Bern, ein regnerischer Abend im November: Catherine Mühlemann verlässt den Hauptsitz der Swisscom, wo sie als Verwaltungsrätin über aktuelle strategische Belange diskutiert hat, und fliegt zurück nach Berlin. Dort holt die einstige Chefin von MTV Central Europe ihre 4- und 2-jährigen Kinder in der Krippe ab. Wenn die beiden im Bett liegen, wird sich die selbstständige Medienunternehmerin nochmals an den Computer setzen.

Catherine Mühlemann gehört zur seltenen Spezies von Frauen mit einem Top-Job, die gleichzeitig Erziehungsaufgaben wahrnehmen. Der Frauenanteil in Führungsgremien börsenkotierter Unternehmen stagniert auf weniger als 5%. Unter diesen sind die Mütter statistisch kaum mehr zu erfassen. Warum?

«Der Effizienzdruck ist heute riesig, man zieht stets verfügbare Mitarbeitende jenen vor, die auch anderweitigen Verpflichtungen nachgehen», sagt Kathrin Arioli, Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung von Frau und Mann des Kantons Zürich. Ein 24-Stunden-Multi-Tasking sei aber weder zuträglich noch gesund.

Dies hat auch Catherine Mühlemann erlebt: «In konjunkturell schwierigen Zeiten wächst mit der Verantwortung auch die Belastung.» Die ständige Fliegerei zwischen Berlin und New York habe sie als Mutter belastet, daher habe sie im Frühling beschlossen, MTV nach sieben Jahren zugunsten ihrer Kinder zu verlassen. «Ich wollte nicht eine Zeit mit den Kindern verpassen, die nie mehr kommt. Mein Leben wollte ich flexibler und selbstständig organisieren.»

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Rollenbilder sind wandelbar

Rückblende: Anfang der 90er Jahre belegten erste Studien die besondere Effizienz von Teilzeitmitarbeitenden. Ein Umdenken setzte ein, viele Mütter suchten sich einen Job für ein, zwei Tage in der Woche. Dieses Erwerbsmuster ist typisch, auch bei Akademikerinnen. Mit tiefen Pensen behalten die Mütter mindestens ein Bein in der Berufswelt, doch eine Karriere à la Catherine Mühlemann lässt sich so kaum machen. Hinter diesem Muster stecken gesellschaftlich geprägte Rollenbilder. Arioli: «Das Rollenmodell ist in der Schweiz sehr resistent. Kinder zu haben bedeutet bei uns, diese tagsüber zum grössten Teil selber zu betreuen.» Diese Bilder sind jedoch nicht in Stein gemeisselt; die Unterschiede je nach Land, Region oder Stadt erstaunen. Catherine Mühlemann: «In Berlin hat sich - historisch bedingt - ein anderes Frauenbild entwickelt, die meisten Kinder besuchen schon ganz früh eine der zahlreichen Krippen.»

Aber auch individuelle Faktoren wie geringe Durchsetzungsfähigkeit, fehlende Ambitionen, Mangel an Netzwerken erschweren Frauenkarrieren. Die Einstellung hält Catherine Mühlemann für zentral: «Frauen sollen sich selber vermarkten, denn viele haben viel Potenzial, und man kann lernen, sich zu entfalten.»

Wie sie es ganz nach oben geschafft hat und trotz Kindern dort geblieben ist? «Im Rückblick kann ich das nicht mehr beantworten, man organisiert sich eben, aber es ist mir unangenehm, deswegen hochstilisiert zu werden.» Denn: Die Realität hole einen schnell ein, der Beruf komme vor der Familie, auch wenn man das Gegenteil behaupte. Und sie sei häufig angefeindet worden: «Der Neid spielt eine grosse Rolle.»

Das Geschlecht bildet für Schweizer Frauen die Karrierebremse Nummer eins, lautet das Fazit einer Studie des Managementberatungs-Dienstleisters Accenture. Ein Viertel der Befragten sieht ihre Aufstiegschancen durch Kinderbetreuung beeinträchtigt. Vorbilder gebe es in Wirtschaft oder Politik kaum. Anstelle der umstrittenen Quoten (siehe Box) könnte man die Überzeugung spielen lassen, dass sich Frauen - und insbesondere Mütter - in Chefsesseln für die Wirtschaft lohnen. Eine Umfrage der deutschen Bertelsmann-Stiftung und des Familienministeriums unter 500 Müttern in Spitzenpositionen kam zum Fazit: «Die besonderen Fähigkeiten von Müttern bilden einen Gewinn für Unternehmen, auf die diese nicht verzichten sollten.» Eigenschaften wie Gelassenheit, Organisationsfähigkeit, Pragmatismus verstärkten sich durch Mutterschaft deutlich. Der Umgang mit Zeit verbessere sich, gerade weil diese für Eltern so kostbar ist. Mütter delegierten eher und achteten stärker auf Teamarbeit. Mühlemann ist überzeugt: «Als Mutter mit Job wird man stark und flexibel, zuletzt wird man eine bessere Managerin.»

