Wer heute Karriere machen will, sollte sich schon während des Studiums mit den Vorstellungen der Wirtschaft auseinandersetzen. Dabei wird den Studenten schnell einmal klar, dass weder das gewählte Studienfach noch eine langfristige Planung schnurgerade zum Ziel der Wünsche führt. Dagegen spielen Kompetenzen, die während des Studiums kaum gelehrt werden, eine zunehmend wichtigere Rolle. So steht Sozialkompetenz ganz vorne auf der Wunschliste der Arbeitgeber.

Beim Thema Qualifikation legen vorwiegend weltweit tätige Beratungsunternehmen die Messlatte besonders hoch, da immer häufiger Projekte von Teams betreut werden, die vom Alter, der Ausbildung und der Nationalität her gemischter nicht sein könnten.

Bunte Lebensläufe

Die ABB erachtet zwar als Grundvoraussetzung für eine neue Stelle exzellente Fach- und Methodenkompetenz, doch legt das Unternehmen laut Mediensprecher Lukas Inderfurth «sehr grossen Wert» auf einen «bunten» Lebenslauf. «Wir brauchen Persönlichkeiten, die auch schon vor und während des Studiums Erfahrungen gesammelt haben – beispielsweise an einem Entwicklungsprojekt mitgewirkt haben, ein Praktikum im Ausland gemacht haben oder eine Fremdsprache sprechen. Dies erleichtert es, in interdisziplinär zusammengesetzten globalen Teams zu arbeiten.»

Auch andere Unternehmen, wie IBM, deren Mitarbeiter in der Schweiz aus rund 40 Nationen stammen, achten auf soziale Kompetenzen. Denn wer für IBM als technischer oder Strategieberater auftritt, muss wissen, dass es sich um Projekte in ganz Europa, neuerdings auch im Osten und den Arabischen Emiraten oder den USA handeln kann. Das erfordert ein hohes Mass an Flexibilität und auch immer mehr soziale und persönliche Kompetenz.

Anzeige

Paola Scarnera ist bei IBM für das Hochschulrecruiting zuständig und weiss, dass die Globalisierung die Ansprüche der Unternehmen sehr stark hat wachsen lassen (siehe «Nachgefragt»). Doch was heisst bei IBM, nur die besten Köpfe anzustellen? «Die besten unter den Absolventen sind vielleicht nicht die Besten in der Praxis. Beim Bewerbungsgespräch lässt sich vielleicht das Potenzial erahnen, das ein Absolvent oder eine Absolventin an den Tag legt. Schliesslich zeigt aber die Praxis nach einer gewissen Zeit Berufserfahrung, die diese jungen Leute sammeln konnten, was sie wirklich an Potenzial haben und auch bringen.»

Schweizer sprechen Mandarin

Die Frage, ob rund 24-jährige Hochschulabsolventen überhaupt schon über die geforderte Sozialkompetenz verfügen können, beantwortet Angela Marti, Director Communications & Human Relations von SwissRe, optimistisch: «Studenten lernen das bereits beim Miteinander mit anderen Studierenden, denn die Studentenschaft und die Gesellschaft werden immer internationaler. So studieren an Schweizer Universitäten wie auch in England immer mehr Asiaten.»

Da in der Biografie junger Leute Auslandsaufenthalte bzw. Auslandssemester, Sprachaufenthalte und Reisen zunehmen, findet Angela Marti darin ebenfalls gute Voraussetzungen für ein sozialkompetentes Miteinander. SwissRe bietet so auch für Graduates ein Asia Development Program, in dem Mandarin eine wichtige Rolle spielt. Vor allem in London, wo viele Asiaten studieren, sprechen diese neben ihrer Muttersprache perfekt Englisch.

Aber auch einige Schweizer Studenten sprechen Mandarin, weil sie ein Auslandssemester oder Studienjahr im asiatischen Raum absolviert haben. Für Angela Marti ist der Absolventenkongress ein besonderes Ereignis. Ihr Fazit: «Ich bin immer hell begeistert von den meisten jungen Leuten, die wir getroffen haben.»

