Bist Du jetzt total übergeschnappt?» bekam Beat De Coi selbst von denen zu hören, die bis anhin alle seine – immerhin lukrativen, aber nicht risikofreien – Projekte mitgetragen und bewundert haben. Wer kommt schon auf die Idee, eine Halbleiterfabrik in einen Berg hineinzubauen? Das Herzstück der Anlage wird unterirdisch entstehen – in der Nähe des ehemaligen Erzbergwerks Gonzen nahe dem rheintalischen Sargans.

Dort, wo früher Grubenarbeiter mit ihren Kopflampen in den finsteren Berg einfuhren, werden künftig hochqualifizierte Ingenieure eine etwas retardierte Region in ein Silicon Valley des Rheintals verwandeln.

«Etwas oberhalb wird eine etwa 100 m lange und 18 m hohe Kaverne in die mit Buschwerk und Bäumen bewachsene Bergwand getrieben. In der geplanten Kaverne wird ein Halbleiterwerk unter Reinraumbedingungen entstehen», sagt De Coi in seinem behelfsmässig eingerichteten Büro im alten Stellwerk der Sarganser SBB. Was sofort auffällt: Er schwärmt nicht in höchsten Tönen von diesem in Europa einmaligen Projekt, sondern spricht Ingenieur-like darüber – sachlich, nüchtern und so, als ob es das Normalste der Welt sei.

Die Wände sind vollgepflastert mit technischen Skizzen. «Es geht darum, die neuste Produktionstechnik mit Chipgrössen von 0,18 Mikrometer – ein Mikrometer ist ein Tausendstel Millimeter - anzuwenden. Normalerweise wird auf die 0,35-Mikrometer-Technologie gesetzt.» Aber die ist für den Perfektionisten De Coi unbefriedigend. Also braucht es Bessere. Aber nicht nur aus einem Hang zum Noch-Besseren, sondern weil die zweite, ebenfalls von ihm gegründete Firma Cedes sie benötigt. Sie setzt mit 400 Mitarbeitenden gut 50 Mio Fr. um und wird für eine Grundauslastung bei optoelektronischen Chips sorgen.

Anzeige

«Wer in einem Lift fährt, wird mit unserer Aufzugssensorik konfrontiert. Hier kommen unsere Lichtschranken und Lichtvorhänge zum Zug. Wir müssen für die Sensoren in einem Lift, das sind mehrere hunderttausend Geräte pro Jahr, gegen die Konkurrenz aus Fernost in Fernost bestehen können. Zudem müssen sie die Aufzugskabine auch bei Rauch und Feuer im Gebäude auf 0,2 Millimeter genau auf die Etage positionieren», sagt er, auf ein konkretes Beispiel des Nutzens seiner Chips angesprochen.

Die Fabrik im Berg birgt Vorteile

Lauter versteckte Dienstleistungen also, die gar nicht mit Cedes oder De Coi in Verbindung gebracht werden. Geschweige denn mit der «Mountain-Fab», die derzeit im Entstehen ist.

Die Abkürzung steht selbstredend für eine Fabrik im Berg. «Das Patent ist bereits angemeldet», sagt De Coi, der nur ein müdes Lächeln dafür übrig hat, wenn man ihn einen Wahnsinnigen nennt. Natürlich wirkt er nicht so, aber seine Vision von einer Chipfabrik im Gonzen weckt solche Assoziationen. Dabei seien seine Ideen gar nicht so «ab der Welt», so De Coi.

Weil die Anlage unterirdisch entsteht, ist der Gonzen ein idealer Standort für die Chip-Produktion. «Es ist erwiesen, dass bereits kleinste Erschütterungen die Produktion von Halbleitern verunmöglichen können. Im Gonzen wurden nur kleinste Vibrationen gemessen», sagt er. Das wiederum hat einen geringeren Aufwand für Fundamente sowie für Aussen- und Dachhüllen zur Folge. Daraus resultieren Einsparungen von mindestens 7 Mio Fr.

«Kommt hinzu, dass das herausgehauene Felsgestein sich als Kies verkaufen lässt», fügt De Coi hinzu. Bei geschätzten rund 90000 Kubikmetern Kies zu einem Preis von rund 8 Fr. pro Kubikmeter könnten daraus gut und gern Einnahmen von rund 1 Mio Fr. resultieren.

