Der Technologiekonzern Apple stellt fest, dass drei seiner Zulieferfirmen Kinder unter 16 Jahren beschäftigen. Eine Schweizer Bank entdeckt, dass sie in ein Unternehmen investiert, welches einen ökologisch wertvollen See verschmutzt.

Soziale und ökologische Risiken möchten zwar die meisten Unternehmen vermeiden, doch ahnen sie oft nicht, wie schnell sie sich diesbezüglich Schuld aufladen.

Soziale Verantwortung von Unternehmen - Corporate Social Responsibility - bedeutet, dass Firmen in ihren geschäftlichen Tätigkeiten und in ihren Beziehungen zu allen Partnern soziale und ökologische Belange auf freiwilliger Basis berücksichtigen. In den letzten Jahren hat manches Unternehmen in der westlichen Welt erkannt, dass diese soziale Verantwortung für seine Wettbewerbsfähigkeit und nachhaltige Entwicklung von grosser Bedeutung ist.

Uno-Vertrag mit zehn Prinzipien

Um das globalisierte Wirtschaftsleben menschen- und umweltfreundlicher zu gestalten, setzte die Uno auf Initiative von Kofi Annan im Jahr 2000 einen Vertrag auf. Dieser «UN Global Compact» verpflichtet die freiwilligen Teilnehmer zu sozialen und ökologischen Mindeststandards und zu jährlichen Rechenschaftsberichten. Zu den zehn universell akzeptierten Prinzipien gehören folgende: Menschenrechte respektieren, Zwangsarbeit und Kinderarbeit ausschliessen, Diskriminierung von Angestellten vermeiden, Umweltgefährdungen vorbeugen, umweltfreundliche Technologien verbreiten, gegen Korruption eintreten. Diesem weltweit breitesten Forum für soziale Verantwortung haben sich seither rund 5000 Konzerne wie etwa ABB, Bayer oder Siemens angeschlossen.

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Verändert sich die Bedeutung der sozialen Verantwortung in Krisen? In seiner Analyse «Nach der Krise» hält Roger de Weck fest, ein nachhaltiger Kapitalismus lenke den Eigennutz auf soziale und ökologische Ziele statt allein auf das Gewinnziel. Er räumt aber ein: «Trotz Krise stösst jede Tendenz einer neuen Marktlogik auf verbissene Gegenwehr, denn sie gefährdet den Besitzstand der Wort- und Wirtschaftsführer. Diese ahnen: Ein anderer Kapitalismus ruft nach neuen, aufgeklärten Spielmachern und nach neuen, für sie höchst unbequemen Spielregeln.»

Die Europäische Kommission für Unternehmen und Industrie hält ihrerseits fest, angesichts der Krise habe die soziale Verantwortung der Unternehmen mehr Bedeutung denn je. Sie könne zum Wiederaufbau des Vertrauens in die Wirtschaft beitragen. Sie zeige ausserdem den Weg zu neuen Formen der Wertschöpfung, die sich auf die Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen konzentrierten und vielleicht aus der Krise führten.

Vertrauen in die Wirtschaft? Angesichts der Bedrängnis von Wort- und Wirtschaftsführern drängt sich doch eher Kontrolle auf. Dies wiederum setzt Transparenz voraus. Diese Transparenz hat sich das Zürcher Unternehmen RepRisk zur Aufgabe gemacht. Der aus der Consulting-Firma Ecofact hervorgegangene Datenanbieter informiert öffentliche und Finanzinstitutionen über die sozialen und ökologischen Risiken von Konzernen.

«Wir tragen alle öffentlichen Informationen aus Medien, von NGOs und Regierungen zusammen, um Transparenz für künftige Finanzierungen und Investitionen zu schaffen», sagt RepRisk-Partner Philipp Aeby, ein promovierter Umweltphysiker. «Unsere Kunden sind beispielsweise Vermögensverwalter und Pensionskassen, die ihre Anlagepositionen unter die Lupe nehmen und dabei etwa überprüfen, ob die entsprechenden Firmen in Korruption involviert sind.» Das Analysewerkzeug RepRisk untersucht dabei systematisch Tausende von Quellen in acht Sprachen.

Der gute Wille genügt nicht

Vor einer Kreditvergabe kann eine Bank anhand des bereitgestellten Materials überprüfen, mit wem sie es zu tun haben wird. Denn oft klaffen PR eines Konzerns und dessen tatsächliches Verhalten erschreckend auseinander. Mancher Konzern erteilt sich selber gerne Bestnoten in sozialen und ökologischen Belangen; ob er sie auch wirklich verdient, steht aber auf einer anderen Karte.

