Martin Kenney kommt frisch aus der Dusche in die Admirals Lounge am New Yorker Flughafen John F. Kennedy. Der Vielflieger reiste gerade von einer Konferenz in Dubai an und fliegt in eineinhalb Stunden über San Juan weiter auf die British Virgin Islands. Schnell verdrückt er einen Caesar Salad mit gegrilltem Poulet. Klein und bullig kommt der Rechtsanwalt rüber, und das nicht von ungefähr.

Der 51-jährige Kanadier mit irischen Wurzeln gilt als einer der besten Spezialisten weltweit, wenn es darum geht, Millionenbeträge, die Betrüger sich ergaunert haben, wieder aufzuspüren. Sei es, dass er stapelweise Bankbelege durchsieht, den Müll eines Delinquenten mo­natelang durchsuchen lässt oder einen Spitzel anheuert, der sich mit einem Verbrecher anfreundet. Kenney gibt nicht auf, ehe er einen Grossteil des Geldes wieder seinem rechtmässigen Besitzer zurückgebracht hat. Selbst dann, wenn die Suche Jahre dauert und Millionen kostet.

Im Auftrag einer Schweizer Bank fahndet er nach den Millionen, die der New Yorker Superbetrüger Bernie Madoff veruntreut hat. Darüber schweigt er sich aber aus: Geheimsache. Die britische «Finan­cial Times» nennt Kenney den «Top-Geldjäger». Das kanadische Fachblatt «The ­Canadian Lawyer Magazine» bezeichnet ihn «angesichts seines Robin-Hood-Rufes und seiner Pitbull-Methoden» als «einen der zielstrebigsten und vertrauenswürdigsten Rechtsanwälte überhaupt».

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Immer wieder führt Kenneys Weg in die Schweiz. Zuletzt stellte er in Zürich Kunstwerke sicher, die der Bankier Edemar Cid Ferreira zur Geldwäsche gekauft hatte. Der Brasilianer hatte seine Bank, Banco Santo, um 800 Millionen Dollar betrogen. 2005 wurde das Geldinstitut für pleite erklärt. Der Mann sitzt eine 21-jährige Haftstrafe wegen Veruntreuung ab. Doch bis vor kurzem fehlte von den Geldern jede Spur. Ein Hochglanzbuch über Ferreiras Kunstsammlung brachte Kenney dann auf die heisse Fährte: Mit den Kunstkäufen – zu seiner illegitimen Sammlung gehörten 1000 Werke von Grossmeistern wie Jackson Pollock. Eine Spur führte zu einer Galerie in Manhattan, wo Ferreira Stammkunde war. Dort fand Kenney Unterlagen, die den Weg zu Lagerhallen in ­etlichen europäischen Metropolen, wo Werke untergestellt waren, aufzeigten – unter anderem auch in der Schweiz.

Der letzte Ort der Welt

Allein zur Renovierung seiner Villa in Brasilien nutzte Ferreira 65 Millionen Dollar. Als Kenney deren Beschlagnahmung durchsetzte, liess der Brasilianer Papiere zurück, die Kenney wiederum zu einem Schweizer Bankkonto führten, das ein Unternehmen aus den Bahamas treuhänderisch für Ferreira unterhielt. Das war vor zweieinhalb Monaten. Inzwischen wurden neun weitere Konten entdeckt.

«Wäre ich ein Krimineller, wäre die Schweiz der letzte Ort in der Welt, wo ich mein Geld verstecken würde», sagt Kenney. «Die Behörden dort sind unglaublich professionell, wenn es darum geht, Geldwäsche zu erkennen und zu stoppen. Sie zählen zu den besten in der Welt.» Überhaupt habe die Schweiz in den vergangenen 20 Jahren einen Gezeitenwechsel in der Kultur des Finanzplatzes erlebt: «Die Eidgenossen sind sich der negativen ­Effekte des Rechts auf Geheimhaltung ­bewusst geworden», sagt Kenney. «Jetzt finden sie eine bessere Balance zwischen Recht auf Privatsphäre und der Justiz.»

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Die Schurken dieser Welt lieben die Schweiz allerdings noch immer: «Die Patina der Geheimhaltung umgibt die Schweiz und Liechtenstein nach wie vor – das zieht die Tunichtgute magisch an.» Doch der Hauptgrund, warum seine Kontrahenten ihr Geld in eidgenössische Kassen stecken, sei das stabile Rechts- und Vertragssystem: «Ein Betrüger fürchtet nichts mehr als einen anderen Betrüger.» Deshalb kämen Konten in Weissrussland oder Turkmenistan nicht gut an bei den Millionenbetrügern.

Findige Profis schaffen bis zu 20 voneinander unabhängige Routen für ihr ergaunertes Geld. Alles, um auf möglichst verschiedene Art und Weisen Distanz zu schaffen zwischen dem Betrug und der Beute. Beliebte Ziele neben der Schweiz sind Liechtenstein, Singapur, Belize, Panama, die British Virgin Islands, Guernsey, Nevis, Cook Island und Kanada. «Oft spüre ich eine Fährte nach der anderen auf – trotzdem aber mögen etliche für immer verborgen bleiben», weiss Kenney.

Wird Kenney für einen neuen Fall engagiert, reist er zunächst an den Ort des Verbrechens: «Zunächst betritt man einen stockfinsteren Raum. Dort muss man sich orientieren und Mr. Big identifizieren.» Wirtschaftskriminalität scheint ein männliches Betätigungsfeld zu sein – nur ein einziges Mal in seiner Karriere hatte Kenney es mit einer weiblichen Finanzbetrügerin zu tun.

Danach kümmert er sich um jede Menge Papierkram – Dokumente, Bankauszüge, alles, was die Opfer vorweisen können. Dann versucht Kenney, mehr über den Betrüger herauszufinden – seinen Lebensstil, seine Telefonnummern, seine Domizile und seine Reiserouten. Privatjets liebt Kenney besonders – die sind mit einer Nummer registriert, die ihn jederzeit nachvollziehen lassen, wo in der Welt sich sein Kontrahent derzeit aufhält.

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Ein ganzes Team von Experten

Kenneys Ziel ist nicht nur, das verlorene Geld wieder aufzuspüren. Wichtiger noch für die Rückübereignung zum Betrogenen ist die Beweiskette, dass man es dem Kriminellen zuschreiben kann. Das ist leichter gesagt als getan. Oft schaffen Wirtschaftskriminelle 20 bis 40 verschiedene Verschachtelungen zwischen sich selbst und dem veruntreuten Geld. Kenney folgt dem Geld dann, bei der Quelle angefangen, von Konto zu Konto quer durch die ganze Welt.

In einem Fall hatte Kenney Gebäude in Kanada aufgespürt, die von verschiedenen nummerierten Unternehmen gehalten wurden, zum Beispiel 8769542 Alberta Inc. Deren Kapital stammte aus einer Reihe von Offshore-Firmen, die wiederum zu ­einem in den niederländischen Antillen domizilierten Unternehmen gehörten. Hinter denen steckte ein Treuhänder und erst hinter dem der eigentliche Verbrecher, der 250 Millionen Dollar mit einem Massenmarketing-Betrug ergaunert hatte.

Kenney beschäftigt ein ganzes Team von 25 Experten in den British Virgin ­Islands. Es sind forensische Buchhalter sowie Experten, die früher für Scotland Yard arbeiteten. Zwei Rechtsanwälte in New York und Dublin kommen dazu. Dazu hat er eine Software, die alle aufgespürten Daten in ein Diagramm organisiert, das auch nach Jahren schnell zu durchschauen ist. Häufig sind seine Kunden Banken – Angestellte aus den eigenen Reihen veruntreuen bei den Instituten ­regelmässig Gelder.

Wer Kenney engagieren will, braucht eine dicke Brieftasche. Eine erfolgreiche Suche kann 10 Millionen Dollar und mehr kosten. Weil manche Betrugsopfer jedoch pleite sind, organisiert Kenney auch Investmentpools, welche die Ermittlungen gegen eine Beteiligung am Erfolg finanzieren. In extremen Fällen bietet Kenney, der normalerweise ein Stundenhonorar abrechnet, an, für einen Finderlohn zu arbeiten: Im Schnitt von 30 Prozent der wiederbeschafften Mittel.

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«Mein Job macht mir Spass», sagt Kenney. Sein Mitgefühl sei sein Antrieb. Oft sind seine Kunden mit den Nerven am Ende, haben Selbstmordgedanken oder erleiden gar einen Herzinfarkt: «Ich will Gerechtigkeit für meine Klienten.» Wer glaubt, dass das Durchsehen von Tausenden von Akten langweilig ist, mag sich ­irren: «In unserem Büro gibt es jede Menge Energie. Wir sind Notfall-Rechtsanwälte – bei uns geht es schnell zur Sache.»

