Er könnte auch Skilehrer oder Surfer sein. Mit seiner athletischen Postur, den blonden Haaren, dem Dreitagebart und dem sonnengebräunten Teint würde George Imboden sowohl an Australiens Bondi Beach als auch in der hiesigen Bergwelt als Instruktor eine gute Figur machen.

Und tatsächlich, der erste Eindruck täuscht nicht. «Ich bin gerne in den Bergen. Erst letztes Jahr habe ich das Matterhorn erklommen», erzählt der gebürtige Walliser und Bergsteiger. Und auch auf dem Wasser ist der 40-Jährige als Segler und seit zwei Jahren als Kitesurfer in seinem Element. «Ich bin immer offen für neue Ideen und Projekte», erklärt Imboden seine Polysportivität.

15 Jahre im selben Konzern

Sein jüngstes Projekt heisst Newave Energy. Seit Anfang November steht der Ingenieur und Wirtschaftswissenschafter dem Unternehmen mit Sitz in Quartino bei Bellinzona vor. Newave produziert Geräte zur unterbrechungsfreien Stromversorgung (USV), die insbesondere zum Schutz von Datacentern oder IT-Infrastrukturen zum Einsatz kommen - genauso wie in der Industrie, um Schwankungen der elektrischen Stromversorgung aufzufangen.

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Mit dieser Thematik kennt sich George Imboden aus. Schliesslich war sein letzter Arbeitgeber, die Gutor Electronic in Wettingen, ebenfalls im USV-Bereich aktiv. Den Aufstieg vom Product Manager bis hin zum CEO des Unternehmens hat Imboden dort vor 15 Jahren begonnen. Zuvor arbeitete er während eines Jahres als Projektmanager bei der Asia Pacific Timber & Trading in Kambodscha. «Ich war zwar seit 1994 immer im selben Konzern tätig, aber in sehr unterschiedlichen Positionen und Stationen», erklärt Imboden.

Dazu gehört auch ein vierjähriger Aufenthalt in Malaysia. In Südostasien hat er eine Niederlassung aufgebaut, vom Verkauf über das Engineering bis hin zur Produktion, bevor er zurück in die Schweiz gezogen ist. Präsente der Wertschätzung, die er zum Abschied erhalten hat, erinnern den heutigen Newave-CEO an die Zeit am Südchinesischen Meer und an sein Team in Malaysia.

Für diese Geschenke hat Imboden in seinem künftigen Büro ein besonderes Plätzchen vorgesehen. Dieses kann er aber erst beziehen, wenn Anfang 2010 der Erweiterungsbau von Newave beendet sein wird und die neuen Räumlichkeiten für Produktion und Office bereitstehen. Bis dahin ist sein Arbeitsplatz im Nebengebäude ein schlichtes Provisorium. «Wegen des Büros habe ich den Job sicher nicht angenommen», lacht Imboden. Ohnehin lege er keinen besonderen Wert auf das Design seiner Einrichtung. «Wichtig ist für mich, dass ich nahe bei den Leuten bin und mit ihnen kommunizieren kann», begründet er.

Kalkulierte Risiken eingehen

Und mit den Mitarbeitenden wird er in den nächsten Monaten viel kommunizieren müssen. Der neue Newave-Chef tritt als Externer in die Fussstapfen von Vllaznim Xhiha, dem Mitgründer und Grossaktionär des Unternehmens, der Newave in den vergangenen 16 Jahren aufgebaut und an die Börse gebracht hat. Im Rahmen der Nachfolgeplanung konzentriert sich Xhiha nun auf seine Funktion als Mitglied des Verwaltungsrats.

Vom langen Schatten seines Vorgängers spürt Imboden allerdings nichts. Denn dessen Vertrauen hat der neue Firmenchef in einem langwierigen Bewerbungsverfahren im laufenden Jahr gewonnen. «George Imboden hat Erfahrung in unserem Geschäft, er hat sich bereits als CEO einer anderen Firma bewährt, ist Ingenieur mit Business-Ausbildung und hat als 40-Jähriger noch eine lange Karriere vor sich», so Xhiha. Wie lange sich diese bei Newave erstrecken wird, wagt Imboden angesichts seiner kurzen Amtszeit nicht zu prognostizieren, auch wenn er im Tessin herzlich empfangen wurde. «Es wäre wohl noch etwas verfrüht, mich schon festzulegen. Doch die Chancen stehen gut, dass es lange sein wird», fügt er an. Denn beim Antritt seiner letzten Stelle hatte er in der ersten Woche das Gefühl, dass dies kein langes Gastspiel werden dürfte. Anschliessend war er für 15 Jahre beim Unternehmen tätig. «Hier ist es anders, und ich kann mir nach den ersten Wochen durchaus vorstellen, dass es länger werden könnte», so Imboden.

