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Ökonomen sollen Gesundheit messbar machen

Thomas Mattig: Gesundheit ist ein essentieller Aspekt der Ökonomie.  Keystone/PR

Der Direktor der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz fordert in einem neuen Buch ein radikales Umdenken in der Wirtschaft. Ansonsten seien Stresserkrankungen nicht mehr einzudämmen.

Von Anja Francesca Richter
am 12.06.2014

Wie steht es um die Gesundheit des Schweizer Arbeitnehmers?
Thomas Mattig: Wir wissen, dass Stress am Arbeitsplatz in der Schweiz massiv zunimmt und damit auch die stressbedingten Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Probleme. Wir haben gute Zahlen aus dem Unfallbereich, was mit dem Sozialversicherungssystem zu tun hat. Dieses ist historisch bedingt stärker auf das Erfassen von Unfällen als auf Krankheiten konzentriert. Daher gibt es im Bereich Stresserkrankungen wenig belastbare Daten.

Gesundheit liegt aber doch im Trend: Gemüse-Shakes und Fitnessstudios sind in. Spielt das Thema Gesundheit wirklich so eine unbedeutende Rolle in Unternehmen, wie Sie in Ihrem Buch schreiben?
Es gibt leider immer noch viel zu wenig Bewusstsein darüber, dass Gesundheit von den Lebensbedingungen abhängt. Die Lebensbedingungen werden nun einmal massgeblich von der Wirtschaft geprägt. Anderseits macht man sich zu wenig Gedanken über den Zweck des Wirtschaftens. Wer darüber nachdenkt, kommt zum Schluss, dass das Wohlbefinden eigentlich im Zentrum der wirtschaftlichen Bemühungen stehen sollte.

Aber Wohlbefinden lässt sich doch nicht messen, oder?
Die Gesundheit im Sinne des Wohlbefindens stellt einen unabhängigen Wert dar. Sie ist unabhängig von der Krankheit, und das sehen die Ökonomen noch zu wenig. Das hat sicher mit der Messbarkeit zu tun. Das Wohlbefinden lässt sich schwer in Zahlen oder Werten ausdrücken. Darum wird auch das Bruttoinlandprodukt (BIP) immer noch als Kriterium für den Wohlstand verwendet. In dieses fliessen auch die Krankheitskosten ein. Je höher die Krankheitskosten sind, umso höher ist auch das Bruttoinlandprodukt, desto höher ist auch der Wohlstand, der ausgewiesen wird. Ob die Menschen zufrieden sind oder sich in ihrer Arbeit wohlfühlen, darüber sagt das BIP gar nichts aus.

Nur: Wie sollen Wirtschaftswissenschafter das Wohlbefinden erfassen?
Darüber wird gestritten. Aber von einer lebendigen Wissenschaft kann man doch erwarten, dass sie einen Weg findet und nicht immer beim Alten bleibt. Da müssen wir die Wirtschaftswissenschafter mehr in die Pflicht nehmen.

Gesundheitsfördernde Ansätze mit einem Fokus auf Wohlbefinden werden Ihrer Meinung nach in Zukunft unumgänglich. Wo sehen Sie in Schweizer Unternehmen konkret Nachholbedarf, was diese Förderung von Arbeitnehmern angeht?
Zunächst muss in vielen Unternehmen ein Bewusstseinswandel stattfinden. Diese müssen erkennen, dass Gesundheit keine reine Privatangelegenheit ist, sondern auch am Arbeitsplatz ein Thema sein muss. Unternehmen können die Arbeitnehmer beispielsweise mit Bewegungsangeboten unterstützen, ein gesundes Leben zu führen. Grösser ist aber die Wirkung, wenn ein Unternehmen nicht nur Einzelmassnahmen ergreift, sondern seine Strukturen gesundheitsförderlich gestaltet. Gesundheit muss ein Teil der Unternehmenskultur werden. Ich denke, das können wir von einem fortschrittlichen Unternehmen heutzutage erwarten. Die Gesundheitsförderung Schweiz zeichnet Unternehmen, die derartige Kriterien erfüllen, als «Friendly Work Space» aus.

