Zeit zu haben, ist heute geradezu verdächtig. Viele Menschen arbeiten pausenlos, was wohl an kaum jemandem spurlos vorbeigeht. Gudela Grote, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der ETH Zürich, plädiert für mehr Effektivität statt Effizienz. Wir sollten nicht so viel wie möglich tun, sondern das Richtige, auch wenn es länger dauert.

Warum sind Menschen heute so atemlos, welche Faktoren tragen dazu bei?

Gudela Grote: Die erhöhte Flexibilität in der Arbeitszeitgestaltung und Arbeitsortwahl verführt dazu, Arbeits- und Nichtarbeitszeit immer weniger zu trennen. Dies steigert das Immer-präsent-sein-Müssen. Auch in der Freizeit wird uns nahegelegt, dass Effizienz wichtig ist: Lieber im Fitnessstudio eine halbe Stunde pro Woche Armmuskeln trainieren als den gleichen Effekt mit Einkaufstaschen-Tragen über Monate hinweg zu erreichen. Und die - vermeintlich - gewonnene Zeit kann dann ja mit weiteren Freizeitangeboten gefüllt werden.

Welche Ursachen stehen hinter der enormen Beschleunigung? Wer übt eigentlich diesen unheimlichen und wachsenden Druck auf uns aus?

Grote: Technologische Entwicklungen in den verschiedensten Bereichen - von Fertigungsrobotern zu Skype - machen es möglich, dass viel mehr in viel kürzerer Zeit getan werden kann. So fordern unsere Arbeitgeber Beschleunigung. Aber selbst dort, wo wir uns dem Druck entziehen könnten, tun wir es oft nicht. So fordern uns Plakate im Tram auf, statt Löcher in die Luft zu starren, lieber unser Natelkonto aufzuladen, und viele von uns tun das dann vielleicht tatsächlich, auch wenn es weit wohltuender wäre, einen Moment lang einfach nichts tun zu müssen.

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Wie wirkt sich diese Atemlosigkeit psychisch und physisch, aber auch sozial und unternehmensintern aus?

Grote: Sie zeigt sich in vielen übereilten Entscheidungen und der Notwendigkeit, diese zu revidieren, was die Atemlosigkeit noch steigert. Und in Erschöpfung, die die Wellness-Hotels und Wartezimmer der Arztpraxen zu füllen hilft.

Gehört Stress heute zum guten Ton, gerade in Führungsetagen? Wer nicht stresst, leistet nicht genug?

Grote: Ich denke, Stress gehört schon sehr lange zum guten Ton. Zeit haben ist verdächtig.

Wer ist besonders gefährdet: CEO, Middle Management, Angestellte? Welche Branchen sind besonders betroffen und warum?

Grote: Alle sind betroffen, Unterschiede gibt es einzig darin, wie viel Kontrolle die Menschen selbst über ihre Arbeits- und Lebensbedingungen haben und daher auch wie viel Chancen sie hätten, sich der Dauerbelastung zu entledigen.

Wie erkenne ich persönlich meine eigene Gefährdung, in selbstschädigendem Mass durchs Arbeitsleben zu hetzen?

Grote: Wenn mir jeder Moment des Nichtstuns als Ineffizienz erscheint, dann ist es sicher ein bedenkliches Anzeichen.

Was können Personalverantwortliche und CEO tun, welche Massnahmen sollen sie ergreifen, um unternehmensintern gegen Dauerstress vorzugehen?

Grote: Selbst nicht atemlos sein und Bedingungen schaffen, dass es andere auch nicht sein müssen.

Was muss sich wertespezifisch, gesellschaftlich ändern, damit Entschleunigung möglich wird?

Grote: Statt Effizienz - Dinge mit möglichst wenig Zeitaufwand tun - muss Effektivität den Vorrang haben. Diese bedeutet: Das Richtige tun, auch wenn es zum Beispiel länger dauert.

Wie bringen wir unser Leben in Balance: Arbeit auf hohem zeitlichem und inhaltlichem Niveau, aber doch nicht zu einem zu hohen Preis?

Grote: Indem es uns gelingt und Unternehmen ihre Mitarbeitenden darin unterstützen, dass Arbeit ein materiell wie immateriell gewinnbringender Teil unseres Lebens, aber nicht das ganze Leben ist.

Und was ist Ihr persönliches «Rezept» gegen den permanenten Druck?

Grote: Wenn ich zwischendrin immer wieder Zeit habe, über mich und mit anderen zu lachen, dann bin ich auf gutem Weg - ob das ein gutes Rezept für alle ist, kann ich nicht sagen.

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22. SKO-LeaderCircle

Atemlos - wie Sie den steigenden Zeit- und Erfolgsdruck meistern

Wie erkennen Sie die «Atemlosigkeit» und beugen rechtzeitig vor? Was sind mögliche Folgen von immer mehr Druck und ständiger Präsenz? Welche innerbetrieblichen Massnahmen sind nötig, effizient
und erfolgversprechend? Wie managen Sie den Stress, und wie halten Sie eine ausgewogene Work-Life-Balance, um Burnout vorzubeugen? Welchen Einfluss haben Alter, Karrierestufe und -stadium?
Was sind die Einflussfaktoren aus dem Berufs- und dem Privatleben? Welche Typen sind besonders gefährdet und in welchen Branchen?

Zeit: Mittwoch, 22. September 2010, 17.30 - 21.00 Uhr
Ort: SIX Swiss Exchange, ConventionPoint, Selnaustrasse 30, 8001 Zürich
Information und Anmeldung: