Betriebliches Gesundheitsmanagement ist ein Prestigeobjekt all jener Betriebe, die sich sozial und gesellschaftsbewusst zeigen wollen. Credit Suisse, Novartis, Johnson&Johnson und andere Grosskonzerne übertrumpfen sich gegenseitig mit Fitness-angeboten, gesunden Kantinengerichten, Ernährungsberatung, Anti-Rauchkursen usw. Und doch bleibt es letztlich häufig beim Feigenblatt.

«Meistens nutzen vor allem jene Angestellten die Angebote, die ohnehin sensibilisiert sind. Ausserdem investieren die Firmen oft nicht dort, wo Gesundheitsförderung die grössten Kosteneffekte erzielt», beobachtet Sandro Cornella, Geschäftsführer von Makora in Zürich, einem Anbieter von betrieblichem Gesundheitsmanagement.

Das Ergebnis solcher ungezielter Schnellschüsse: Die Angestellten geben zwar an, nach den Massnahmen zufriedener zu sein. Doch eine effektive gesundheitssteigernde Wirkung wurde oft gar nicht erzielt. Das nehmen die Unternehmen jedoch meist gar nicht wahr. Denn Zahlen werden kaum erhoben. Viele grosse Unternehmen analysieren noch nicht einmal systematisch die Absenzen ihrer Mitarbeitenden.

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Einfache Massnahmen

In einem von der Förderagentur des Bundes (KTI) unterstützten zweijährigen Projekt evaluiert Makora deshalb den Return on Investment von betrieblichen Gesundheitsmassnahmen. Es ist das erste Projekt schweizweit, das auf empirischer Basis die Effekte von betrieblichem Gesundheitsmanagement in Bezug auf die Betriebsrechnung erfasst.

Als Modellunternehmen dient der Versicherer Nationale Suisse. Von den über 1300 Mitarbeitenden haben sich mehr als 50% freiwillig an Befragungen und an massgeschneiderten Massnahmen beteiligt. Bezüglich Alter, Hierarchiestufen und weiteren Merkmalen kann die Stichtprobe laut den Studienleitern als repräsentativ für das gesamte Unternehmen gelten.

In einem ersten Schritt füllten letztes Jahr die Teilnehmenden auf einer vertraulichen Internetplattform einen umfassenden Gesundheitsfragebogen aus. Aufgrund der Resultate erhielten sie eine neunseitige Auswertung mit Tipps für einfach in den Tagesablauf einzubauende Massnahmen. Bewegungsmuffeln wurde etwa ein regelmässiger Spaziergang empfohlen.

Die anonymisierten Daten der Befragung wurden anschliessend aggregiert und gemeinsam mit der Nationale Suisse im Hinblick auf mögliche betriebliche Massnahmen analysiert.

Das Ergebnis lässt aufhorchen: Rund 12 Mio Fr. betrugen die jährlich anfallenden gesundheitsbedingten betrieblichen Kosten bei der Nationale Suisse. Dies entspricht 5% der gesamten Personalvollkosten. Es stellte sich zudem heraus, dass 10% der Befragten ein hohes gesundheitliches Risikoprofil aufwiesen. Wie die Befragung ebenfalls zeigte, waren diese Betroffenen aus gesundheitlichen Gründen knapp 11% der Arbeitszeit oder rund eine Stunde täglich nicht in der Lage, produktiv zu arbeiten. Der Totalausfall einer akut gefährdeten Person aufgrund ihrer Beschwerden kostete den Betrieb mit Lohnfortzahlungen, Krankentaggeld und Pensionskassenleistungen sogar über 1 Mio Fr.

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Als Hauptrisikofaktoren wurden bei Nationale Suisse ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, Rauchen, Rückenschmerzen und Gewichtsprobleme erkannt. «Dies sind allerdings nicht unbedingt Faktoren, bei denen Massnahmen den grössten Effekt versprechen», warnt Cornella. Tatsächlich habe sich etwa herausgestellt, dass bei Nationale Suisse etwa ungesunde Ernährung kein Hauptkostentreiber sei.

Den grössten Effekt für Massnahmen versprachen hingegen Arbeitsunzufriedenheit, Stressbelastung und Rückenprobleme. Denn diese Felder erwiesen sich sowohl als relevante Faktoren für die Mehrkosten pro Person wie auch als Felder mit einer hohen Bereitschaft der Mitarbeitenden zu Veränderungen.

Kurze Einheiten

Die in der Folge gezielte Abklärung und Behandlung der 53 durch Burnout, Depression oder Chronifizierung von Rückenschmerzen akut gefährdeten Mitarbeitenden und die massgeschneiderte Umsetzung von Programmen in den Bereichen Stressreduktion, Führung und Rückengesundheit sowie die Umsetzung der Tipps aus dem Gesundheits-Check führte innert eines Jahres zu eindrücklichen Verbesserungen. Der Versicherer führte zudem auch einfache Anpassungen des Mobiliars durch, etwa Dockingstations für Laptops oder ergonomische Computermatten. Nationale Suisse hat durch all diese Massnahmen die gesundheitsbedingten betrieblichen Kosten bereits um 1,3 Mio Fr. reduzieren können. Demgegenüber standen Gesamtinvestitionen des Versicherers von 500000 Fr.

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Die Massnahmen scheinen nachhaltig zu sein: In einem zweiten Gesundheits-Checkup diesen Sommer hat sich die Risikoverteilung signifikant von den akut Gefährdeten und hohen Risiken zu mittleren und niedrigen Risiken verlagert. Mit gezielten Massnahmen soll der Zustand nun weiter verbessert werden. Geplant sind laut Personalleiter Sandro Foiada weitere zielgerichtete Stress- und Rückenkurse.

«Wichtig ist es aber, nicht einmalige mehrtätige Seminare zu veranstalten, sondern Programme mit kurzen Einheiten über mehrere Monate durchzuführen. Denn Verhaltensänderungen geschehen nicht an einem einzigen Tag», sagt der Gesundheitsexperte Cornella. Zudem steige die Hürde zur Teilnahme, je mehr Arbeitszeit am Stück geopfert werden müsse. Bei Nationale Suisse sind deshalb ein halber Tag sowie zweimal anderthalb Stunden über den Zeitraum eines halben Jahres eingeplant.

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«Gerade beim Stress ist uns klar, dass der objektive Stress weiter zunehmen wird. Aber wir möchten mit den Kursen den individuellen Umgang mit Stress verbessern. Natürlich werden nicht 100% der Teilnehmenden alles umsetzen können. Doch die Kurse sollen so konzipiert werden, dass der Grossteil viel mitnehmen kann», sagt Foiada. Fest führt der Versicherer zudem ein neues Ausbildungsprogramm für Kader zur Mitarbeiterführung ein. Denn der Gesundheits-Check zeigte, dass Führungskräfte ein entscheidender und kostenträchtiger Faktor im Hinblick auf Stress und Arbeitszufriedenheit sind.