Wie viele Firmen haben Sie schon als «Friendly Work Space» identifiziert?
Das Label Friendly Work Space wurde erst vor wenigen Jahren lanciert. Wir haben aber schon 50 Unternehmen dabei, zum Teil auch sehr grosse wie die SBB.

Haben Sie überhaupt Hoffnung, wenn sie den Stand der Gesundheitsförderung in Schweizer Betrieben betrachten?
Wir stehen noch am Anfang eines langen Weges. Es gibt auf Seiten der Unternehmen mehr und mehr, die die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Gesundheit erkennen; Arbeitgeber, die ihre Verantwortung sehen und freiwillig entsprechende Schritte unternehmen. Und auch auf der Ebene der Volkswirtschaft macht man sich Überlegungen, wie das Wirtschaftssystem neu ausgerichtet werden könnte. Da sind aus Sicht der Gesundheitsförderung sehr interessante Ansätze dabei.

Zum Beispiel?
Die Gemeinwohlökonomie zielt in diese Richtung. Sie bringt eine Wertediskussion in Gang, indem sie versucht, die Erfolgsbilanz eines Unternehmens anders zu bemessen: Nicht nur ausschliesslich nach Eigennutz und Profitmaximierung, sondern nach sozialen und ökologischen Kriterien.

Sie schreiben, dass auch das Führungsverhalten von Chefs ein ganz wichtiger Aspekt im Gesundheitsmanagement ist. Was können Arbeitgeber in dieser Hinsicht für ihre Mitarbeiter tun?
Zuerst einmal sollte eine Führungskraft auf ihre eigene Gesundheit achten, damit sie das Thema ihren Mitarbeitenden gegenüber glaubhaft vermitteln kann. Aus der Gesundheitsforschung wissen wir, dass Menschen vor allem drei Ansprüche haben, wenn es um ihre Arbeit geht: Sie wollen verstehen, was in der Firma vor sich geht, sie wollen handeln können und sie möchten in den Vorgängen einen Sinn erkennen. Wenn sich die Führung diese Aspekte zu Herzen nimmt, ist schon viel erreicht.

In Ihrem Buch wird ausgeführt, dass Geld ein Tabuthema ist. Verschlechtert diese Tabuisierung die Gesundheit?
Das Thema Geld ist rational schwer zu fassen. Die Ökonomie geht beispielsweise nur auf Teilaspekte des Geldes ein: Währungen, Steuern, Investitionen, Umlaufgeschwindigkeit. Aber mit Herkunft und Wesen des Geldes befassen sich höchstens akademische Outsider. Auch die Psychologie ist beim Thema Geld sehr zurückhaltend, obwohl das Geld ja unser Verhalten ausserordentlich stark beeinflusst.

Macht die Enttabuisierung des Geldes also gesünder?
Als verantwortungsbewusster Bürger möchte ich meine Ersparnisse so anlegen, dass ich weiss, was mein Geld bewirkt. Transparenz in Geldgeschäften ist auch für die Gesundheit gut. Eine sinnvolle Investition, die sichtbar neue Lebensmöglichkeiten schafft, gibt auch mir ein gutes Gefühl.

Sie sprechen sich für weniger Wettbewerb aus. Damit nehmen Sie der Wirtschaft doch ihre grundeigenen Pfeiler.
Der Wettbewerb ist wichtig, aber man muss wissen, wo. Seine Funktion hat er dort, wo sich ein Ziel kompetitiv am besten erreichen lässt. Das ist aber nicht immer der Fall. Wenn der Wettbewerb alle Lebensbereiche durchdringt, wird er kontraproduktiv und erzeugt Stress. Prinzipien wie Solidarität und Kooperation sind in manchen Bereichen – zum Beispiel in der Schule – dem Wettbewerb überlegen.

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