Unsere nördlichen Nachbarn sind Weltmeister: 39% aller Deutschen können sich vorstellen, ihr Land dauerhaft zu verlassen. Und sie sprechen nicht nur davon: Allein im vergangenen Jahr sind 155000 meist hoch qualifizierte Arbeitskräfte aus Deutschland ausgewandert; viele davon in die Schweiz.

Die Eidgenossen sind deutlich weniger reisefreudig. Und wenn sie doch über die Grenzen gehen, dann wollen sie laut einer Studie nach spätestens drei Jahren wieder zurück in die Heimat. Doch selbst dann gilt es einiges zu beachten, um erfolgreich in der Fremde zu arbeiten.

Die Probleme fangen bei der Verständigung an. «Früher gab es ab und zu sprachliche Missverständnisse. Ich habe beispielsweise Redewendungen in der fremden Sprache falsch eingesetzt», erinnert sich der Schweizer André Witschi. Er ist Vorstandsvorsitzender der Steigenberger Hotels AG mit Sitz in Frankfurt am Main und lebt seit Anfang der 90er Jahre im Ausland, unter anderem in Frankreich und Deutschland. Witschi hat seine Defizite behoben, indem er seine Fremdsprachenkenntnisse verbesserte. Das tat auch Beat Simon, CEO von GeoLogistics Ltd. Europe.

Umdenken und anpassen

Doch ist die Sprache oft nicht die grösste Barriere. Jürg Fedier, dem CFO von Ciba Inc., hat sich der Mentalitätsunterschied ? insbesondere in Japan ? ins Gedächtnis eingebrannt. «Die zwischenmenschlichen Beziehungen im geschäftlichen wie auch im privaten Bereich waren stark geprägt durch Zurückhaltung in der Offenlegung der Meinungen, Vorschläge und der Anteilnahme gegenüber dem Gesprächspartner; Freundschaften waren zwar nach längerer Vertrauensbildung durchaus möglich, aber doch selten», sagt er.

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Jost Sigrist, CEO der Industriegruppe Schlatter Holding AG, erlebte die Kulturunterschiede vor allem beruflich als Herausforderung. «Anfänglich hatte ich das Gefühl, alle Prozesse müssten so durchgeführt werden wie in der Schweiz. Aber wenn man etwa in Osteuropa ein Werk aufbaut, dann geht das einfach nicht. Man kann die Kultur eines Landes nicht ändern», sagt er. Er habe lernen müssen, die fremden Abläufe zu akzeptieren. Ähnlich erging es Marco Terribilini, dem Area Vice President Middle East and Africa bei Philip Morris International SA. «Das Arbeiten im Mittleren Osten ist extrem herausfordernd. Denn hier sind das Verständnis der Kultur und der regionalen Politik sowie Geduld und persönliche Beziehungen ausserordentlich entscheidend für den geschäftlichen Erfolg», so seine Erfahrung.

«Man muss so schnell als möglich zu einem Lokalen werden. Man muss lernen, ein lokales Leben zu leben und die örtlichen Gepflogenheiten annehmen», ist deshalb Chris Muntwyler, CEO von DHL UK Ltd., überzeugt. Manchmal ist eine Anpassung allerdings weder möglich noch wünschbar. «Die Korruption in den Oststaaten war für mich am schwersten zu akzeptieren. Hier gibt es nichts anderes, als seinen eigenen Weg zu gehen und den Schweizer Werten treu zu bleiben», erinnert sich Barbara Kux. Sie ist heute Mitglied der Konzernleitung von Royal Philips Electronics und hat viele ihrer Berufsjahre in verschiedenen Ländern Europas und in den USA gelebt.

Viele Wege führen zum Ziel

Die Schweizer Expats haben sich unterschiedlich auf ihren Aufenthalt im Ausland vorbereitet. Jost Sigrist etwa hat sich vor seinen beiden Jobs in Boston und Detroit einen Reiseführer gekauft, dann zusammen mit seiner Frau entschieden, dass ihnen die Städte gefallen, den Arbeitsvertrag unterschrieben und die Koffer gepackt.

