Clivia Koch wird nicht so schnell nervös. Dabei waren die letzten Wochen und Monate auch für die Verantwortlichen von Pensionskassen hektisch, ein Wechselbad der Gefühle. «Allerdings sind wir von der Subprime-Krise und den Turbulenzen an der Börse nicht überrascht worden», sagt die Chefin. Deswegen schlecht geschlafen habe sie jedenfalls nie, beteuert sie. Wichtig sei in einer solchen Phase, an der Anlagestrategie festzuhalten. «Schliesslich ist eine Pensionskasse auf Langfristigkeit ausgelegt», sagt die 50-Jährige.

Es tönt überzeugend, locker und leicht, und es lässt nichts erahnen von der Bürde der Verantwortung, ein schweres Vermögen verwalten zu müssen. Im Portfolio der PKE stecken rund 8 Mrd Fr. von über 23000 Versicherten aus Unternehmen der Energiewirtschaft. «Wir verwalten aktiv», betont Koch. Will heissen: Die PKE hat – bis auf wenige Auslandgeschäfte – nichts an die Banken delegiert.

Aktiv und kerngesund

Zum Vermögen gehört unter anderem ein Immobilienbestand im Wert von rund 800 Mio Fr. Dabei spinnt auch in diesem Bereich die PKE die Fäden am liebsten selber. So wird momentan eine grössere Überbauung für 90 Mio Fr. mit 144 Wohnungen in Wädenswil realisiert. «Die Wohnungen sind grösstenteils vermietet, und gerne würden wir noch mehr bauen», lässt Koch durchblicken. Der einschränkende Faktor ist allerdings, für solche Projekte jeweils bezahlbares Bauland zu finden.Die PKE gilt in der Branche als kerngesunde Pensionskasse. «Wir handelten nie konservativ, sondern stets sehr aktiv, besonders im Aktiengeschäft», erklärt Koch den Erfolg. Auf diese Weise konnten immer wieder gute Investments getätigt werden, ohne dass die Risiken aus den Augen verloren gingen. Im letzten Jahr zum Beispiel liessen die PKE-Verantwortlichen die Anlagestrategie von externen Experten überprüfen und passten sie an die Leistungsziele an. Die Risiken wurden noch besser verteilt, indem der Aktienbestand leicht zurückgefahren und zusätzliche Absicherungsgeschäfte getätigt wurden. Die PKE hat also die Segel eingeholt und die Luken geschlossen, noch bevor der Sturm auf den Finanzmärkten losgebrochen ist.

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Die Welt der grossen Zahlen

«Wir beobachten und schauen, was sich tut», sagt Koch, eine urban-elegante Person, die auch als Galeristin oder Leiterin eines Modelabels eine gute Figur machen würde. Doch der Weg in die Welt der grossen Zahlen war irgendwie vorgezeichnet. Bereits früh in der Schule habe sie besonderes Flair fürs Rechnen entwickelt, erzählt sie.

Und sie durfte als Kind auch an einer Prise Unternehmertum schnuppern. Ihr Vater besass nämlich ein Baugeschäft, das er gerne der nächsten Generation übergeben hätte. «Aber eine Frau an der Spitze eines Baugeschäftes, das konnte man sich damals nicht vorstellen», meint Koch rückblickend. Weil weder sie noch ihre drei Schwestern den für eine familieninterne Nachfolgelösung notwendigen Bauingenieur als Schwiegersohn ins Elternhaus brachten, verkaufte der Vater die Firma schliesslich.

Tochter Clivia absolvierte die Handelsmittelschule in Aarau und sammelte in ihren ersten Berufsjahren – nach einem kurzen Abstecher in die Textilbranche – zuerst kaufmännische Erfahrungen bei verschiedenen Krankenkassen. Einen wichtigen Karriereschritt konnte sie 1986 tun: Sie wurde, unmittelbar nach der Einführung des Obligatoriums für die 2. Säule, mit der Geschäftsführung zweier Vorsorgestiftungen der Migros Bank betraut. Seither ist sie – in wechselnden Funktionen und bei verschiedenen Arbeitgebern – der 2. Säule treu geblieben. Sie hat seitdem auch alle für die Administration und Verwaltung einer Pensionskasse nützlichen Aus- und Weiterbildungen absolviert, von der Verwaltungsfachschule für Personalvorsorge bis zur Betriebsökonomin.

