Ricarda Harris, Geschäftsführerin des Verbands Wirtschaftsfrauen Schweiz, kennt die Klagen: Zu wenig Frauen in Top-Positionen, eine immer noch magere Zahl an Verwaltungsrätinnen. Aber Jammern bringt nichts, kluge Strategien sind gefragt. Eine davon: Immer wieder zeigen, dass es für Spitzen-Jobs qualifizierte Frauen gibt, und dafür sorgen, dass deren Gesichter im Gedächtnis und deren Namen im Gespräch bleiben.

Das Ziel ist, einen Aha-Effekt auszulösen bei denjenigen, die über die Besetzung wichtiger Positionen entscheiden. «Viele der qualifizierten Frauen sind unbekannt und werden deshalb übergangen», sagt Harris. Der Umkehrschluss: Je bekannter sie seien, desto unglaubwürdiger die Begründung, nichts von ihnen gewusst zu haben. Und noch einen Effekt versprechen sich die Wirtschaftsfrauen: Das Ansehen der Schweizer Wirtschaft sinke wegen gravierender Managementfehler und Abzockergehälter. Um gegenzusteuern, brauche es klare Corporate-Governance-Regeln und vertrauenswürdige Führungspersönlichkeiten. Zu diesen sollten künftig mehr Frauen gehören ? hier gebe es ein riesiges Potenzial.

Machen statt klagen, sich einmischen statt über schlechte Bedingungen schimpfen, Position beziehen: Der Verband spiegelt, was seine 600 Mitglieder in ihren Jobs leis- ten. Die Unternehmerinnen, Managerinnen, Chefbeamtinnen und aufstrebenden Nachwuchstalente packen an und wollen etwas erreichen. Das Gros der Mitglieder ist zwischen 35 und 45 Jahre alt, steht mitten im Berufsleben. Es sind Frauen mit Visionen, die Einfluss gewinnen in Wirtschaft und Gesellschaft. Und es sind Frauen, die wissen, dass man auf dem Weg nach oben mehr braucht als Talent und eine gute Ausbildung. «Berufliches Know-how ist Voraussetzung. Der Kick zum Erfolg liegt in der Synthese von emotionaler Intelligenz und sozialer Kompetenz», ist eine der Botschaften des Verbandes.

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Alles nur Vorurteile

«Kontakte knüpfen ist das A und O für ambitionierte Frauen», findet Ricarda Harris. Sie räumt auf mit den Vorurteilen, wonach Frauen die Kunst des Networking nicht beherrschten, unsolidarisch seien und sich lieber als Einzelkämpferinnen durchboxten. Das Gegenteil habe sie erfahren in ihrer Laufbahn als Wirtschaftsinformatikerin: «Viele Frauen begleiten mich seit Jahren. Ich konnte immer von ihrer Erfahrung profitieren, und noch heute frage ich sie um Rat.» Auf den Erfahrungsschatz anderer Frauen zurückgreifen ? ein wichtiges Anliegen bei den Wirtschaftsfrauen. Sie fördern deshalb weiblichen Nachwuchs und motivieren Frauen mit Karrierepotenzial dazu, den Weg nach oben anzutreten. Als Erfolg wertet Verbandspräsidentin Astrid van der Haegen beispielsweise das erste Mentoring-Programm, bei dem Nachwuchstalente gestandene Führungspersönlichkeiten im Arbeitsalltag begleiten konnten. Das Programm habe vielen jungen Frauen zusätzlich Motivation gegeben auf ihrem Karriereweg. Obs eine Neuauflage gibt, wird nächstes Jahr entschieden.

Türöffner für ihresgleichen

Kontakte untereinander pflegen die Wirtschaftsfrauen bei regelmässig stattfindenden Dinners, Lunches oder After-Work-Apéros in Aarau, Basel, Bern, Luzern, Zug und Zürich. Bei den Treffen geht es nicht in erster Linie darum, gleich den maximalen Nutzen für den nächsten Karriereschritt herauszuholen oder neue Aufträge an Land zu ziehen. Es geht um «Networking» im besten Sinn: Sich kennen lernen, sich mit Kolleginnen aus der Branche austauschen, Frauen aus anderen Wirtschaftszweigen treffen. Oft freilich ergeben sich Kontakte, die den Frauen beruflich nützen. Und wenn jemand einen Job suche, höre man sich unter den Mitgliedern um, sagt Ricarda Harris. Die Wirtschaftsfrauen fungieren als Türöffner. Nicht mehr und nicht weniger. Was danach zählt, ist Leistung.

