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Mobile Recruiting: Bewerbung in der Hand

Bewerbung mit dem Smartphone: Neue Strategien auf dem Stellenmarkt.

Das klassische Bewerbungsgespräch ist tot. Die Zukunft gehört der drahtlosen Personalbeschaffung per Smartphone.

Von Constantin Gillies
am 15.06.2011

Mensch, da müsste man arbeiten. Bewundernd steht die junge Frau vor dem schicken Bürogebäude. Dann zieht sie ihr Handy aus der Tasche und drückt kurz auf den Berührbildschirm. In dieser Sekunde erfasst das Gerät ihren geografischen Standort, identifiziert anhand der Adresse das Unternehmen und schaut im Internet nach, welche Stellen dort frei sind. Die Jobsucherin überfliegt kurz die Angebote, dann wischt sie mit dem Finger erneut über das Display. Damit hat sie ihre Bewerbung an die Personalabteilung abgeschickt.

Zukunftsmusik? Keineswegs. Die Stellenbörse Monster.ch bietet seit kurzem ein Miniprogramm fürs Handy an, das per Knopfdruck offene Positionen in der Umgebung des Nutzers anzeigt. Die App läuft auf internetfähigen Mobiltelefonen und dem iPad. Noch einen Schritt weiter geht die Deutsche Telekom: Der Bonner Konzern verschenkt an Jobsucher eine App, die es erlaubt, mit einem Knopfdruck eine Art von Minibewerbung abzuschicken.

Schweizer in den Startlöchern

Willkommen in der Welt des so genannten Mobile Recruiting. Immer mehr Unternehmen sprechen potenzielle Mitarbeitende über deren Lieblingsmedium an – das Smartphone. «Diese Entwicklung ist unausweichlich», prognostiziert Stephan Böhm, Professor an der Hochschule RheinMain, Wiesbaden. Er hat eine Umfrage durchgeführt und herausgefunden, dass 89 Prozent aller deutschen Unternehmen erwarten, demnächst über mobile Kanäle zu rekrutieren. Schweizer Unternehmen tasten sich derzeit noch vorsichtig an die drahtlose Personalbeschaffung heran. Nur 5 Prozent aller Firmen haben auf dem Gebiet schon Erfahrungen gesammelt, ergab eine Umfrage von Prospective Media Services, Zürich. Das liegt zum Teil daran, dass die Entwicklung einer App mit nicht unerheblichen Kosten verbunden ist und sich für einen relativ kleinen nationalen Bewerbermarkt nicht lohnt.

Deshalb sind unter den mobilen Pionieren derzeit vor allem internationale Grosskonzerne zu finden: Die Deutsche Telekom zum Beispiel hat letztes Jahr ein eigenes Miniprogramm namens Jobs & More für das iPhone vorgestellt, das ständig die aktuell offenen Stellen anzeigt. Es wurde in einem Jahr 24000-mal heruntergeladen. «Vor allem Absolventen und ­junge Berufserfahrene sind begeisterte Nutzer», freut sich Frank Staffler, Leiter Recruiting Operations bei der Telekom. Die breite Masse erreichen die Bonner mit der App noch nicht. Es sind vor allem IT-Fachkräfte, die sich für die mobile Jobsuchmaschine interessieren. «Eine Bewerbung für eine Position im Finanz­bereich dagegen habe ich auf diesem Weg noch nicht bekommen», lacht Staffler.

«Terminator-Blick» in der Zukunft

Was die Fantasie der Personaler besonders anregt, ist, dass mit dem Smartphone Dinge möglich sind, die der stationäre PC nicht leisten kann – zum Beispiel den Standort des Nutzers berücksichtigen (Fachwort: Location Based Services).

Wer wissen will, wie die Jobsuche 2020 aussieht, braucht nur die kostenlose Software Layar auszuprobieren. Die Software nutzt die Bilder der Handykamera und blendet über das Realbild zusätzliche Informationen aus dem Internet ein. Auf Wunsch erscheint dann im Display, wo sich der nächste Geldautomat oder Supermarkt befindet. Die niederländische Zeitarbeitsfirma Tempo-Team meldet auch offene Positionen an Layar. Und das bedeutet: Wenn die Nutzer ihr Handy auf einen Strassenzug halten, erscheint im Display über jedem Haus, wo eine Stelle frei ist, ein dicker Kreis. «Terminator-Blick» nennen Experten die Technik augenzwinkernd. Noch steckt die Überall-Rekrutierung jedoch in den Kinderschuhen. Die meisten Bewerber schnuppern mobil nur – und bewerben sich dann ganz normal am PC. Allerdings beginnt diese Zweiteilung zu verschwinden: Bei der neuesten Version der Telekom-App können sich Jobsucher vom Smartphone aus gleich vorbewerben. Per Knopfdruck lassen sich ein Xing- oder LinkedIn-Profil sowie eine private Bewerbungspage an das Unternehmen mailen. Personaler prüfen dann, ob der Interessent halbwegs passt, und wenn ja, geht es mit der klassischen Online-Bewerbung weiter.

US-Firmen wie AT&T oder American Apparel sind noch weiter und akzeptieren auch vom Handy aus gesendete Bewerbungen. «Für den Erstkontakt reicht das sicher aus», meint Experte Böhm. Telekom-Manager Staffler erwartet, dass sich durch die neuen mobilen Möglichkeiten die Gepflogenheiten bei der Personal­suche insgesamt ändern werden: «Die Bewerbung wird kürzer und knackiger – so, wie sie in Asien schon heute ist.» Auf Hochglanz polierte Motivationsschreiben im Erstkontakt hält er für ein Auslaufmodell. Für solche Ergüsse ist das Handydisplay schlicht zu klein.

Unterwegs zum neuen Job: Die Zukunft ist jetzt

  1. Der Bewerber findet einen Job, der ihn interessiert. Über die App einer Jobbörse oder spezielle, für mobile Endgeräte optimierte Karriereseiten des Unternehmens.
  2. Der Bewerber schickt dem potenziellen Arbeitgeber den Link zu seinem Profil in einem sozialen Netzwerk. So trifft das Unternehmen eine Vorauswahl.
  3. Das Unternehmen verschickt über die App genaue Status-Updates («85% bearbeitet. Fachabteilung berät. Noch 2 Tage bis zur Entscheidung»). Eine mobile Videokonferenz ersetzt das klassische Bewerbungsgespräch.
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