In dieser Zeit soll er den USV-Spezialisten mit einem Jahresumsatz von 84 Mio Fr. in höhere Sphären bringen und aus der Firma ein mittelgrosses Unternehmen formen. Derzeit steckt Newave, obwohl seit 2007 an der Schweizer Börse kotiert, als KMU noch in den Kinderschuhen. Die dazu notwendigen Strukturen und Prozesse aufzubauen, schätzt Imboden als langfristige Aufgabe ein. Wie beim Bergsteigen muss er dazu regelmässig kalkulierte Risiken eingehen, wenn er am Ende Erfolge feiern will. «Aber es muss wirklich ein kalkuliertes Risiko sein. Denn wenn man einmal total abstürzt, dann schmerzt es richtig - sowohl in den Bergen als auch in der Firma», weiss der Kletterer.

Unbeschwert an die Aufgaben

Dennoch lässt sich der neue Newave-Chef von den Herausforderungen nicht beeindrucken. «Ich gehe die Aufgabe eigentlich unbeschwert an», sagt er. Es sei ihm bewusst, dass er sehr vorsichtig vorgehen müsse, um die Stärken der Firma zu bewahren. «Dazu muss ich Newave und ihre Kultur so schnell wie möglich kennenlernen», weiss Imboden. In einem zweiten Schritt will er eine klare Strategie vorgeben und ehrgeizige, aber erreichbare Ziele festsetzen, damit die Mitarbeiter im global tätigen Unternehmen alle in die gleiche Richtung ziehen.

Genauso ist Imboden bei seinem letzten Einsatz als CEO in der Firma Gutor vorgegangen, als er das Unternehmen aus einer Schieflage bringen musste. «Ich wurde damals in die Geschäftsleitung gewählt, um einen Turnaround durchzuführen», so Imboden. Er musste schwierige Entscheidungen treffen, Personal abbauen und Korrekturen im Management vornehmen. Die Kapazitäts- und Effizienzprobleme seien danach aber relativ schnell gelöst worden.

Mit solchen Gedanken muss sich Imboden derzeit ohnehin nicht herumplagen. Denn trotz Wirtschaftskrise ist Newave in einer guten Verfassung. Die zunehmende Digitalisierung und das Wachstum im Bereich der alternativen Energien erfordern vermehrt USV-Lösungen. Und auch wenn gewisse Grossprojekte der Banken wegen der Krise zurückgestellt wurden, ist es kaum zu Stornierungen gekommen.

Volle Batterien nach Auszeit

Nachdem sich das Unternehmen in der Vergangenheit verstärkt auf technologische Entwicklungen fokussiert hat, soll unter Imboden der Verkauf forciert werden. Neben den Kernmärkten in Europa steht ein Ausbau in den Emerging Markets an. «Ich habe Freude am globalen Business und bewege mich gerne im internationalen Umfeld», sagt der Newave-Chef. Solange diese Freude anhält, will er deshalb aktiv am internationalen Geschäftsleben teilhaben und zusammen mit einem Team neue Projekte umsetzen.

Sollte diese Begeisterung einmal nicht mehr vorhanden und seine Batterien leer sein, dann weiss der gebürtige Walliser schon heute, wo er wieder neue Energien tanken kann. «Dann könnte ich mir durchaus vorstellen, dass ich mich in die Walliser Berge zurückziehe und die Yak-Farm meines Vaters weiterbetreibe», sinniert Imboden. Bereits vor seinem Antritt bei Newave hat er sich den Luxus einer Auszeit gegönnt und während mehrerer Monate auf der Yak-Farm gearbeitet. Zwar nicht wie ein richtiger Bauer, wie er betont. «Aber ich habe es genossen, nach 15 Jahren Kopfarbeit mal wieder etwas mit den Händen zu arbeiten und meinen Vater damit zu unterstützen», lacht er.