Ein 39-jähriger Kleinstunternehmer spaltet die Welt: Für ­Barack Obama und Hillary Clinton bedroht Julian Assange die nationalen Interessen der USA, für Wladimir Putin und ­Luiz Inácio Lula da Silva ist er ein Robin Hood, der für Durchzug in den klimatisierten Sitzungszimmern der Macht sorgt.

Zoff ist ganz nach dem Geschmack des Australiers, der von sich behauptet, stets im «combat mode» unterwegs zu sein. Frontalangriffe auf Politiker und Militärs über WikiLeaks sind sein Lebenselixier. Der Australier ist in den letzten Monaten auf Druck der USA (wegen Veröffentlichung von Militärgeheimnissen) und Schwedens (Vorwurf der Vergewaltigung) schwer in die Defensive geraten. Informationen auf seiner Whistleblower-Plattform WikiLeaks fliessen nur noch spärlich, auch die Spenden sprudeln nicht wie früher. Dass das Online-Portal nicht tot ist, hat Assange auch der Schweiz zu verdanken, die ihm als wichtige Logistikbasis dient.

Politiker mögen über die WikiLeaks-Files schmunzeln oder sich im Einzelfall nerven. Unternehmer dagegen, die ihre Geschäftsbeziehungen mit WikiLeaks kappten, bekamen die Wut der Hacker-Community zu spüren. Mit der Software Low ­Orbit Ion Cannon stürzten sie sich auf Firmenwebsites. Die Schäden und das Nachrüsten werden in die Millionen gehen.

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Die Freunde

Mark Stephens, Anwalt in der Londoner Grosskanzlei Finer Stephens Innocent, ist für Assange Gold wert. Der Medienrechtler konnte seinen Klienten nach Bezahlung einer Kaution von 200  000 Pfund vorerst aus der Auslieferungshaft holen. Zur Freude seines Vertrauten Robert Gonggrijp, eines holländischen Hackers, der das Hacker-Onlinemagazin «Hack-Tic» gründete. Auch in der Schweiz darf der Internet-Anarchist in der WikiLeaks-Fangemeinde auf Akklamation zählen. Einer seiner wichtigen Geschäftspartner ist der Basler Informatiker Andreas Fink, Eigentümer des Datenbewirtschafters Datacell. Über sein Payment Gateway wurden die digitalen Spenden für WikiLeaks abgewickelt. Wurden: Nun ist das E-Commerce-Tool auf US-Druck dicht. Finks Anwalt will dagegen klagen. In Reykjavik.

Nach Island hat Fink einen Teil seiner Operationen verlagert, weil dort seine stromfressenden Server kostengünstiger operieren als in der Schweiz. Via Island, das ein ultraliberales Presserecht kennt, ist auch WikiLeaks aktiv. Der Journalistenschutz wurde nach der Bankenpleite zwecks Stärkung der Kontrollfunktion ausgebaut.

IT-Experte Fink ist Mitglied der Online-Lobby Piratenpartei, die er gemäss Sitzungsprotokoll mit 5000 Franken unterstützte. Zur Freude von Denis Simonet, Präsident der Piratenpartei. Simonet liess vor Monaten den Domain-Namen www.wikileaks.ch reservieren. Später traf er WikiLeaks-Gründer Assange zum Essen in der Schweiz.

Die Gegner

Überall will man Assange ans Leder: Die schwedische Staatsanwältin Marianne Ny möchte ihn in Stockholm wegen angeblichen sexuellen Missbrauchs vor Gericht sehen. US-Senator Joseph Lieberman, Verteidigungsminister Robert Gates und die Republikanerin Sarah Palin sehen nach den WikiLeaks-Enthüllungen eine Weltmacht unterminiert. Unter dem Druck brachen diverse Konzernchefs die Beziehungen zur Online-Plattform ab. Darunter PayPal-Präsident Scott Thompson, über dessen Kanal Spendengelder flossen. Auch Visa-CEO Joseph Saunders und Mastercard-Chef Ajay Banga machten aus Reputationsgründen die WikiLeaks-Konten dicht. Auf Nadeln sitzt derweil Brian Moynihan, CEO der Bank of America. Angeblich sollen bald interne Dokumente der Bank online gestellt werden. Julius Bär hat es erlebt: Via WikiLeaks wurden Bankdokumente publiziert. Rudolf Elmer, einstiger Bär-Mitarbeiter, soll die gestohlene Ware geliefert haben. Mitte Januar steht er vor Gericht.

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Die Swiss Connection

Assanges Vertrauter in der Schweiz heisst Ridha Ajmi, ein gebürtiger Tunesier. Der Anwalt und Notar aus Genf lud den Cyber-Punk im Herbst in die Schweiz ein. Ajmi trat früher als Verteidiger des Islamisten Hani Ramadan, Leiter des Genfer Islamzentrums, in Erscheinung. Beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte hat der Anwalt eine Beschwerde gegen das Minarettverbot deponiert.

Weil Post-Chef Jürg Bucher das PostFinance-Konto von Assange mangels Schweizer Wohnsitz saldierte, nahm sich die Politik des Themas an. Zuerst forderte die Piratenpartei eine rechtliche Abklärung der Schliessung. Dann witterte Josef Zisyadis, Nationalrat der Partei der Arbeit, einen Durchgriff der Amerikaner. Was wiederum SVP-Nationalrätin Natalie Rickli, Vizepräsidentin der Aktion Medienfreiheit, dazu verleitete, die Meinungsäusserungsfreiheit bedroht zu sehen.

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Die Karriere

Der Australier besuchte an der Universität Melbourne Physikvorlesungen. Seine Leidenschaft aber waren Computer. Unter dem Namen Mendax programmierte er tagsüber Software und brach abends in Computersysteme ein. Mit zwei Gleichgesinnten gründete er die Gruppe International Subversives.

Sein zweites Hobby, die Kryptologie, war ihm bei seinen Ausflügen in fremde Server dienlich. Assange kommuniziert nur via verschlüsselte Botschaften. Früh schon waren die Freiheit zur Meinungsäusserung und totale Transparenz sein Thema. Er brüstet sich damit, in der Heimat den ersten «Free Speech»-Internetprovider aufgebaut zu haben. Vor vier Jahren ging Assange mit www.wikileaks.org online. Erste Dokumente legten die unzimperlichen Verhörmethoden im Militärgefängnis Camp Delta in Guantánamo Bay offen. Andere Files deckten Korruptionsfälle in Kenias Regierung auf, dann waren die Scientologen an der Reihe. Die USA wollen seiner habhaft werden, weil er geheime Nato-Dokumente veröffentlichte.

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Die Familie

Julian Assange, Jahrgang 1971, erlebte nicht, was man eine friedvolle Jugend nennt. Geboren in Townsville, Australien, trennten sich seine Eltern früh. Mit seiner Mutter Claire lebte er zuerst in einem Zentrum für alternative Künstler. Dann irrlichterten die beiden durchs Land. Mutter und Kind sollen über 20-mal umgezogen sein. Assange stand früh auf eigenen Beinen. 1991 trennte er sich von seiner Partnerin, mit der er einen Sohn hat. Nach jahrelangem Streit einigte man sich auf das gemeinsame Sorgerecht. Seit Jahren zieht Assange rastlos durch die Welt. Meist steigt er bei Hackerkollegen ab, aus Angst vor US-Superpatrioten und Geheimdienstlern.