Manche Unternehmen haben seit Ausbruch der Wirtschaftskrise Liquiditätsprobleme. Daher wurden häufig Projekte gestoppt und geplante Aufgaben hinausgeschoben. «Dieses Verhalten hat viele Interim-Manager mandatslos gemacht», bedauert Urs Tannò, geschäftsführender Partner der Top Fifty AG, eines Anbieters von Interim-Managern mit Sitz in Zug.

Erfreut stellt er nun aber fest, dass die Nachfrage nach Interim-Managern in den letzten drei Monaten angezogen hat. Einerseits lassen sich nach Tannòs Erfahrung verschiedene Aufgaben nicht mehr weiter aufschieben. Andererseits habe gerade die pharmazeutische und chemische Industrie, die von der Wirtschaftskrise weit geringer betroffen war, ihre Aufgaben vermehrt mit Interim-Managern gelöst.

Wie stark sind die Aufträge für Interim-Manager seit Beginn der Wirtschaftskrise zurückgegangen?

Urs Tannò: Die Krise hat das Interim-Management-Geschäft etwas später erreicht. Erst im Februar/März ist die Nachfrage aus der Industrie zurückgegangen. Andererseits haben Wirtschaftsbereiche, die nicht oder nur in Teilbereichen und deshalb gering betroffen waren, stark kompensieren können.

Welche Branche fragte weniger nach und warum? Wo blieben die Aufträge stabil?

Tannò: Aus dem Textilmaschinenbau, von den Automobilzulieferern und aus dem klassischen Maschinenbau gingen die Aufträge zurück. Stabil oder sogar ausgebaut werden konnten die Aufträge der pharmazeutischen und chemischen Industrie, des Einzelhandels sowie des Dienstleistungsbereichs.

Veränderten sich die Beweggründe bei den Aufträgen?

Tannò: Interim-Manager wurden vor der Wirtschaftskrise oft für Prozessreengineering, den Aufbau neuer Produktionsstandorte oder neuer Märkte- und Geschäftsfelder eingesetzt. Jetzt gehts oftmals ums nackte Überleben von Unternehmen. Da sind Interim-Manager mit Erfahrungen in Restrukturierungen, krisenbedingten Sanierungen und Vertriebsreorganisationen gefragt.

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Haben sich die Mandate verändert, zeitlich oder inhaltlich?

Tannò: Die Entscheidungswege sind länger geworden. Kreditgeber und Investoren verlangen, einbezogen zu werden. Vermehrt werden Interim-Manager erst in letzter Minute gerufen, wenn alle anderen Möglichkeiten nicht zu einer Lösung geführt haben. Die Mandate sind gleichzeitig internationaler geworden. Schwachstellen in Tochtergesellschaften oder Reorganisationen ganzer Divisionen haben den Handlungsdruck erhöht. Jetzt suchen diese Unternehmen auch Interim-Manager für Einsätze in Afrika, Asien, Indien, aber auch ganz in der Nähe, wie in Deutschland, Italien, Österreich, Skandinavien oder den osteuropäischen Ländern.

Haben Kurzarbeit und andere Massnahmen dazu geführt, dass weniger Interim-Manager im Einsatz standen - und muss das nun nachgeholt werden?

Tannò: Die Geschwindigkeit, mit der die Wirtschaftskrise viele Unternehmen erfasst hat, löste überall eine fast totale Kostenbremse aus. Dabei wurden auch Interim-Manager aus laufenden Projekten abgezogen und freigestellt. Weniger betroffen waren Überbrückungsmanager in den Funktionen als Geschäftsführer, Finanzchefs oder Produktionsleiter. Zahlreiche sistierte Projekte werden nun wieder auf Kurs gebracht; dafür werden Interim-Manager als Projektleiter gesucht.

Seit wann und in welchen Branchen ziehen die Mandate denn wieder an?

Tannò: Bei uns ziehen die Anfragen aus der Industrie seit etwa drei Monaten wieder an. Trotz den zeitlich engen Handlungsspielräumen, denen die Unternehmen ausgesetzt sind, lässt man sich recht viel Zeit für die definitive Entscheidung zum Einsatz eines Interim-Managers. Die Anfragen kommen aus der Maschinenindustrie. Hier steigt das Bewusstsein, dass das in den vergangenen Monaten eingehandelte Handlungsdefizit zu massiven Wettbewerbsnachteilen führen wird.

Satteln trotzdem Interim-Manager um?

Tannò: Der echte Interim-Manager will sich nicht fest anstellen lassen; er will und braucht diesen Freiraum. Es gibt daneben auch Manager, die den Zeitraum bis zur nächsten Festanstellung als Interim-Manager überbrücken möchten. Diese werden, sobald das Angebot an Feststellen wieder grösser wird, vom Interims-Markt wieder verschwinden.