Beim 40-jährigen Banker brennt das Licht. In allen anderen Büros ist es dunkel. «Wenn meine Leute heimgegangen sind, kann ich endlich meine Arbeit in Ruhe erledigen.» Der Mann hat offenbar Mühe, das Gleichgewicht zwischen Berufs- und Privatleben zu finden.

Wie andere auch. Die Schweizer Kader Organisation (SKO) wollte es genauer wissen und hat zum Thema Work-Life-Balance ihre Mitglieder befragt. Mehr als 800 füllen den Fragebogen aus - davon gut 22 Prozent aus der Geschäftsleitung, 16 Prozent aus dem oberen Kader, 24 Prozent aus dem mittleren. Der Rest verteilt sich auf unteres Kader, Selbstständige oder Fachverantwortliche ohne Führungsaufgaben. Knapp vier Fünftel der Antwortenden sind Männer.

80 Prozent sind zufrieden

Die Mehrheit scheint glücklich zu sein: Drei von fünf schweizerischen Kadern fühlen sich «zufrieden» oder «sehr zufrieden», noch mal 15 Prozent sind «ziemlich zufrieden». Das heisst also, dass es insgesamt drei Vierteln der Führungskräfte in helvetischen Unternehmen gut geht. 60 Prozent bezeichnen sich auch als «gesund» oder «kerngesund», weitere 20 Prozent fühlen sich «meist gut» - vier Fünftel sind demnach mit ihrer gefühlten Gesundheit zufrieden. Nur 3,4 Prozent sind unzufrieden. Und sogar nur 0,8 Prozent fühlen sich «nicht gesund».

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Das Erstaunliche an den Resultaten: Je höher die Kaderstufe, desto grösser die Zufriedenheit. Urs Meier, Geschäftsführer der SKO und Verantwortlicher für die Untersuchung, vermutet Folgendes: «Da die Selbstständigen in unserer Umfrage klar am zufriedensten waren, gehe ich davon aus, dass der Handlungsspielraum und die Selbstbestimmung über den Tagesablauf und die Arbeit ein ganz wichtiger Faktor für die Zufriedenheit sind. Wir wagen eine These: Je grösser die Gestaltungsmöglichkeiten, der Einblick und die Kompetenzen in Entscheidprozessen einer Person in ihrer Arbeit sind, desto höher ist ihre Zufriedenheit mit der Arbeitssituation.» Was zahllose ähnlich gelagerte Untersuchungen weltweit durchaus bestätigen.

Die grössten Unruhestifter im Arbeitsprozess sind der enorme Termin- und Zeitdruck und die damit verbundene Hetze, die mangelnde Anerkennung der eigenen Leistung, eine überquellende Mailbox, Schwierigkeiten, das Berufs- und das Privatleben voneinander nebeneinander zu organiseren, sowie die Befürchtung einer drohenden Verschlechterung der bestehenden Lebenssituation. Konkret gibt die Hälfte der Befragten an, sie müsse oft über längere Zeiträume unter hohem Druck arbeiten; nur für 7 Prozent trifft diese Aussage überhaupt nicht zu.

Die häufigsten Folgen der Belastungen bei den Führungspersonen sind naturgemäss Gereiztheit und Ärgergefühle, Rückenschmerzen und Verspannungen, chronische Müdigkeit und der Hang, sich zeitlich zu übernehmen, ständig kreisende Gedanken und Grübeleien, Lustlosigkeit (auch sexuell) sowie das Schleifenlassen privater Kontakte sowie «weniger Sport als gewünscht».

Damit kein falscher Eindruck entsteht: All diese Zustände belästigen knapp die Hälfte der Betroffenen «ab und zu» beziehungsweise «oft» oder - in sehr geringem Masse - «sehr oft». Ungefähr gleich viele werden hingegen «nie» von solchen oder anderen üblen Auswirkungen der Arbeit geplagt, der kleine Rest selten.

Viel Freiheit

So kommt es, dass 70 Prozent der Antwortenden angeben, sie könnten selber entscheiden, wie sie ihre Arbeit erledigen wollen, und genau zwei Drittel der Schweizer Kader sagen, sie hätten Einfluss darauf, wie viel Ressourcen und Freiräume ihnen vom Vorgesetzten zugestanden würden. Ebenfalls zwei von drei können autonom und unabhängig handeln. Und genau gleich viele haben das Gefühl, ihre Arbeit werde geschätzt.

