Lieferanten darf man treten. Sie haben in manchem Betrieb denselben Status wie die Fussmatte. Es ist ja nur ein Lieferant, er darf liefern und bekommt dafür auch noch unser Geld, so die Denkweise.

Dem Strategieexperten Günter F. Gross gefällt diese Praxis nicht. Er ruft dazu auf, den Lieferanten nicht von oben herab, sondern als Freund zu behandeln. «Freundlichkeit, Wertschätzung, Heiterkeit, diese Werte kommen im beruflichen Alltag häufig zu kurz», so lautet die Botschaft des Doyen der deutschen Einmann-Berater, der seine berufliche Karriere 1953 im Berlin der Nachkriegszeit mit den ersten Seminaren für Manager startete und heute, 55 Jahre später, immer noch im Geschäft ist.

Dem Wertewandel auf der Spur

«Jeder Zulieferer hat die Macht, Kunden, die er mag, erheblich mehr zu bieten.» Einsatz, Ideen, bessere Qualität, das will eigentlich jeder Kunde. Deshalb ist es besser, wenn der vorgelagerte Wertschöpfer in die richtige Rolle gesetzt wird: Nicht nur der Kunde, auch ein guter Lieferant hat den Blumenstrauss zum Geburtstag oder die Flasche Wein zu Weihnachten verdient.

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Allzuoft freilich geraten solche Menschlichkeiten unter die Räder. In der Hochleistungsorganisation ist keine Zeit mehr für einen Dankesbrief. Jede Sekunde wird eingesetzt für den nächsten materiellen Erfolg. «Unter dem Druck ständiger Veränderung wird der Stil unpersönlich», stellt denn auch Stefanie Unger von Novakovic & Partner fest.

Die Zürcher Personalberaterin gründete unlängst die Organisation Wertedialog (www.wertedialog.org), um Wertewandel und -verfall im Management auf die Spur zu kommen. Ihre Diagnose: «Die stilvolle Absage, der Dank, die Wertschätzung, viele nehmen sich das vor – aber dabei bleibt es dann auch.» Höflichkeit ist nett, aber Zeitverschwendung, so lautet die verbreitete Haltung.

Dabei kann das Gegenteil davon auch die Zutat für den Erfolg sein. «Alle Menschen sehnen sich nach Wärme, auch im Beruf», sagt Unger. Es sei deshalb Aufgabe des Managers, dafür zu sorgen, dass nicht nur die Leistung, sondern auch die Stimmung stimmt. Ohne Wertschätzung, Heimatgefühl und freundschaftliches Miteinander könne keine Organisation auf Dauer überleben.

«Erfolg entsteht nicht auf einer professionell organisierten Galeere», sekundiert Günter F. Gross. Er hat sich den Einsatz für das Positive im Managerleben zum Programm gemacht. Sein neues Buch «Adler fressen keine Fliegen» ist ein Manifest der guten Tugenden. Darin liefert der Münchner Weisheiten für den Alltag, die die gestresste Seele der Manager streicheln. Gross, dessen zurückliegende Werke wie das Buch «Beruflich Profi – privat Amateur?» langjährige Bestseller sind, erweist sich einmal mehr als Experte für den Lebensratschlag mit Augenzwinkern. Kostprobe für die ewigen Choleriker: «Ärgern Sie sich nicht täglich. Schaffen Sie einen Ärgertermin pro Woche.»

Kampf dem Paralysator

Gross setzt sich auch für mehr Heiterkeit im Beruf ein. Wenn er gegen die Schwermut und negative Gedanken anrennt, nennt er das seinen Kampf gegen den «Paralysator». Dieser sei in manchen Büros allzu häufig anzutreffen – ein Bremssystem, das jede gute Idee in einer Sekunde von 100 auf 0 bringt: «Pessimismus kräftigt die Zunge im Neinsagen – und lähmt die Taten.» Stimmungdiebstahl sei eigentlich kriminell. «Wer Ihnen 100 Fr. stiehlt, den lassen Sie belangen. Wer in Ihr Büro marschiert und die gute Stimmung wegnimmt, dem geben Sie noch die Hand.» Dabei werde dadurch doch der wesentliche Teil des immateriellen Vermögens geraubt – gute Laune und Schaffenskraft.

Auch die NIPs beachten

Das Therapeutikum hat der Buchautor gleich zur Hand: «Gute Stimmung kann man auch verschenken.» Wer Heiterkeit verbreite, bekomme das Mehrfache seines emotionalen Einsatzes zurück. Freundlichkeit sei kein Zeichen von Schwäche, Machtlosigkeit und fehlender Durchsetzungskraft.

Auch ein Firmenchef ohne Pokerface kommt an. «Bedanken Sie sich bei allen, die am Gespräch teilgenommen haben – nicht nur bei den VIPs, sondern auch bei den scheinbaren NIPs.» Wie jemand diesen Not Important Persons, also den Unwichtigen, entgegentrete, daran erkenne man menschliche Qualität.

Gross hat mit seinem neuen Werk ein Unikum geschaffen. Es ist nicht die x-te Neuerscheinung unter den Selbsthilfebüchern, die ein besseres Leben versprechen. Hier spart sich der Autor das ewige «Du musst», das in allen Ratgebern so omnipräsent ist und den Leser mit einem schlechten Gewissen hinterlässt. Der Münchner ist Spezialist für das Offensichtliche im Alltag, das er in einfache, zutreffende Worte fasst, zu denen jeder Leser «Ja» sagt. Lebenserfahrung hat ihm die Feder geführt: Die über fünfeinhalb Jahrzehnte beruflichen Wirkens bewahren ihn vor mancher Eitelkeit und Aufgeregtheit seiner jüngeren Kollegen.