Martin Schlatter, Global Chief Marketing Officer von Wm. Wrigley Jr. Company, liess sich dagegen in den ersten Monaten einen Mentor geben. Frederic Kunzi, CIO von LCEC, bereitete sich und seine Familie mit extensiver Lektüre und Sprachkursen auf das neue Leben in den USA vor. Patrick Walter Krähenbühl, der Group Financial Officer von Suzlon Energy, machte vor seinen jeweils dreijährigen Aufenthalten in Hongkong und den USA eine einwöchige Ferienreise ins Land. Und Jörg Meier schliesslich, Fi-nanzmanager bei der DKSH Benelux BV, hatte überhaupt keine Zeit, sich auf sein Leben in den USA und den Niederlanden vorzubereiten. Die Umzüge fanden jeweils innert weniger als zwei Monaten statt.

Intaktes Einfühlungsvermögen

Dass dies gut ging, ist kein Zufall. «Die kulturelle Vielfalt in der Schweiz ist eine exzellente Vorbereitung fürs Ausland», glaubt Kux. Zudem lege man in kleinen Ländern ein viel grösseres Augenmerk auf die Aussenwelt. Tatsächlich gelingt den Eidgenossen das Einfühlen in fremde Mentalitäten und Lebensweisen besser als den Bewohnern hegemonialer Staaten.

Schwierigkeiten bereitet dagegen viel öfter die Heimat selbst. «Viele Leute bereiten sich für den Umzug ins Ausland vor und für die Anpassung an eine neue Kultur. Aber für die Rückkehr tun sie nichts», nennt Vladimir Jindra, Global Operations Director bei Forbo International SA, das Problem beim Namen (vgl. auch «Nachgefragt»). «Die Rückkehr ist dann ein Schock, der oft schwieriger zu verdauen ist als der Wegzug. Denn die Menschen vergessen, dass sie sich verändert haben.»


NACHGEFRAGT
Bernard Zen-Ruffinen, Managing Partner, Heidrick & Struggles AG, Zürich

«Am besten schon früh ein paar Monate ins Ausland gehen»

Wieso gehen Schweizer Führungskräfte trotz guter Voraussetzungen relativ ungern ins Ausland?

Bernard Zen-Ruffinen: Es gibt zwei Gründe, warum Schweizer Führungskräfte und auch Unternehmen vorsichtig geworden sind: Die Expatriierung ist erstens meist sehr viel einfacher als die Repatriierung. Zurückkommen ist wahnsinnig schwierig, weil die passenden Stellen auf dem richtigen Management-Level fehlen und sich Expats im Ausland an gewisse Annehmlichkeiten gewöhnt haben. Unternehmen gehen zweitens mit Expat-Angeboten selektiver um. Das bedeutet weniger Expat-Stellen und dass Verträge oft nach drei Jahren den lokalen Verhältnissen angepasst werden.

Was sind die grössten Schwierigkeiten bei der Vermittlung von Schweizer Managern ins Ausland?

Zen-Ruffinen: Bisher war es immer leicht, Schweizer ins Ausland zu vermitteln. Dank der guten Ausbildung und Sprachkenntnisse sind Schweizer Führungskräfte gefragt. Als Handicap kann sich der hohe Lebensstandard erweisen. Es ist schwierig, ein ähnlich attraktives Umfeld zu bieten wie in der Schweiz. Ein weiterer Punkt ist, dass Schweizer als eher reserviert gelten. Allerdings passen Führungskräfte, die bereit sind, ins Ausland zu gehen, meist sowieso nicht in dieses Schema, denn sie sind offen und flexibel.

Wie sollen sich die Schweizer Manager auf einen Auslandsaufenthalt vorbereiten?

Zen-Ruffinen: Die beste Vorbereitung ist es, wenn Führungskräfte bereits früh ? etwa als Stift, Student oder als junge Kader ? die Möglichkeit hatten, im Rahmen von Studien- oder Arbeitsprojekten drei bis sechs Monate ins Ausland zu gehen.

Welches sind Erfolgsfaktoren für Schweizer im Ausland?

Zen-Ruffinen: Kommunikative Fähigkeiten und Sprachen sind unheimlich wichtige Erfolgsfaktoren. Genauso wichtig ist die Fähigkeit, sich vor Ort zu integrieren und gute Beziehungen zu einheimischen Kollegen aufzubauen. Die Schweiz war nie eine Kolonialmacht. Das heisst, dass es keine Voreingenommenheit gibt wie zum Beispiel gegenüber Franzosen, Belgiern, Spaniern, Engländern oder anderen. Schweizer besitzen eher eine gewisse Bescheidenheit, die ihnen im Ausland zugute kommt.