Die Medien fahren mit Extremen auf. «Der weisse Hai», so nennen sie ihn – oder sie machen ihn zum Initianten des «Preussen-Putschs bei ABB». In einigen Kreisen soll er gar als «Staatsfeind Nummer eins in der Schweiz» bezeichnet werden. Das alles musste Hubertus von Grünberg über sich lesen, nachdem er in der vergangenen Woche Fred Kindle den Laufpass gegeben hatte, dem bis dato erfolgreichen und beliebten Chef von ABB. Lakonisch vermerkt von Grünberg, dass er gewusst habe, dass es so komme.

Für dieses Echo hält er sein Kreuz hin. Er sieht sich für den Erfolg der seiner Aufsicht anvertrauten ABB verantwortlich, nicht für Harmonie und Wohlgefühl um jeden Preis.

Was genau er damit meint, zeigte er schon an einer früheren beruflichen Station, als Chef des Reifenherstellers Continental. Dieser war Anfang der 90er Jahre ins Visier einer feindlichen Übernahme geraten, als Grünberg den Posten übernahm. «Pirelli schluckt Conti», solche Schlagzeilen verfolgten ihn bis in seine Träume. Um sich und den Mitarbeitern diesen Schock bei der Frühstückslektüre zu ersparen, brachte er das Hannoveraner Unternehmen auf Vordermann: Er schloss unproduktive Werke, senkte die Kosten, trimmte den Vertrieb und erweiterte den Markt. In der Folge stieg der Kurs der Conti-Aktie um 40%; damit wurde die Übernahme für Pirelli zu teuer. Sogar die Gewerkschaften bewundern sein Wirken.

Auf die harte Tour

Grünberg ist einer der Typen, die sich immer die schwerste Aufgabe suchen, freiwillig. Das zeigte er schon vor 45 Jahren, damals hielt er gerade nach dem richtigen Studienfach Ausschau. «Wie hoch sind die Durchfallquoten?», fragt er noch als Schüler die Assistenten an der Hochschule. Als er herausfindet, dass in Physik besonders viele Kommilitonen auf der Strecke bleiben, weiss er: Das ist mein Fach. Hier werde ich gefordert. 1968 macht er seinen Abschluss als Diplom-Physiker, nur zwei Jahre später setzt ihm die Universität zu Köln auch den Doktorhut auf.

Anzeige

Kleidung ist ihm gleichgültig

Die Wahl passt, der Mann sieht noch heute aus wie ein Wissenschaftler. Die Spuren, die das Leben ins Gesicht des 65-Jährigen gezeichnet hat, zeugen von mancher harten Stunde, aber auch einem Charakter, der ehrlich und aufrecht geblieben ist. Die Frisur ist unmodisch und die Haartracht manchmal zerfahren wie die von Bill Gates. Er wirkt hager, seine Augen sind auch nach einem Elf-Stunden-Tag blitzwach, der Körper sagt: Dieser Mann lebt nicht, um es sich gut gehen zu lassen. Kleidung ist ihm, wie jedem guten Physiker, ziemlich gleichgültig. Rückblende ins Jahr 1971: Die Professorenlaufbahn wäre ihm vorgezeichnet gewesen, aber er wird Manager, findet seine berufliche Heimat in der Zulieferindustrie. Seine Gesellenstücke liefert er beim Bremsenhersteller Alfred Teves in Frankfurt ab. In der Linie hält er sich nicht lange auf, er wird schnell Chef, weil seine Leistung auffällt. «Geschäftsführer Brasilien», «CEO Automotive USA» und «CEO Deutschland», Titel dieses Typs zieren schon bald seine Visitenkarte. Schon damals, in den 80er Jahren, wird klar: Der Mann hinterlässt überall seine Spuren. Er ist ein Macher, der alles, was ihn umgibt, vorantreibt.

Die Mitgift, die er mit ins Berufsleben bringt, ist seine Intelligenz. Schon an der Schule erklärte er seinem Mathematiklehrer den Lösungsweg. Wenn der Unterricht ihm nicht schnell genug ging, bat er darum, den Klassenraum verlassen zu dürfen – und seitdem er sich an der Uni durch die theoretische Physik gebissen hat, fürchtet er im Berufsleben nichts mehr. Immer wenn es wichtig wird, konzentriert er seine ganze Energie auf das Ziel. «Geht nicht» gibt es bei ihm nicht.

