Die Übernahme des internationalen Vermögensverwaltungsgeschäft von Merrill Lynch ist auch ein persönlicher Erfolg für Julius-Bär-Chef Boris Collardi. Der 38-jährige Senkrechtstarter landet damit seinen bislang grössten Coup an der Spitze der Privatbank.

Collardi, seit 2009 oberster Chef von Julius Bär, hielt schon länger nach Übernahmen Ausschau. Vergangenen Herbst äusserte er Interesse am Kauf der Konkurrentin Sarasin. Nachdem Julius Bär im Übernahmekampf der brasilianischen Safra-Gruppe unterlegen war, hatte Collardi nun beim US-amerikanischen Finanzinstitut Merrill Lynch mehr Erfolg.

Alex Widmer, der Ziehvater

Boris Collardi stammt aus dem Waadtland. Nach Abschluss des Gymnasiums in Nyon begann er 1993 seine Karriere bei der Credit Suisse, wo er mehr als zehn Jahre blieb. In dieser Zeit stieg er bis zum operativen Leiter der Vermögensverwaltung Europa auf. Begleitet wurde er dabei von Alex Widmer, der als Ziehvater Collardis gilt.

Widmer war es auch, der ihn 2006 zu Julius Bär holte. Dort arbeitete Collardi zunächst als operativer Chef. In dieser Funktion wirkte er massgeblich an der Integration von drei Privatbanken sowie des Hedgefonds GAM mit, die Julius Bär kurz vor seinem Eintritt übernommen hatte.

Mit 34 an der Spitze

Ende 2008 nahm sich Alex Widmer, inzwischen oberster Chef der Privatbank, das Leben. Johannes de Gier übernahm zwischenzeitlich die Führung der Bank, bevor Collardi im März 2009 - erst 34-jährig - als neuer Chef vorgestellt wurde.

Seither verfolgt Collardi mit dem traditionsreichen Institut einen Wachstums- und Akquisitionskurs. 2010 übernahm Julius Bär das Schweizer Geschäft der niederländischen ING. Neben dem Schweizer Markt will Collardi vor allem in Asien zulegen.

Innerhalb der traditionsreichen Privatbank Julius Bär stiess der Senkrechtstarter Collardi offenbar zunächst auf Skepsis. Mitarbeiter mokierten sich Medienberichten zufolge über den teuren Ferrari, mit dem der junge Topbanker herumkurvte. Inzwischen begnügt sich Collardi für den Weg zur Arbeit mit einem Fiat Cinquecento.

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«Tea time»

Andere Eigenheiten bewahrte der nach wie vor jüngste Chef eines SMI-Unternehmens. Gerne lässt er sich an Medienkonferenzen Tee servieren - eine Gewohnheit, die er auch am Tag der Übernahme von Merrill Lynchs internationaler Vermögensverwaltungssparte beibehielt.

Neben der schweizerischen besitzt Collardi auch die italienische Staatsbürgerschaft. Er spricht fliessend Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch. Collardi ist verheiratet und wohnt in Feusisberg SZ.

(vst/rcv/sda)