Immer wieder zu toppen

Auch andere Unternehmen, wie beispielsweise die UBS, die weltweit auf der Suche nach 800 bis 1000 Hochschulabsolventen ist, davon 250 für die Schweiz, legen grossen Wert auf Sprachen. Chantal Garamszegi, Leiterin des UBS-Hochschulrecruitings, berichtet so von einer Team-Mitarbeiterin, die Sinologie studiert hat. «Es ist zum Teil beeindruckend zu sehen, welche CV viele Bewerber vorweisen.» Ausser Englisch werden bei der UBS Chinesisch, Russisch und Arabisch je nach Einsatzgebiet immer wichtiger.

Anzeige

Chantal Garamszegi spürt bei den persönlichen Begegnungen ganz klar, dass sich die Absolventen sehr wohl ihres Marktwertes bewusst sind, «vor allem die Guten, um die alle kämpfen». Von diesen erwartet die UBS ebenfalls die Bereitschaft zur ständigen Veränderung, Offenheit, Teamplayer zu sein, soziale Kompetenz mitzubringen und für Auslandseinsätze offen zu sein.

Die Rekrutierungsexpertin stellt fest, dass bei den Kontakten immer häufiger internationale Profile auftauchen, auf die man sich einstellen muss.

Die UBS tritt wie die meisten Unternehmen ausser am Absolventenkongress noch an weiteren Veranstaltungen auf und hat vor einigen Jahren ein UBS-eigenes Produkt, die «Masterclass», auf die Beine gestellt. An diesem zweieinhalbtägigen Workshop mit 50 Studenten wird ein Case Study bearbeitet und von UBS-Experten gecoacht. «Wir hatten jedes Jahr das Gefühl, die Qualität der Studenten sei nicht mehr zu toppen – und jedes Jahr werden sie noch besser», stellt Chantal Garamszegi begeistert fest.

Anzeige

 

NACHGEFRAGT 
«Qualität der Bewerber ist sehr hoch»

Paola Scarnera, Leiterin Personalmarketing bei IBM, Zürich

IBM präsentiert sich an vielen Absolventen-Events, so auch an Fachhochschulen. Welchen Stellenwert nehmen Fachhochschulabsolventen ein?

Paola Scarnera: Es melden sich immer häufiger Fachhochschulabsolventen, weil sie wissen, dass ihre Fähigkeiten gesucht sind. Wir unterscheiden nicht zwischen Universitäts- und Fachhochschulabsolventen. Ausserdem verlangt ja die Bologna-Reform, dass Bachelor und Master gleichwertig sind.

Welche Studienrichtungen sind Ihnen besonders wichtig?

Scarnera: Es ist ein Mythos, dass IBM nur Informatiker oder Techniker sucht. IBM hat bereits vor fünf Jahren von PwC-Consulting den ganzen Beratungsteil übernommen und integriert. Das ist unser Bereich Global Business Services, für den wir Unternehmensberatung und Strategieberatung machen. Wir haben deshalb gewisse Vorlieben für Absolventen der Wirtschaftswissenschaften, die wir gezielt suchen.

Anzeige

Wie empfinden Sie die Präsentation der jungen Hochschulabsolventen?

Scarnera: Inzwischen ist der Absolventenkongress dafür bekannt, dass die Absolventen und Absolventinnen sehr gut vorbereitet kommen. Die Qualität ist sehr hoch, und auch der optische Auftritt ist so, als ob sie zu einem Bewerbungsgespräch kämen.

Wie gut informieren sich Bewerber über IBM?

Scarnera: Wir stellen fest, dass sich die meisten über unsere Website und andere Quellen sehr gut über uns informiert haben.

Welche Kompetenzen vermissen Sie beim Nachwuchs?

Scarnera: Natürlich gibt es Bewerber, denen einige Kompetenzen fehlen. Das kann man aber nicht verallgemeinern, es fällt mir nichts Wiederkehrendes auf.