Eine Familie unter Strom

Kenney hatte im College professionell Eishockey gespielt und hätte beinahe eine Profi-Karriere in der NHL eingeschlagen. Die Aggressivität aus dem Sport kanalisiert er heute in die Jagd nach den Geldern. Noch heute fühlt er dasselbe Adrenalin wie damals, als er als junger Rechtsanwalt in New York zum ersten Mal 720 Millionen Dollar ergaunertes Geld an seine rechtmässigen Eigentümer zurückbrachte: «Ich arbeitete tagelang, ohne zu schlafen.» Letztlich brachte er einen Kollegen dazu, sich mit dem Betrüger anzufreunden. Die Fachsimpeleien der beiden nahm er mit einem versteckten Tonband auf. Sechs Monate lang folgte er dem Übeltäter auf Schritt und Tritt, bis der zusammenbrach und alles gestand: «Er flehte, dass er alles zurückzahle, wenn ich ihm doch nur von der Pelle bliebe.» Kenneys Intensität ist wohl vererblich: Sein Bruder Jason ist Minister für Immigrationsfragen in Kanada.

«Betrug ist psychologische Kriegsführung», zitiert Kenney den New Yorker Psychologen Alexander Stein, einen Experten in dem Feld. Klar ist es sein ganz persönlicher Ehrgeiz, dabei die obere Hand zu behalten. Immer wieder hat es Kenney mit Morddrohungen gegen seine Person zu tun. «Einmal sass ich mit einem Betrüger am Verhandlungstisch und er brüllte mich an, dass er meinen Kopf abreissen wolle.» Kenney zuckt mit den Schultern.

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Er könnte stundenlang Räubergeschichten aus dem Nähkästchen plaudern, doch der schnell, aber extrem bedacht sprechende Jurist hält sich spürbar zurück. Wichtiger ist es ihm, von seiner Kampagne gegen Kleptokratien von Diktatoren zu erzählen: «Korruption ist genauso ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie ein Völkermord. Sie kann zu Hungernöten und verheerender Verarmung führen.» Gemeinsam mit Rechtsanwälten aus Nigeria, Frankreich und Dubai will er durchsetzen, dass Korruption in grossem Ausmass vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angezeigt werden kann.

Kenney persönlich hat die Gelder vom nigerianischen Diktator Sani Aba­cha verfolgt. Zurzeit ist er mit der Wiederbeschaffung der Gelder des abgesetzten tunesischen Herrschers Zine Ben Ali beauftragt. Er hält mitten im Satz inne und schaut auf die Uhr: «Ich muss los zum Flugzeug.»

 

Diktatorengelder: Verfahren gegen vier Schweizer Banken

Auf den Spuren Ben Alis
Der Privat­detektiv sucht derzeit weltweit nach versteckten Geldern des ehemaligen ­tunesischen Diktators Zine Ben Ali. Ein Teil seines Vermögens liegt auch in der Schweiz – wie auch das anderer Ex-Despoten aus dem arabischen Raum.

Schweiz sperrt Gelder
Am 14. Januar wurde das Regime von Ben Ali gestürzt. Fünf Tage später sperrte die Schweiz Gelder von 60 Millionen Franken, um damit den Abzug von allenfalls unrechtmässig erworbenem Vermögen zu verhindern. Aus dem gleichen Grund hat die Schweiz im Fall von Ägypten 410 Millionen Franken und im Fall von Libyen 360 Millionen Franken gesperrt.

Finma-Untersuchung
Die Finanzmarktaufsicht hat die Vermögenssperrungen zum Anlass genommen, um bei 20 Banken eine ausserordentliche Überprüfung in Sachen Handhabung von politisch exponierten Personen, ­sogenannte PEP, durchzuführen. Die Abklärungen haben ergeben, dass die Mehrheit der Schweizer Banken ihre Pflichten im Umgang mit Politikern korrekt umgesetzt haben. Bei vier Banken hat die Aufsichtsbehörde allerdings in einzelnen Punkten ein ungenügendes Verhalten festgestellt und deshalb ein eingreifendes Verwaltungsverfahren gegen die Institute eingeleitet.

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Politisch exponierte Personen
Geschäftsbeziehungen mit Politikern sind nicht verboten. Die Banken unterliegen im Umgang mit solchen Vermögen aber strengen Sorgfaltspflichten, die sich auf das Geldwäschereigesetz stützen. (ng)

 

(Autorin: Nele Husmann)