Headhunter reiben sich die Hände: Bei Pharmakonzern Novartis geben sich seit einiger Zeit die Top-Manager reihenweise die Türklinke in die Hand. In diesem Jahr besetzte der weltgrösste Anbieter verschreibungspflichtiger Medikamente bereits sechs Spitzenpositionen neu, eine wurde ganz gestrichen: Vergangene Woche nahm der langjährige Pharmachef David Epstein seinen Hut, die Kernsparte wird geteilt und künftig von zwei Bereichsleitern geführt. Investoren und Analysten sehen das jedoch mit Sorge. Der ständige Umbau der Führung verstärke den Eindruck, dass Novartis von Krise zu Krise eile. «Im Laufe der Jahre war die Firma wie eine Drehtür, was den Abgang von Geschäftsleitungsmitgliedern unter dem CEO angeht», beschreibt Bernstein-Analyst Tim Anderson die Situation.

Novartis-CEO Joseph Jimenez, der den Konzern seit sechs Jahren lenkt, muss sich bei einer Investorenveranstaltung am Mittwoch deshalb wohl auch auf Kritik an den zahlreichen Wechseln im Top-Management einstellen: «Wir haben uns gefragt, ob das mangels Kontinuität zu den regelmässigen Ausfällen bei dem Unternehmen beigetragen hat», so Anderson. Sind sie Ursache oder Folge der Ertragsprobleme des Pharmariesen? Novartis selbst betonte, die Stellen seien mit den «hellsten Köpfen» besetzt worden. «Unser Hauptaugenmerk liegt darauf, dass Strukturen, Prozesse und Personen vorhanden sind, um den langfristigen Geschäftserfolg von Novartis zu sichern», erklärte der Konzern.

Generika-Konkurrenz holt auf

Die Managerwechsel fallen in eine schwierige Zeit: Das dominierende Pharmageschäft kämpft mit Umsatzausfällen beim wichtigen Blutkrebsmedikament Glivec wegen der Konkurrenz durch günstigere Generika. Dazu verläuft der Verkauf des neuen Herzmedikaments Entresto eher schleppend. Die schwächelnde Augenheil-Sparte Alcon soll mit einem Umbau und zusätzlichen Investitionen zurück auf Wachstumskurs gebracht werden. Ausserdem ist Novartis ist mit Bestechungsvorwürfen konfrontiert, etwa in den USA und in der Türkei.

«Es gab eine Reihe von Enttäuschungen», sagte Cedric de Fonclare, Fondsmanager bei der Londoner Jupiter Asset Management, die in Novartis investiert hat. «Es stehen noch immer grosse Fragen im Raum, etwa womit einige der wichtigen Medikamente, deren Patentschutz abläuft, ersetzt werden.» An der Börse hat das Unternehmens seit dem Kurshoch im Juli vergangenen Jahres ein Viertel an Wert verloren – deutlich mehr als der ewige Stadtrivale Roche mit 12 Prozent Minus und die europäischen Gesundheitswerte mit 17 Prozent Abschlag.

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Analysten wünschen sich vertrautes Führungsteam

Vor Pharmachef Epstein räumte im Januar bereits der Chef des Augenheilgeschäfts Alcon, Jeff George, seinen Posten. Forschungschef Mark Fishman und der für die Krebsforschung verantwortliche William Sellars wurden pensioniert. Nicht mehr dabei sind auch die US-Chefin Christi Shaw und Ameet Nathwani, Global Head of Medical Affairs, der vor zwei Monaten zum Konkurrenten Sanofi wechselte. Anfang Mai gab Novartis die Pensionierung von Chief Ethics Officer Eric Cornut bekannt.

In einer Zeit, in der Novartis mit Gegenwind zu kämpfen hat, wünschen sich manche Analysten ein stabiles, mit dem Unternehmen sehr gut vertrautes Führungsteam. «Schlüsselpositionen ändern sich rasant, gerade in einer Situation, in der man wohl eher eine stabilere Lage vorziehen würde», sagte Stefan Schneider, Analyst bei der Bank Vontobel.

Doch der Umbau der Novartis-Führung stösst nicht nur auf Kritik: «Ich denke, es ist positiv», sagte ein Headhunter in Zürich. «Es ist aus meiner Sicht nötig, bringt sicherlich kurzfristig Unruhe und mittel- bis langfristig hoffentlich die erwarteten Ergebnisse.»

(reuters/me)