Roger Nydegger kennt die Bretter, die die Welt bedeuten. Und er hat einen Draht zur Wirtschaftswelt: Der Schauspieler, Theaterpädagoge und Kommunikationsexperte ist seit 2001 Berater und Figuranten-Trainer im Assessment-Center der Credit Suisse und macht Manager fit für ihre Auftritte. Nydegger weiss: «Theater spielen wird in Firmen immer beliebter.» Sei es, um in Rollenspielen Teamkonflikte aufzuarbeiten oder um Verkäufer an fiktiven Kunden zu schulen. Dabei gehe es nicht darum, anderen etwas vorzugaukeln. Es würden Situationen und Verhalten simuliert, um sie zu analysieren und besser verstehen zu lernen.

90 Prozent passieren nonverbal

Die Krux der Körpersprache: Noch bevor die Kandidatin im Assessment ihre Vorzüge darlegen kann, hat sie schon erste nonverbale Signale ausgesandt. Noch ehe der Abteilungsleiter in der Teamsitzung das Wort ergreift, haben Gesicht und Körperhaltung bereits seine allgemeine Lage verkündet. Roger Nydegger: «Kein Mensch kann losgelöst von seinem Körper wahrgenommen werden. Dieser drückt aus, was wir sind ? und er bildet unser Verhältnis zur Welt ab.» Wir benutzen die Körpersprache Tag für Tag, mehr oder weniger selbstverständlich, meist unbewusst. Und oft unterschätzen wir ihre Kraft und Wirkung. Das heisst im Umkehrschluss: Wenn wir die Körpersignale anderer wahrnehmen und richtig deuten, verstehen wir sie besser und können unser Verhalten besser steuern.

Aber nicht nur das: Wie wir auf andere wirken, ist zu 90% auf nonverbale Signale zurückzuführen, erklärt die Luzerner Kommunikationstrainerin Rita Misteli. Im Wissen um diese Signale gewinne man Ausstrahlung und Souveränität. Und könne im Job punkten, indem man Konflikte rascher erkennt und löst, sich in Sitzungen besser einbringt, mit seinen Ideen überzeugt. Oder weil man die oft so harzigen Mitarbeitergespräche flott und konstruktiv zu führen versteht.

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Der Körper lügt nicht

Doch Vorsicht: Anderen mit einstudierten Gesten etwas vormachen zu wollen, funktioniert allenfalls kurzfristig und punktuell. «Der Körper lügt nicht», sagt Rita Misteli. Er kommuniziere die innere Einstellung. Stimmt die verbale Aussage damit nicht überein, wirkt man unsicher und unglaubwürdig. Sobald Gefühle mitschwingen, sind Mimik und Gestik kaum mehr zu kontrollieren. Auf der Sachebene hingegen kann man mit disziplinierter Haltung und antrainierten Gesten zumindest kurze Zeit eine neutrale oder positive Wirkung erzeugen, weiss Misteli.

Anschauungsbeispiele dafür sind Politiker wie der deutsche Ex-Kanzler Gerhard Schröder: Er habe sich bei Auftritten bewusst langsam und ausholend bewegt, was selbstbewusst, souverän und staatsmännisch wirkte. «Mimik und Stimmmodulation können jedoch schlecht über längere Zeit verfälscht werden», warnt die Kommunikationstrainerin. Tricks wirkten schnell einmal aufgesetzt, und das Gegenüber nehme intuitiv wahr, dass etwas nicht stimmt.

Rita Mistelis Tipp: «Beobachten Sie nicht nur andere, sondern nehmen Sie auch sich selbst und ihre Wirkung bewusster wahr.»

 

 

NACHGEFRAGT Roger nydegger, Schauspieler, Theaterpädagoge und Kommunikationstrainer, Zürich


«Nicht alles herauslassen, was an Gefühlen in uns vorgeht»

Körpersprache wird im Unbewussten gesteuert. Kann ich dieses mit Tricks so programmieren, dass ich im entscheidenden Moment keine Fehler mache?

Roger Nydegger: Fehler lassen sich weniger mit Tricks vermeiden, sondern dadurch, dass wir das Bewusstsein für körpersprachliche Signale schärfen und lernen, damit umzugehen. Wichtig zu wissen ist beispielsweise, dass unsere innere Haltung bestimmt, wie wir einer Idee oder einem Menschen gegenübertreten. Körpersprache ist ein Spiegel dessen, was wir verinnerlicht haben. Allerdings kann ich durch Verändern meiner äusseren Haltung ? aufrechter Gang, fester Blickkontakt ? die innere Haltung und damit auch das Gegenüber beeinflussen.

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Kann man sich Körpersprache antrainieren, um andere bewusst zu täuschen?

Nydegger: Der Körper äussert sich schneller, als wir es mit Worten tun. Er zeigt unseren inneren Zustand etwa 1 Sekunde vor dem gesprochenen Wort. Das macht das Täuschen schwierig. Kontrolle und Korrektur sind jedoch möglich, indem wir die Form der «selektiven Authentizität» nutzen. Sie bedeutet, dass wir nicht alles zeigen und «herauslassen», was an Gefühlen in uns vorgeht, sondern vorher auswählen oder den Ausdruck mildern. Um es mit den Worten der Kommunikationswissenschaftlerin Ruth Cohn zu sagen: «Nicht alles, was echt ist, will ich sagen. Doch was ich sage, soll echt sein.»

Kann es zum K.o.-Kriterium werden, wenn ich körpersprachliche Regeln nicht beherrsche?

Nydegger: Wenn wir die Körpersignale eines Menschen deuten wollen, müssen wir sie in ihrer Gesamtheit und im Kontext erfassen. Ein einzelnes Signal kann keine vollständige Information über den inneren Zustand des Senders vermitteln. Deshalb finde ich schnelle Interpretationen einzelner Gesten oder Haltungen gefährlich. Aber der erste Eindruck ist schon wichtig. Nuscheln, permanent mit den Händen im Gesicht rumfingern oder ein verschlossener Oberkörper können deshalb tatsächlich zu K.o.-Kriterien werden.

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