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Begüterte Mütter geniessen doppelte Privilegien, da sie sich Krippen - in der Schweiz knapp und teuer - oder eine private Kinderfrau rund um die Uhr leisten können. Catherine Mühlemann ist selber aktiv geworden: Als Chefin bei MTV hat sie Frauen im Betrieb zur Karriere ermutigt und einen eigenen Betriebskindergarten eingerichtet, «das Schönste, was mir passiert ist. Die Feedbacks von Frauen waren toll». Unternehmen und Staat müssten hier Verantwortung übernehmen, findet sie. Und die Väter? Die allerwenigsten schrauben ihr Pensum für Kinderbetreuung zurück. «Welcher Mann macht mit 30 schon eine Babypause? Das braucht viel Mut!», sagt Catherine Mühlemann. Spätestens nach der Kleinkindphase könnten die Väter zuhause zwar auch einsteigen. Doch dann ist es für die Mütter meist zu spät, um beruflich noch an die Spitze zu gelangen.

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NACHGEFRAGT Kathrin Arioli, Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung von Frau und Mann des Kantons Zürich


«Top-Sharing ist das Modell der Zukunft, nicht der Gegenwart»

Die Thematik «Kinder und Karriere» löst vielerorts allenfalls ein müdes Lächeln aus. Sehen Sie Anzeichen für einen Backlash: Konservative junge Leute, mutlose Frauen, unflexible Arbeitgeber?

Kathrin Arioli: Seit zwei, drei Jahren häufen sich in unserer Beratungspraxis die Fälle von Frauen, die ihren Job verlieren, weil sie Mütter werden und deshalb Teilzeit arbeiten wollen - allen anderslautenden Beteuerungen der Arbeitgeber zum Trotz. Von Mitarbeitenden und Führungskräften wird erwartet, dass sie flexibel und dauernd verfügbar sind, was es für Eltern schwierig macht.

Sie kämpfen noch immer für dieselben Anliegen wie vor 18 Jahren. Ist das nicht allmählich zermürbend?

Arioli: Nein, ich bin sozusagen von Berufs wegen Optimistin. Natürlich kann man nicht vom grossen Gleichstellungserfolg sprechen, aber es hat einige Veränderungen gegeben. Ich beobachte die Gleichzeitigkeit von Veränderung und Stagnation. Die Statistik zeigt, dass Mütter heute viel häufiger als vor 18 Jahren erwerbstätig sind. Damals waren beruflich aktive Mütter noch eine Minderheit.

Müssen Frauen in Top-Positionen auf Kinder verzichten, da man sie ansonsten gleich abschreibt?

Arioli: Die Frage, warum es nur sehr wenige Frauen in Top-Positionen gibt, ist vielschichtiger. Rollenerwartungen prägen die Einstellung und das Verhalten von Frauen und Männern, mehr als wir denken. Manchmal stehen sich Frauen selber im Weg, weil sie aufgrund der Rollenerwartungen Mühe haben, Familie und Beruf miteinander zu verbinden. Aufgrund der weitverbreiteten Geschlechterrollenstereotype haben nicht nur Mütter, sondern Frauen generell Mühe auf dem Weg nach ganz oben. Zahlenmässig müssten dort ja viel mehr Frauen anzutreffen sein.

Sollen Frauen überhaupt einen männlichen Führungsstil annehmen? Drohen sie dadurch nicht zu viele Kompromisse einzugehen? Könnte es sein, dass der spezifisch weibliche Führungsstil dereinst mehrheitsfähig wird?

Arioli: Führungsstil - das ist ein komplexes Thema. Was man Frauen an Eigenschaften zuschreibt - was aber längst nicht alle Frauen haben - , gilt noch nicht als wichtig im Top-Management. So ist der ganzheitlichere Ansatz trotz der wachsenden Betonung von «soft skills» noch nicht richtig angekommen. Wenn eine Frau männlich agiert, wird sie oft negativ beurteilt, wenn sie einen weiblichen Führungsstil hat, geht sie unter. Frauen haben es erst dann einfacher, wenn man sie nicht nach Rollen begutachtet. Jede Frau und jeder Mann soll so führen, wie es ihr und ihm geschlechterunabhängig entspricht.

Ist Top-Sharing eine Illusion?

Arioli: Nein, aber es ist das Modell der Zukunft, nicht der Gegenwart. Bis heute gibt es nur sehr wenige Beispiele von Jobsharing in Kaderpositionen, obwohl ein solches Modell viele Vorteile bringt. Beispiel: Die Chefärztinnen im Triemlispital. Eine erfahrene Chefin teilt ihre Stelle mit einer jüngeren Fachfrau. Ein generationenspezifisch interessantes Modell.