Zuerst die gute Nachricht. Die Spiele der Fussball-EM 2008, die im Juni in Österreich und der Schweiz über die Bühne gehen werden, finden abends um 18 und 20.45 Uhr statt, also ausserhalb der gängigen Bürozeiten. Kollektives Aufatmen bei den meisten erwerbstätigen Fussballfans, die so ansonsten unausweichliche Konflikte am Arbeitsplatz elegant umschiffen können.

Wo das nicht möglich ist und der Büro-Alltag bis spät in den Fussball-Abend hineinreicht, kann die Technik helfen. Via Internet-TV-Anbieter wie zattoo.com, adsl.tv, online-fernsehen.tv oder internettv.ch können mittlerweile auch Fussballspiele mit recht hoher Auflösung verfolgt werden. Der Kopfhörer sorgt dafür, dass sich Arbeitskollegen und -kolleginnen ohne Fussball-Flair akustisch nicht belästigt fühlen.

Chefs setzen auf Filter-Technik

Internet-Fussballfans müssen die Rechnung jedoch mit ihren Vorgesetzten machen. Denn diese verfügen über Kontrollinstrumente. Am meisten verpönt unter Angestellten sind sogenannte Spyware-Softwares, mit denen der Chef jeden Tastendruck der Angestellten am PC nachverfolgen und kontrollieren kann. Hier betreten Manager rechtlich aber ein heikles Terrain (siehe Kasten).

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Rechtlich unbedenklich ist hingegen die Filter-Technik, mit der IT-Administratoren über eine Software den Zugang von Angestellten auf bestimmte Webseiten verwehren können. «Häufig werden in Betrieben damit Seiten für erotische Inhalte, Web-Shopping und andere private Aktivitäten gesperrt, die nicht an den Arbeitsplatz gehören», weiss IT-Berater Robert Weiss aus Erfahrung. Er geht davon aus, dass dieses Mittel auch während der Euro 08 da und dort zum Einsatz gelangen wird.

Aber auch aus dieser Fussball-Falle gibt es für den gewieften Arbeitnehmer einen Ausweg. Mittels eines Sticks und einer angeschlossenen Antenne kann er via Satellit digitales Fernsehen auf seinem PC empfangen und damit die Filter-Sperre seines Chefs umgehen.

Die Technik nennt sich Digital Video Broadcasting und kann für die Euro 08 ein wirkungsvolles Rezept sein, sofern der Chef keinen direkten Sichtkontakt zum Arbeitnehmer-PC hat.Es gibt aber auch Branchen, wo der Arbeitstag bis Mitternacht dauert und die Angestellten kaum Zugriff auf technische Hilfsmittel für den Fussball-Genuss verfügen. Dazu gehören Spitäler und vor allem das Gastgewerbe und die Hotellerie.

Das einmalige Ereignis einer Fussball-Europameisterschaft lässt einzelne Chefs grosszügig werden. «Wir versuchen, den Fussballfans unter den Mitarbeitenden an wichtigen Spieltagen frei zu geben», sagt etwa Riet Pfister, General Manager der Grand Hotels Bad Ragaz. In der Personalkantine richtet der Ostschweizer Luxusbetrieb ein TV-Fussball-Zimmer ein, wie es auch diverse andere Hotels während der Euro 08 tun werden.

Von solchen Goodwill-Aktionen können sportbegeisterte Hotelangestellte aber nicht überall profitieren. Im neu eröffneten Dolder Grand Hotel in Zürich etwa gelten gemäss Direktor Thomas Schmid während der Euro 08 für alle Mitarbeitenden die gleichen Bestimmungen wie sonst. «Wir werden keine Bildschirme in öffentlichen Räumen einrichten und stellen die diskrete Hotelatmosphäre in den Vordergrund.»

Von zwei Public-Viewing-Leinwänden können derweil Zürcher Flughafen-Angestellte profitieren, die während der Euro 08 abends arbeiten müssen. Abgesehen davon kennt die Betreiber-Gesellschaft Unique aber keine Euro-Sonderregelungen. «Wir gehen davon aus, dass unsere Angestellten trotz Fussball-EM ihrer Arbeit nachgehen können», sagt die Sprecherin Sonja Zöchling. «Wer unentschuldigt nicht zur Arbeit erscheint, erhält eine gelbe Karte und einen Verweis.»

Die Airline Swiss will dafür sorgen, dass Angestellte der Flug- überwachung im Operationscenter während Arbeitspausen Zugang zu TV-Geräten und den Fussballspielen haben können. «Der Grossteil unserer Belegschaft arbeitet aber zu normalen Bürozeiten und wird die Spiele in der Freizeit verfolgen können», sagt der Swiss-Sprecher Jean-Claude Donzel.

Resultatdienst in Bad Ragaz

Die Beispiele zeigen: Fussballgenuss am Arbeitsplatz ist eine sehr individuelle Angelegenheit und wird von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich gehandhabt. Generelle Empfehlungen, wie das Thema während er Euro 08 zu handhaben ist, gibt es nicht. «Wir gehen davon aus, dass die meis-ten Arbeitgeber beim Festlegen von Arbeitsplänen so weit als möglich Rücksicht nehmen auf Wünsche der Mitarbeitenden», sagt Ruth Derrer Balladore, Mitglied der Geschäftsleitung des Arbeitgeberverbands. Nicht nur auf die Angestellten, sondern sogar auf die Gäste nehmen die innovativen Grand Hotels Bad Ragaz während der Euro 08 Rücksicht. Sie werden beim Einchecken nach ihren fussballerischen Präferenzen gefragt und danach bei Essenszeiten über den Zwischenstand ihres Lieblingsteams informiert.