nicht gerade um längere Auslandeinsätze, unter anderem wegen der unbefriedigenden Jobsituation für die Partner. «Es kommt immer wieder vor, dass deswegen ein Auslandengagement nicht zustande kommt», sagt ABB-Sprecher Lukas Inderfurth.

In den Firmen sei das Problem bekannt, sagt Franziska Bischof-Jäggi vom Beratungsunternehmen Familienmanagement GmbH. Dennoch setzten sich die wenigsten für die Partnerinnen der Mitarbeiter ein. Konzepte für Doppelkarrieren gebe es selten, und wenn, seien sie kaum umsetzbar. «Partner im selben Unternehmen zu platzieren, ist oft nicht gewünscht, weder von den Firmen noch von den Managern», sagt Kadervermittler William Dapreda. Je nach Land bestehe allenfalls die Möglichkeit, in ausländischen Niederlassungen von Konzernen oder internationalen Zulieferfirmen nachzufragen, ob gerade eine passende Stelle frei ist.

Dass die berufliche Situation des Partners eine untergeordnete Rolle spielt, diese Erfahrung hat Expat-Coach Ralf Borlinghaus aus Kreuzlingen gemacht. «Die Firmen wollen in erster Linie den geeigneten Funktionsträger ins Ausland schicken.» Zögert dieser, werde oft mehr Geld geboten - auch um den zu erwartenden Lohnausfall der Frau etwas zu kompensieren. Was mitreisende Angehörige noch am ehesten erwarten dürfen, ist eine gewisse Starthilfe: Grössere Firmen engagieren Relocation-Services. Diese helfen, Administratives und Organisatorisches zu erledigen, fädeln erste Kontakte ein. Das macht es leichter, sich im fremden Land zurechtzufinden. Direkte Hilfe bei der Jobsuche ist aber die Ausnahme - und freilich mit keiner Garantie verbunden.

Freiraum für Zweisamkeit erkämpfen

Auch Andreas Baumeisters Konzern bot keine Hilfe an, für seine Partnerin Ana Jakob eine Stelle zu finden. Das haben die beiden aber auch nicht erwartet. Stattdessen wählten sie eine Lösung, mit der sie leben können. Nicht auf Dauer, aber bis auf weiteres. Wie lange Baumeister in Asien sein wird, ist offen. Normalerweise sei ein Auslandeinsatz auf maximal fünf Jahre begrenzt. Eine lange Zeit.

Jakob dachte zuweilen schon daran, die Zelte in Europa doch noch abzubrechen, verwarf die Idee aber wieder. Zumal sie als selbstständige Managementtrainerin inzwischen gute Aufträge hat. Aber manchmal empfindet sie die Fernbeziehung schon als belastend. Und kommt ins Grübeln: «Wir müssen beide unser Leben selbst am Laufen halten, wir können uns dabei nicht unterstützen, selbst wenn wir es gerne tun würden.»

Und die Glücksmomente? «Natürlich wenn wir zusammen sind», sagt Jakob. Sie hatte befürchtet, es sei ein Problem, nach langer Trennung wieder zueinander zufinden. Aber wenn sie sich sehen, ist es so, als seien sie nie getrennt gewesen. Allerdings muss sich das Paar den Freiraum für die Zweisamkeit erkämpfen: Baumeister ist in Asien stark eingespannt, man erwartet seine Anwesenheit, auch am Abend und an den Wochenenden. Privatsphäre werde zum kostbaren Gut - «selbst wenn die Partnerin hier bei mir ist».