Aber im Gespräch schimmert immer wieder durch, dass dieser Aspekt nicht der eigentliche Antriebsmotor von De Coi ist. Zwar wirken die Skizzen der geplanten Chipfabrik an der Wand hinter ihm wie Entwürfe zu einem Film mit Landeplätzen für Wesen der «anderen Art», aber seine Ausführungen sind so akkurat, dass dieser Gedanke rasch wieder verworfen wird.

Anzeige

Interessenten rennen Türen ein

Für einmal werden Visionen innerhalb eines überschaubaren Horizonts konkretisiert: Das Investitionsvolumen beläuft sich auf rund 150 Mio Fr., Arbeitskräfte werden zuerst rund 250 benötigt, in vier Jahren rund 500.

Schon heute rennen De Coi die Fachkräfte aus der Schweiz, aus Deutschland, Frankreich, Italien und Asien die Türen ein. «Dabei habe ich nicht ein einziges Mal ein Stelleninserat geschaltet», sagt De Coi. Schlimm für die Werbebranche, gut für all jene, welche allein durch zukunftsweisende Projekte hochqualifizierte Fachkräfte suchen, und nachdenklich stimmend für all jene Medienschaffenden, die sich immer wieder mit dem Thema «War for Talents» befassen.

«Ach wissen Sie, man muss einfach spüren, wohin der Wind weht», sagt De Coi, während gerade wieder eine Delegation von Interessenten aus Japan anklopft.

Anzeige

Seelenruhig kontert er die heikle Frage, wieso er eigentlich just auf Chips setzt, wo doch die Halbleiterindustrie zu den Zyklikern gehört und derzeit die Zeichen eher wieder auf Sturm stehen. «Halt, es gilt zu unterscheiden zwischen Massen- und Nischenprodukten. Mit der Kombination von hochempfindlichen Lichtempfängern und leistungsfähiger Signalverarbeitungselektronik auf einem einzigen Siliziumchip sind wir in einer klar definierten Nische.»

Ein selbst tarierter Kompass

Nach so viel geballter Technik machen wir einen grossen Gedankensprung. Wie hat die Bevölkerung von Sargans auf dieses Vorhaben reagiert? Eine Chipfabrik im sakrosankten Hausberg – das kühne Vorhaben wäre ein ideales Einspracheobjekt. «Wir hatten keine Einsprachen», so die überraschende Antwort. «Das hängt letztlich mit einer grundehrlichen Kommunikation zusammen. Wir haben uns bemüht, nicht nur den Anwohnern, sondern auch allen Interessierten zu erklären, was wir vorhaben und dass unser Projekt keine Immissionen auf die Umwelt haben wird.»

Anzeige

Vielleicht trägt De Cois Bescheidenheit zu seiner Glaubwürdigkeit bei. Er hat mit Nichts angefangen und betreibt keinen aufwendigen Lebensstil. Die Kosten für sein Ingenieurstudium verdiente er sich als Werkstudent. Auch seine Betriebswirtschaftsausbildung absolvierte er berufsbegleitend. Darauf angesprochen, ob das nicht eine enorme Belastung gewesen sei, lächelt er. «Das ist alles eine Frage der Einstellung.» Und wahrscheinlich auch der Einschätzung der eigenen Belastbarkeit.

Einschätzung? De Coi runzelt die Stirn. «Das scheint mir nicht der richtige Ausdruck zu sein.» So viel wird nach dem Gespräch klar: Er vertraut einem selbst tarierten Kompass, schätzt nicht ein, sondern ortet den Weg aufgrund dieser inneren Richtschnur. «Ich bin ein Secondo. Mein Vater wanderte aus Italien in die Schweiz ein und wurde – zunächst – Hilfsarbeiter. Er beklagte sich nie, aber er hatte ein Ziel vor Augen. Er wollte selbstständig werden. Das hat uns Kinder – ich habe noch drei Geschwister – geprägt.»

Anzeige

Wie sein Vater hat Beat De Coi eine Lücke entdeckt. Bei seinem Vater war es der Wunsch, vom Hilfsarbeiter zum Fahrlehrer aufzusteigen. Die Zeichen der Zeit waren günstig. Viele seiner Landsleute in der Schweiz wollten den Führerschein erwerben und waren froh, darauf von einem Landsmann vorbereitet zu werden.

Bei seinem Sohn war es die Vision, im Gonzen eine Halbleiterproduktion einzurichten, ein Schritt, den vorher noch niemand überhaupt erwogen hat.