Firmen tun viel, um ihre ­Mitarbeiter am Arbeitsplatz glücklich zu machen: Die Kantine muss mancherorts den Anforderungen einer Spitzenküche entsprechen. Das Fitnessstudio auf dem Betriebsgelände gehört für Firmen, die etwas auf sich halten, zum Standard. Obstkörbe im Büro sind in den letzten Jahren genauso häufig geworden wie gesundheitsfördernde Arbeitsplätze.

Eine chinesische Firma hat sich sogar dafür entschieden, ihren Mitarbeitern zur Entspannung gratis Masken zu verteilen. Die Masken können die Angestellten einmal pro Monat tragen – während der Arbeitszeit, wohlgemerkt. Die Dienstleistungsfirma Woffice in der ­chinesischen Stadt Handan will damit die Erholung der Mitarbeiter fördern.

Weniger Selbstkontrolle mehr Arbeitsleistung

Das ständige Freundlichsein setze die Mitarbeiter unter extremen Druck. Ein freundliches Gesicht zu machen, während man dazu eigentlich keine Lust habe, sei eine Selbstkontrolle, die so viel Aufwand verlange, dass dadurch die Arbeitsleistung verhindert werde, so die Firmenchefs.

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Ist der «No-Face Day» nun eine Spinnerei einer chinesischen Provinzfirma oder ist dieses Modell auch in anderen Betrieben anwendbar? Das internationale Interesse für das Projekt ist jedenfalls gewaltig. Von den USA bis nach Australien berichteten Medien über den No-Face Day. Psychologen amerikanischer Universitäten haben schon ausführliche Analysen zum Phänomen verfasst.

Soziologische Erklärung

Der Tenor der Fachleute, die den Maskentag analysieren, ist dabei folgender: Freundlich zu sein, oder besser ständig zuvorkommend, aufnahmefähig und zugänglich zu sein, habe sich zu einem Wett­bewerbsfaktor am Arbeitsplatz entwickelt. Der freundlichere Mitarbeiter sei kurz gesagt der bessere und umsatzstärkere Mitarbeiter als der unfreundlichere. Der Autor Will Davies hat in seinem Buch «The Happiness ­Industry» die Entstehung dieser Meinung in HR-Kreisen und Chefetagen nachgezeichnet.

Und weil freundliche Mitarbeiter produktiver seien als unfreundliche, müssten sie auch intensiv gefördert werden. Dieser Wettbewerb um die freundlichsten Mitarbeiter habe inzwischen aber schädliche Ausmasse angenommen. Freundlichkeit könne man heute mit pharmakologischen ­Substanzen erzeugen – sogenannte Glückspillen, beispielsweise mit dem Botenstoff Serotonin, seien leicht erhältlich.

Bemühen um Freundlichkeit gesundheitsschädigend?

Das Bemühen um Freundlichkeit habe sich zu einem Wettrennen um das beste Grinsen gewandelt und sei für manche sogar gesundheitsschädigend. Der sogenannte No-Face Day, also das Verdecken des Gesichts während eines Tages im Arbeitsmonat, ist nun der Ausdruck einer gegenläufigen Entwicklung. Diese neue Strömung in der Arbeitspsychologie und Soziologie besagt, dass Mitarbeiter dann leistungsfähiger und bessere Performer seien, wenn sie die Fähigkeit hätten, sich von der Arbeitswelt in ausreichendem Masse abzukoppeln.

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Das heisst, wenn sie physisch und psychisch in der Lage sind, eine gesunde Distanz zu ihrem Job aufzubauen. Die deutsche Soziologin Sabine Sonnentag behauptet etwa, dass Distanz zur Arbeit die psychische Widerstandsfähigkeit erhöhe. Auch der kanadische Psychologe Robert Stebbins unterstützt diese These der besseren Leistungsfähigkeit durch Distanz zur Arbeit.

Isolation als Luxus

Die Masken am Arbeitsplatz sind, vielleicht neben Einzelraumbüros und Büro-Kopfhörern, eine auffällige Massnahme, diese Forderung der inneren Distanz zur Arbeitswelt auch in das Büro zu tragen. Wer seine Gesichtsmuskeln nicht mehr in Gang setzen muss, wenn ein freundliches Lächeln im Büro-Biotop erwünscht wäre, kann sicher einen Tick entspannter sein.

Der Mitarbeiter hinter der Maske kann sich wohl auch etwas ungestörter auf seine Arbeit konzentrieren. Ob er ­dadurch aber auch wirklich produktiver ist, ist bisher eine Streitfrage. Bedenkt man diesen theoretisch-psychologischen Hintergrund, wenn man die ulkig anmutenden Büromasken sieht, bekommen sie plötzlich eine gewisse Relevanz, die die weltweite Reak­tion auf die chinesische «Mas­ken­firma» zumindest zum Teil erklärt.

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Es ist durchaus möglich, dass ein gewisses Mass an Isolation und ­Unabhängigkeit von sozialem Druck im Büro als Luxus von morgen gilt. Dann wäre die «Maskenfirma» aus Nordchina tatsächlich Avantgarde.