Das Buch ist tot! Nur noch Internet, Powerpoint-Präsentationen und Kurzfutter vermögen die Kaste der Kader aus der Reserve zu locken! Falsch. Die diesjährige Frankfurter Buchmesse beweist einmal mehr und bereits zum 60. Mal eindrücklich das Gegenteil: Das Buch lebt. Von den rund 400000 ausgestellten Titeln sind mehr als 120000 Neuerscheinungen. Da kann der Durchblick etwas schwierig werden.

In Zusammenarbeit mit der professionellen Buchrezensionsfirma getAbstract hat die «Handelszeitung» deshalb je zwei Bücher aus der Schweiz, aus Deutschland und aus dem angelsächsischen Sprachraum ausgewählt, die nach den Kriterien Verständlichkeit, Anwendbarkeit, Neuigkeitswert und Stil die breite Masse ausgestochen haben.

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Auf den ersten Blick sind die preisgekrönten Werke aus der Schweiz zwar nur bedingt innovativ: Dass der Kunde im Mittelpunkt zu stehen hat und Alfred Escher ein einflussreicher Mann war, scheint nicht wirklich überraschend. Die Kunde-ist-König-Bücherliste ist inzwischen gewiss mehrere Meter lang.

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Und doch: Offenbar kann es nicht oft genug wiederholt werden, denn so richtig verinnerlicht scheinen es bei weitem nicht alle Unternehmen beziehungsweise ihre Chefs zu haben. Und so sagt es Anne Schüller in ihrem Buch «Kundennähe in der Chefetage» halt einmal mehr und eindringlich wieder; denn ein Buch für Manager, die den Draht zu ihren Mitarbeitenden und Kunden (wieder)finden wollen, könnte nicht zuletzt in Teilen der Finanzindustrie im Moment durchaus einen wunden Punkt treffen.

Auch der Alfred-Escher-Biographie gelingt es mühelos, den Bogen aus der Gründer- und Aufbauzeit in die Zeit der Wertevernichtung zu schlagen. Seit Escher in der Schweiz wirkte, hat sich einiges verändert. Unter anderem dank ihm. Der Gründer der heutigen Credit Suisse, der Swiss Life und der ETH Zürich, der Initiator des Gotthardtunnels und Aussenpolitiker hat Enormes geleistet. Doch glücklich ist er, wie so mancher Pionier, Politiker und Manager, dabei nicht geworden – und als Familienvater hat er sich auch keine Lorbeeren verdient. Joseph Jungs Escher-Biographie zeigt die Schwächen eines starken Mannes – und ein paar unbekannte Stärken, die durchaus Vorbildcharakter haben könnten: Zum Beispiel, dass die durch ihn indirekt ausgelösten Finanzkrisen der Nordostbahn und der Gotthardbahn ihn bewogen haben, auf sein Gehalt zu verzichten.

Die beiden Werke «Humanomics» von Uwe Jean Heuser und «Mobs, Messiahs, and Markets» von William Bonner und Lila Rajiva haben in ihrem Kern etwas gemeinsam und lassen sich fast als Vorspiel zu Wolfgang Münchaus «Vorbeben» lesen. Letzteres Buch erklärt in aller Breite die Hintergründe des Kreditmarktcrashs und zeigt in drei Szenarien auf, wie das Leben danach aussehen könnte. Das Werk des Europa-Kolumnisten der «Financial Times» – er ist auch Autor des Buches «Das Ende der Sozialen Marktwirtschaft» – empfiehlt sich jedoch kaum als Einsteigerlektüre, setzt es doch einiges Wissen voraus.

Gefühle statt Rationalismus

«Humanomics» sowie «Mobs, Messiahs, and Markets» schaffen dazu so etwas wie ein Fundament: Sie suchen auf unterschiedliche Art und Weise nach Erklärungen für Massenphänomene und ir- rationales Verhalten und leuchten in die Tiefen der menschlichen Abgründe in Wirtschaft und Politik.

In beiden Büchern menschelt es enorm. «Humanomics» liest sich stellenweise wie ein Geschichtsbuch, nämlich als die Geschichte der Gefühle in der Ökonomie und den Sieg der Verhaltensökonomie über den «homo oeconomicus» – der sich als theoretisches Konstrukt beziehungsweise wie weiland der Neandertaler als nicht lebensfähige Form erwiesen hat.

Auch «Mobs» & Co. behandelt den Irrtum, das Gefühlstier Mensch als rationales und logisches Wesen betrachten zu wollen. Hier wird detailliert belegt, wie einzelne Weltverbesserer von Alexander dem Grossen bis zu George W. Bush versagt haben und wie der menschliche Herdentrieb zu unkalkulierbaren Entwicklungen führt.

Anregender Denkstoff

Thomas Sowell hat sich schon bei seinem Buch «Freakonomics» die Popularisierung der Wirtschaft auf seine Druckfahnen geschrieben. Im neuen Buch «Economic Facts and Fallacies» räumt er nun auf mit all den ach so eingängigen Irrtümern, mit welchen Politiker wie Ökonomen die Wirtschaft zu erklären versuchen, und rückt ein paar vermeintliche Fakten in ein neues Licht beziehungsweise will sie als Trugschlüsse entlarven. So erklärt er schlüssig, wieso Frauen weniger verdienen als Männer oder wieso es arme und reiche Länder gibt. Und wieso das immer so bleiben wird. Man mag nicht mit allen seinen Thesen einverstanden sein – aber sie lesen sich zumindest amüsant und liefern anregenden Denkstoff.