Firmen holen sich Rat

Der Verband sieht sich als einflussreiche Kraft der Schweizer Wirtschaft. Nicht nur, weil er immer wieder Stellung bezieht zu wirtschaftspolitischen Themen. Rund 40 Firmen sind Mitglied bei den Wirtschaftsfrauen, darunter ABB, Credit Suisse, Helsana, Swiss-com und die UBS. Sie holen sich bei den Wirtschaftsfrauen Rat, wie sie Mitarbeiterinnen gezielter fördern können. Denn eines ist erwiesen: Unternehmen, die Frauen integrieren in der Chefetage und im Verwaltungsrat, schaffen damit eine Voraussetzung für mehr Erfolg.

NACHGEFRAGT

«Mit wenig Input lässt sich viel bewegen»

Astrid van der Haegen, 48, hauptberuflich Chairman der Swissartists & Suonix Music Group, ist Gründungsmitglied und Präsidentin der Wirtschaftsfrauen Schweiz. Der Verband entstand aus einer Initiative, die ursprünglich Berufsfrauen beider Basel eine Plattform bot. Van der Haegens Motto: Schon mit wenig Input von Frauen lässt sich viel bewegen.

Warum gehören Sie als Präsidentin der Wirtschaftsfrauen den Rotariern an?

Van der Haegen: Frauen sollten nicht nur unter sich bleiben, sondern sich verschiedenen Netzwerken anschliessen. Deshalb bin ich Mitglied beim Rotary Club Aarau. Er zählt rund 80 Männer und 7 Frauen. Die Rotarier sind zwar sehr traditionell organisiert, bieten jedoch eine internationale, lehrreiche und freundschaftliche Plattform.

War die Gründung Ihres Verbands eine Antwort auf die Männer-Netzwerke?

Van der Haegen: Das hat eine Rolle gespielt. Die Geschicke sämtlicher Wirtschaftsverbände lagen bis vor zehn Jahren in Männerhand. Doch auch Unternehmerinnen und Kaderfrauen haben das Bedürfnis, sich relevanter Wirtschaftsthemen anzunehmen und sich auszutauschen.

Auch mit Männern?

Van der Haegen: Es war von jeher unser Ziel, die männlichen Führungspersönlichkeiten für das Thema «Frau» zu sensibilisieren. Dies ist uns gut gelungen. Bei unseren Businessdays sind mittlerweile bis zu 30% der Teilnehmenden Männer. Wirtschaftsfrauen Schweiz richtet sich nie gegen Männer, wir streben das Gemeinsame an.

Hat Ihre Organisation dazu beigetragen, dass heute mehr Frauen in verantwortungsvollen Positionen arbeiten?

Van der Haegen: Davon bin ich überzeugt. Wir verschaffen uns Gehör in der Öffentlichkeit, und wir sorgen dafür, dass unsere Mitglieder bekannt werden. So fragt man sie immer öfter für Mandate an.

Warum ist kaum bekannt, dass es in etlichen verantwortungsvollen Jobs bereits Frauen gibt?

Van der Haegen: Frauen in Managementpositionen haben oft Doppel- bis Dreifachverpflichtungen. Mit einem anspruchsvollen Job, einem Partner und sogar noch Kindern liegt es einfach nur noch selten drin, Veranstaltungen zu besuchen. Networking wird dann oft vernachlässigt. Wer nicht da ist, wird aber nicht gesehen. Hinzu kommt, dass Frauen nicht so viel Selbst-PR betreiben.

Was braucht es, damit mehr Frauen den Weg nach oben schaffen?

Van der Haegen: Ein wichtiger erster Schritt war sicher, den Begriff «Diversity» in den Unternehmen zu verankern. Über vielen Firmenleitbildern steht heute der Grundsatz, dass man die Vielfalt der Belegschaft nutzen, sich gegen Diskriminierung und für Chancengleichheit einsetzen soll. Ein zweiter Schritt ist nun, das Geschriebene auch zu leben und davon zu profitieren.

Ihre Vorstandsmitglieder sind beruflich stark eingebunden. Warum laden sie sich mit Verbandsarbeit noch mehr Arbeit auf?

Van der Haegen: Wir stehen im Wirtschaftsleben und möchten unsere Sicht der Dinge einbringen. Zudem sind Beförderungen und berufliche Erfolge unserer Mitglieder ein grosser Motivator.