Die Trainerin und ihr Team

Wie ein roter Faden zieht sich durch ihre berufliche Karriere die Bereitschaft, auch komplizierte Aufgaben anzupacken und schwierige Fälle zu übernehmen. Bei der UBS etwa, wo sie nach acht Jahren Migros Bank landete, gehörte die Vorsorge nicht zum Kerngeschäft. Und die auf die Beratung und Verwaltung von halbautonomen Pensionskassen spezialisierte Union Treuhand AG stand vor der dringenden Restrukturierung, als Koch dort 1999 Geschäftsführerin wurde. «Ich habe zwar nicht gezielt nach Knacknüssen Ausschau gehalten, aber eine gewisse Herausforderung ist mir durchaus willkommen», sagt sie.

Wird es ihr da als CEO der in ruhigen Gewässern kreuzenden PKE nicht bald zu langweilig? «Diese Frage hat der Verwaltungsrat bei meiner Einstellung vor drei Jahren ebenfalls gestellt», räumt sie ein. Doch die Sorge, dass sie bald wieder abspringen würde, war unbegründet. Schliesslich ist es keine gelinde Herausforderung, mit einem schlanken Team von lediglich 30 Finanz- und Versicherungsspezialisten Milliardensummen effizient, erfolgreich und sicher zu verwalten.

«Ich kann im Moment genau jenen Job ausüben, den ich angestrebt habe», beteuert die Chefin. Sie macht nun die Erfahrung, dass die Pflege einer Rosine, als welche die PKE in der Branche gilt, genauso viel Spass machen kann wie die Lösung eines Sanierungsfalles. «Die Energiebranche ist gesund, hat ein gutes Unternehmertum und ist bodenständig», betont sie. Zudem schätzt sie es, über ihre Aufgabe die unterschiedlichsten Menschen kennen lernen zu können.

Kinder und Karriere

Unangenehmes? Gibt es. Denn alles klingt fast schon derart nach lauter Wohlfühlfaktoren, dass man geradezu froh ist um ein paar unangenehme Seiten, die es natürlich auch gibt. Da sind zum Beispiel jene Versicherten, die meinen, sie müssten die Chefin persönlich dauernd mit neuen Anlagetipps bombardieren. Unerfreulich ist weiter, dass viele Politiker die Altersvorsorge zu ihrem Tummelfeld erkoren haben, auf dem sie sich – oft ohne die notwendige fachliche Kompetenz – möglichst profilieren möchten. Resultat dieser Profilierungssucht sind inzwischen über 500 Gesetzesartikel rund um die 2. Säule, die jedem, der den Überblick bewahren möchte, den Orientierungssinn eines Dschungelführers abverlangen.

Also wird auch die PKE-Chefin nicht stets vom Stress verschont und braucht gelegentlich Ablenkung und Entspannung. Privat liebt Clivia Koch Bewegung und Sport, Skifahren etwa und – seit anderthalb Jahren – Golf. «Da muss ich mich auf den Ball und nicht auf die Zahlen konzentrieren», sagt sie. Gut essen, Konzertbesuche und Reisen gehören zu den weiteren Hobbys.

Zwei Töchter grossgezogen

Bezüglich der Vereinbarkeit von beruflicher Karriere und Familie hat sie eine differenzierte Meinung. «Kinder sind jedenfalls langfristig kein Hindernis für eine Karriere», sagt sie und spricht dabei aus Erfahrung, obwohl sie selber nie Mutter geworden ist. Aber sie kennt die Doppelbelastung aus Beruf und familiären Pflichten, denn sie hat geholfen, die zwei Töchter ihres langjährigen Partners grosszuziehen. Dabei wurde die Arbeit im Haushalt jeweils ohne Fremdhilfe aufgeteilt.

Inzwischen sind die Töchter erwachsen, und Clivia Koch hat den Rücken wieder frei, um sich ganz auf ihren Job zu konzentrieren. Das muss so sein, denn auch wenn die PKE tatsächlich eine reine Rosine sein sollte, so erfordert es doch 100%ige Aufmerksamkeit, die Pensionskasse auf Kurs zu halten.