Es ist also keineswegs so, dass in der hiesigen Arbeitswelt - zumindest auf Kaderstufe und bei den Selbstständigen - der Leidensdruck unmenschlich wäre, wenn man den Aussagen der SKO-Mitglieder Glauben schenkt. Sonst wäre es nicht so, dass vier von fünf der befragten Schweizer Kader zu Protokoll geben, sie seien mit ihrer Work-Life-Balance «einigermassen» bis «rundum» zufrieden. Nur 15 Prozent spüren ein ausgeprägtes Missverhältnis und fünf Prozent geben an, sie spürten ein Ungleichgewicht zwischen ihrem Berufs- und ihrem Privatleben.

Schuld ist der Chef

Fraglos leiden bestimmte Personen oder Personengruppen stark unter der hohen und konstant zunehmenden Arbeitsbelastung; die immer wieder thematisierte Unzufriedenheit spielt sich jedoch offenbar auf relativ hohem Niveau ab. Urs Meier widerspricht diesem Eindruck teilweise: «Dies täuscht unseres Erachtens doch deutlich. Vor allem für Angestellte ohne Führungsfunktion, untere Kaderstufen und Fachkader hat unsere Umfrage eine mässig gute Zufriedenheit mit der Gesamtsituation erbracht.»

Sind es demnach die «normalen» Arbeitstätigen, die am meisten leiden unter ihren grossenteils zufriedenen Chefs? Dazu SKO-Chef Meier: «Das tönt etwas brutal, aufgrund unserer Umfrage liegt der Schluss nahe ? Und wenn Sie sich auf der Strasse und im Volk umhören, aber auch die Resultate von diversen Umfragen ansehen: Die Chefs sind tat- sächlich häufige Ursache für Unzufriedenheit, negative Gefühle und Kündigungen.»


«Chefs leiden nicht an ihrer Unfähigkeit»

Barbara Hochstrasser, Burnoutspezialistin und Fachärtztin FMH für Psychiatrie und Psychotherapie, Privatklinik Meiringen.

Je höher die Kaderstufe, desto grösser scheint die Zufriedenheit. Dabei steigt doch auch die Belastung.

Barbara Hochstrasser: Hier lässt sich vermuten, dass die hohen Kader am meisten Spielraum, Partizipation an Entscheidungen, positive Feedbackspiralen oder Erfolgsergebnisse und Karrieremöglichkeiten haben - und dies die Zufriedenheit ausmacht.

Ganz im Gegensatz zu den Untergebenen?

Hochstrasser: Normale Arbeitstätige sind, im Gegensatz zu den hohen Kadermitarbeitenden, häufig im Sandwich verschiedener Anforderungen, erhalten meist sehr viel mehr Vorgaben und sind abhängig von den Führungsqualitäten ihrer Vorgesetzten. Leider sind aber Führungsqualitäten selten der Fokus von Ausbildungs- oder Weiterbildungsanstrengungen, sondern die Fragen nach Gewinn und Innovation stehen im Zentrum. Ob der Chef gute Führungsqualitäten hat, spielt eine enorme Rolle für den Mitarbeiter - aber ein Chef, der sich wenig für seine Mitarbeitenden interessiert, leidet nicht an seinen mangelnden Führungsqualitäten oder hart gesagt nicht an der Unfähigkeit des Chefs.

Ein ausgeglichenes Arbeitsleben scheint mehr zur Zufriedenheit beizutragen als alle Gesundheitsförderung und aller Ausgleich. Was also muss getan werden in den Büros?

Hochstrasser: Ein Umdenken ist auf jeden Fall nötig - aber nicht nur für Kader. Dabei geht es vor allem darum, den Faktor Mensch wieder einzuberechnen - also Teamgeist zu fördern, Autonomie zu gewähren, echte Anerkennung und Entwicklungsmöglichkeiten zu fördern und viel Unterstützung zu gewähren. Die Kader brauchen dies vom Top-Management, aber auch dringend untereinander - also Solidarisierung statt interner Wettbewerb.

Die SKO-Studie scheint eher positive Ergebnisse zu zeigen. Woher kommen denn alle Ihre Burnout-Patienten?

Hochstrasser: Diese Studie zeigt zum Glück positive Resultate. Sie wurde aber nicht an einer repräsentativen Stichprobe der Bevölkerung gemacht, sondern bei Kaderleuten im Arbeitsprozess. Diejenigen, die aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden sind, waren ja nicht in der Stichprobe. Zudem ist Burnout ja auch nicht bei jeder Person zu finden, sondern etwa bei 20 Prozent in leichter Ausprägung und etwa bei 4 bis 5 Prozent in schwerer Ausprägung. Des Weiteren ist bekannt, dass viele, vor allem Männer und zudem solche in Kaderpositionen, sich ihrer gesundheitlichen Störungen eher schämen und dazu neigen, Krankheitsanzeichen herunterzuspielen.