Demolierte Geschäftsautos in Deutschland, entführte französische Spitzenmanager, randalierende Angestellte vor Privatvillen der AIG-Manager in den USA: Das Verhältnis der Bevölkerung zu den Verantwortungsträgern der Wirtschaft hat sich in einigen Ländern verschlechtert.

Zahlreiche Führungskräfte werden persönlich verantwortlich gemacht für die immense globale Vernichtung von Kapital und Arbeitsstellen. Dass Top-Manager ihre soziale Verantwortung, die jahrelang als Legitimation für Spitzenlöhne diente, in der Krise an den Staat delegieren, schürt in mittleren und unteren Schichten Unmut, der sich in Tätlichkeiten entlädt; die britische Polizei etwa bereitet sich auf einen «Sommer des Zorns» vor. Die sich stetig wiederholenden konjunkturellen Klagelieder verdüstern die Stimmung zusätzlich.

Der Tonfall ist rauer geworden

Und in der Schweiz? «Tätlichkeiten gegen Manager und CEO sind mir noch nicht zu Ohren gekommen», sagt Martin Maurer, Geschäftsführer des Verbands der Auslandsbanken in der Schweiz. Sicher sei der Tonfall rauer geworden zwischen Kunden und Bankangestellten. «Bei einer Bank zu arbeiten, ist im sozialen Umfeld nicht gerade der grosse Knüller - aber von Aggression habe ich keine Kenntnisse», sagt Maurer.

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Auch von unternehmens- oder bankinterner Gewalt hat er nichts gehört. «Allerdings würde man solches ja auch nicht an die grosse Glocke hängen, es sei denn, es käme wirklich zu einem ganz drastischen Ereignis», sagt Maurer.

In der Schweiz gibt es keine Streiktradition, Prominente lässt man am liebsten unbehelligt, der soziale Frieden gilt als Standortvorteil. An diesen hat Deutschland allerdings bis vor kurzem auch geglaubt - erst in den letzten Wochen hat sich das Blatt gewendet.

Die Nerven liegen blank

Hierzulande ist es bisher nicht zu physischen Gewalttaten gegen Manager gekommen - oder aber die Öffentlichkeit wurde darüber nicht informiert. Die Finanzbranche und namentlich die oft gescholtene UBS hält sich mit Äusserungen betreffend Aggressionen zurück: «Zum Thema Sicherheit -darunter fällt auch die physische Sicherheit - veröffentlichen wir keine Statistiken», hält UBS-Sprecher Dominique Gerster fest.

Im Gespräch mit betroffenen Managern wird aber deutlich, dass es unter der scheinbar ruhigen Oberfläche gewaltig brodelt. Keiner der Befragten möchte mit Namen genannt werden, denn bei ihnen und ihren Angehörigen liegen die Nerven zum Teil blank. Der Tenor ist einhellig: Es gibt verbale Aggressionen gegen leitende Manager, insbesondere im Finanzbereich. Ihre Frauen haben Angst vor Anschlägen, ihre Kinder werden teilweise beschimpft.

Die anhaltende Medienschelte, die Anfeindungen im Bekanntenkreis, die Finanz- oder Stellenprobleme verunsichern und verärgern Finanzmanager. Zudem befürchten sie, dass schwelende Aggressionen in den bevorstehenden Entlassungswellen aufbrechen und die helvetische Stabilität ins Wanken bringen könnten. Über Attacken und Ängste möchten sie aber lieber nicht sprechen.

Die Zurückhaltung ist begründet. Denn physisch gefährdet ist in erster Linie, wer sich stark exponiert - wie etwa Joe Ackermann, Chef der Deutschen Bank. Er warnte kürzlich vor sozialen Spannungen und kritisierte die Millionenboni. Seine Solidaritätsbekundungen gegenüber den Schwächeren goutierten diese allerdings nicht. «Mach Dich vom Acker, Mann!» hiess es auf Plakaten von Teilnehmern einer Demonstration in Frankfurt.