Sein Meisterstück ist die Rettung von Conti. Aus dem verschlafenen Reifenhersteller, der kein Geld verdiente, hat er einen profitablen Autozulieferkonzern gemacht, den er von seiner einseitigen Abhängigkeit vom Reifengeschäft befreite. «Aktienkurs versiebenfacht, Umsatz verdreifacht», so lautet seine Erfolgsbilanz. Von 1991 bis 1999 führte er das operative Geschäft als CEO, seither ist er Vorsitzender des Aufsichtsrats. «Ein brillanter Stratege», lobt die britische «Financial Times» seine Kompetenz.

Physik und Führung

Grünberg ist kein Menschenfresser, im Gegenteil. Seine Herkunft hat ihn geprägt – er stammt aus einer pommerschen Adelsfamilie. In diesen Kreisen waren gepflegte Umgangsformen, Respekt vor den Mitmenschen und Bescheidenheit Teil der Erziehung. Die Nase hoch zu tragen, nur weil man ein «von» im Namen hat, war verpönt. Diese Kinderstube hat der Multi-Aufsichtsrat (u.a. Schindler Aufzüge, Deutsche Telekom, zeitweise MAN) nie abgelegt. Er entschuldigt sich auch bei Rangniederen, wenn er zu spät kommt. «Im Umgang ausgesucht höflich», ist von denen zu hören, die mit ihm zu tun haben. Zudem bringt er eine Gabe mit, die man im Ratgeber «Der perfekte Smalltalk» nicht lernen kann: Er ist ein amüsierender Erzähler. Er schweift aus, findet aber immer wieder zum Ausgangspunkt zurück.

Dennoch ist er kein Weichei. Das Geschäft sieht er mit der Härte und Präzision des Physikers, der ein Experiment betreibt: Wenn die erwartete Reaktion ausbleibt, muss man die Angriffskraft erhöhen und einige Bedingungen verändern. Zu diesem Muss gibt es keine Alternative – da scheinen sich in Grünbergs Augen Physik und Unternehmensführung zu gleichen.

Wallenberg gegen Kindle

Die richtigen Bedingungen für das Gelingen herstellen, das tut der Top-Manager mit 36 Jahren Berufserfahrung in einem fort. Mal kauft er hier ein Unternehmen, mal verkauft er dort ein anderes. Mal muss die Produktion in A aufgegeben werden, um sie in B wieder zu errichten. Mal sitzt der falsche Mann an der falschen Stelle. Seinen ersten Nachfolger im Amt des Vorstandschefs von Conti hat er entlassen. Auch Fred Kindle mag nicht in das grosse Bild gepasst haben, das sich Grünberg von der ABB des Jahres 2018 gemacht hat. Deshalb musste er wohl gehen.

Hier mögen der VR-Präsident und sein VR-Kollege Jacob Wallenberg gleichen Sinnes gewesen zu sein. Grünberg hat, dafür gibt es Indizien, den Wunsch des grössten ABB-Aktionärs vollstreckt. Der Wallenberg-Clan hält Beteiligungen an zehn Weltkonzernen, neben ABB etwa auch an Astra-Zeneca, Electrolux und Ericsson. Es ist bekannt, dass die Familie eine aktive Eigentümerschaft betreibt. Sie schneidet nicht nur einmal im Jahr die Coupons und kassiert die Dividende, sondern gibt auch die Richtung vor. Dass sie nach Ablauf der Amtszeit des Sanierers Jürgen Dormann den Vorantreiber Hubertus von Grünberg an die Spitze des VR setzte, ist auch ein Statement: «Wiederhole das, was du bei Conti geschafft hast», mag die Botschaft an den heutigen VR-Oberen lauten.

Wo er ist, sind Veränderungen

Viele Verwaltungs- und Aufsichtsräte werden von Grüssonkels geführt, die den Vorstand machen lassen. So einer aber ist Grünberg nicht, das ist bekannt. «Ich will gestalten», so lautet die Botschaft des 1942 Geborenen. Wo er ist, sind Veränderungen. Wahrscheinlich will Grünberg jetzt, wo alles so gut läuft, die nächste Runde des Erfolgs einleiten. Märkte wie die Technologien, die die globale Erwärmung bremsen, Energiesparen und Wasseraufbereitung sind einige der Megathemen, die ABB in Zukunft besetzen kann. Damit ist er in bester Gesellschaft mit Peter Drucker. Der Urvater der Managementdenker schrieb: «Beginne mit den Veränderungen dann, wenn die Umstände am wenigsten danach verlangen.»