Nicht selten weiss eine unbescholtene Firma nämlich gar nichts von ihren diesbezüglichen Risiken. Wie kann sie diese überhaupt erkennen? «Der gute Wille der Konzernleitung genügt oft nicht, vor allem wenn eine Firma dezentral aufgestellt ist», hält Aeby fest. Deshalb brauche es neben klar kommunizierten Regeln auch länderspezifische Informationen, welche von unabhängigen Drittparteien stammten, etwa von Verbänden oder lokalen Zeitungen.

Häufige Risikobereiche, von denen Firmen nichts wüssten, seien problematische Lieferanten oder die Nichtbeachtung von Umweltgesetzen. Derlei Risiken sollen identifiziert werden - «wenn immer möglich, bevor etwas schiefgeht oder mögliche Missstände an die Öffentlichkeit kommen». Was Unternehmen, Finanzinstitute und Politiker mit dem Befund der Zürcher Firma machen, sei dann allerdings ihre Entscheidung. Aeby: «Meiner Meinung nach sollten sich die Firmen darum bemühen, innerhalb gewisser Spielregeln ihren Gewinn zu maximieren.» Für manche Akteure mag es allerdings höchst unbequem sein, sich an diese neuen Spielregeln zu halten ?

NACHGEFRAGT

Philipp Aeby, Founding Partner RepRisk AG, Zürich

«Dank Internet können diese Spielregeln nun überwacht werden»

Warum ist es wichtig, dass RepRisk Informationen über Firmen sammelt? Kann sich heute nicht jeder selber im Internet informieren?

Philipp Aeby: Bei einer Internet-Suche werden wichtige Informationen nicht gefunden, weil die Informationen nicht zugänglich oder in einer Flut von Daten versteckt sind. Unsere Analysten fassen die wichtigsten Punkte zusammen und stellen alles in den richtigen Kontext.

Woher wissen Sie, dass diese Firmeninformationen wahr sind?

Aeby: Wir vermitteln keine Wahrheiten, sondern Risikoabschätzungen; dabei gewichten wir die Informationsquellen je nach Wichtigkeit und Zuverlässigkeit.

Wird Management automatisch weniger riskant, wenn mehr Transparenz herrscht? Sie brauchten ja auch wirksame Mittel, um Missstände zu bekämpfen.

Aeby: Ja, denn das Management ist nur für die eigene Geschäftstätigkeit zuständig, nicht für die Rettung der Welt. Im Hinblick auf firmenspezifische Umwelt- und Sozialrisiken hat das Management aber alle nötigen Mittel zur Hand.

Die Wahrheit kann gefährlich sein: Wurden Sie schon bedroht, da Sie Firmen in Misskredit bringen?

Aeby: Als Firma sind wir nicht gefährdet, solange unser Informationsdienst zuverlässig und unparteiisch ist. Potenziell gefährdet sind aber unsere Analysten in Schwellenländern, weshalb für die Benützer unserer Informationen nicht sichtbar ist, welche Mitarbeiter woran arbeiten.

Gibt es nicht viele Unternehmen in Ländern wie etwa China, denen kritische Berichte egal sind, in die mafiöse Organisationen aber nur zu gerne investieren?

Aeby: Sie müssen keiner Mafia angehören, um in höchst fragwürdige Firmen zu investieren oder mit diesen zu kooperieren, gerade in China. Es kann aber gut sein, dass das mittelfristig geschäftlich schiefgeht oder gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert wird.

Von ökologischen Missständen haben wir schon vor 25 Jahren gesprochen. Ist es eine Illusion, hier einen Riegel schieben zu wollen?

Aeby: Es hat sich viel verändert in den letzten 25 Jahren, vielleicht auch, weil in der Zwischenzeit viel zerstört wurde. Westliche Firmen und solche, welche westliches Geld wollen, sind sich der neuen Spielregeln sehr wohl bewusst. Dank der per Internet verbreiteten Informationen können diese Spielregeln nun überwacht werden. Die nächsten zehn Jahre werden also spannend.

Social Return on Investment (SRI): Der Ansatz, die Effizienz des Kapitals einer Organisation für den gesellschaftlichen Mehrwert quantitativ zu messen, ist noch weitgehend unbekannt. Ein Instrument der Nachkrisenära?

Aeby: Ich bin überzeugt, dass die Krise eine starke ethische Dimension hat. Kein Business läuft längerfristig, wenn sich Firmen nicht darum bemühen, innerhalb gewisser Spielregeln ihren Gewinn zu maximieren. Wenn dieser massvoll umverteilt wird, profitieren letztlich alle davon. Daneben gibt es auch Stiftungen und Staatsbetriebe, für welche der SRI massgeblich sein sollte.