Arbeitspsychologen warnen vor einer Zunahme an Bedrohungen oder physischer Gewalt am Arbeitsplatz, da immer mehr Jobs wackeln und sich der Stress der Angestellten markant erhöht. Gründe für interne Gewalt gegen oben gibt es heute viele: «In Zeiten der Krise kann es auch der Eindruck sein, zu kurz zu kommen und Spielball der unnahbaren Mächtigen ?da oben? zu sein, die auf Kosten der Mitarbeitenden missgewirtschaftet haben», urteilt Michael Weber, Arbeitspsychologe in Bern (siehe «Nachgefragt»).

Wie können sich Führungskräfte verhalten, um intern gröbere Konflikte zu verhindern? Weber: «Im Wesentlichen geht es um das, was in den Augen der Mitarbeitenden ?Unternehmer? von ?Managern? unterscheidet: Erstere werden wahrgenommen als Führungspersonen, die in Krisen im gleichen Boot sitzen, ihre Verantwortung wahrnehmen, ums Überleben der Firma kämpfen und sich fürs Gemeinwohl einsetzen, anstatt ihre eigene Haut zu retten.»

Massnahmen für den Ernstfall

Vielen Unternehmen fehlt es an einem Massnahmenkatalog für Krisen oder an einem Krisenteam. Dabei müssten sich Chefs wappnen für den Umgang mit ihren Mitarbeitenden bei Entlassungen. Dies ist einer wachsenden Zahl von Führungskräften bewusst: Sie engagieren Sicherheitsleute. «Wir begleiten mehr Gespräche bei Personalentlassungen als üblich», sagt Josef Andreani, Verkaufs- und Marketingleiter der Regionaldirektion Zürich der Securitas. Die Anfragen betreffend Personenschutz von hiesigen Top-Managern haben hingegen nicht zugenommen.

NACHGEFRAGT
Michael Weber, Büro für Arbeitspsychologie und Organisationsberatung, büro a&o, Bern


«Vorgesetzte tun gut daran, integer zu handeln»

Sind heute viele Unternehmen von destruktivem Verhalten ihrer Mitarbeitenden betroffen?

Michael Weber: Dies kann man so generell nicht beantworten, da die Bandbreite des destruktiven Verhaltens sehr gross ist. Physische Gewalt kommt kaum vor. Kleinere, versteckte Aggressionen sind jedoch häufiger, als man denkt.

Sie sprechen von einer grossen Bandbreite: Welches sind mögliche Formen?

Weber: Am häufigsten ist organisationsschädigendes Verhalten, das kaum nachweisbar ist: Mitnehmen von Kopierpapier, verstecktes Pausemachen oder Ähnliches. Dann können das Schlechtreden der Firma, das Fördern von Gerüchten dazugezählt werden. Auch absichtliches Produzieren von Ausschussware oder andere Formen von Sabotage und Vandalismus kommen vor. Und in sehr seltenen Fällen können es eben auch körperliche Angriffe gegen Personen sein.

Warum kommt es zu geschäftsschädigenden Handlungen?Weber: Das Verhalten ist der Versuch von Mitarbeitenden, eine aufgestaute Spannung wieder abzubauen. Sie fühlen sich ungerecht behandelt, in ihren Anliegen und Ängsten nicht ernst genommen. Und da sie sonst keine Handlungsmöglichkeiten sehen, suchen sie Ausdrucksformen, bei denen ihnen niemand entgegentreten kann.Wie geht man als Vorgesetzter mit zerstörerischem Verhalten um?

Weber: Wenn organisationsschädigendes Verhalten festgestellt wird, muss darauf reagiert werden. Vorgesetzte können zwar Verständnis dafür zeigen, aber sie dürfen es nicht dulden - ohne dabei überzureagieren. Gleichzeitig ist wichtig, Dialogbereitschaft zu zeigen und Kanäle zu öffnen, damit Mitarbeitende ihre Gefühle in anderer Form loswerden können.

Wie kann eine Führungskraft Gewaltausbrüchen vorbeugen?

Weber: Vorgesetzte tun gut daran, integer zu handeln, sich selber an Spielregeln zu halten, in ihren Aussagen transparent und glaubwürdig zu sein. Sie sollten aktiv dazu beitragen, dass sie als wertschätzend und vertrauend wahrgenommen werden.