Wanda Sports Group, die weltgrösste Sport-Event-Organisator, wagte dieser Tage den Gang an die Börse in New York. Ein Meilenstein für Sie?
Philippe Blatter: Die letzten Tage waren für uns sehr spannend. Auch für mich persönlich, nachdem wir fast 14 Jahre mit dem Team, aber auch mit den Geschäftspartnern, einen langen Weg gingen.

Bringt die Kotierung an der Technologiebörse Nasdaq neuen Schub?
Davon bin ich überzeugt. Die neue Transparenz schafft Kredibilität und Zugang zum Kapitalmarkt. Bereits als Wanda Group vor vier Jahren die Schweizer Sportmarketing-Gruppe Infront kaufte, war es das Ziel von Wanda-Gründer und -Präsident Wang Jianlin, die Wanda Sports Group an die Börse zu bringen. Wir haben uns in dieser Zeit zu einer globalen Sportplattform entwickelt. 

Sie haben starke Konkurrenten wie die US-Firmen IMG oder Octagon.
Im Segment Mass-Participation Sports wie Triathlon, Mountain-Biking oder Running ist Wanda Sports weltweit die Nummer eins, und zwar mit Marken wie Ironman, Rock‘n‘Roll Marathon oder Cape Epic. Durch Infront ist die WSG globaler Marktführer im Wintersport und im Fussball. Auch im Digital-, Produktions- und Service-Geschäft sind wir ganz vorne mit dabei. Wir sind Partner internationaler Spitzenverbände wie der FIFA, des IOC, der IIHF oder der FIBA sowie von Top-Fussballligen wie der Serie A oder der Premier League

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Trotzdem hat Wanda Sports an der Nasdaq nicht eingeschlagen. Sie mussten kurz vor dem Börsengang den Ausgabepreis reduzieren. Weil offenbar die Begeisterung beim Publikum nicht so gross war wie erwartet. Waren Sie zu optimistisch?
Wir waren während zwei Wochen auf Roadshow und haben mit vielen Investoren und Marktakteuren geredet. Das Festlegen der Preisspanne ist im Endeffekt eine Momentaufnahme.

Keine Enttäuschung angesichts des Aktienkurses?
Eines meiner Hobbies sind Ironman-Rennen, von denen ich 17 beendet habe. Was ich aus dieser Erfahrung weiss: Manchmal ist man eine Stunde und 10 Minuten im Wasser, ein andermal eine Stunde und 15. Was viel wichtiger ist: Man muss die Ziellinie im Auge behalten. Bei einem Börsengang ist es ähnlich: Wir konzentrieren uns auf unsere langfristigen Ziele: Wir wollen den Athleten und den Kunden hohe Qualität, einmalige Inhalte und Ergebnisse liefern. Nein, wir sind bezüglich der Preisspanne überhaupt nicht besorgt. Hingegen sind wir bereit für ein langes Rennen. Am Schluss wird der Markt entscheiden.

Sie selber profitieren von einem erfolgreichen Börsengang. Ihnen winken dank Aktienoptionen bis zu 10 Millionen Franken.
Wichtig ist, dass ich in den letzten Jahren und Monaten unglaublich viel lernen durfte. Diese Erfahrung ist unschätzbar. Ja, und dann gibt’s für das oberste Management einen Incentivierungsplan, der aber auch an klare Ziele geknüpft ist.

Der Sommer 2019 ist nicht gerade ideal für den Börsengang einer chinesischen Firma in den USA: Der Handelskrieg längst nicht ausgestanden. Die letzten 16 IPOs chinesischer Firmen in USA kamen nicht in die Gänge. Alle werden aktuell unter dem Ausgabepreis gehandelt.
Das mag auf den ersten Blick stimmen. Aber für uns war es enorm wichtig, dass wir in den letzten Jahren einen chinesischen Aktionär hatten, der uns und unsere Pläne unterstützt hat. Wir sind mit Infront zwar bereits seit 2005 im chinesischen Markt aktiv, aber die Türen gingen erst richtig auf, nachdem wir vom Grosskonzern Wanda übernommen worden waren. Die Olympischen Spiele in Peking 2022 werden uns weiteren Schub geben. Wir haben heute 180 Rechtehalter in unserem Portfolio und spüren, dass es eine immense Nachfrage in China dafür gibt.

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Trotzdem ist die Stimmung im Westen gegenüber chinesischen Firmen weiter von Skepsis geprägt.
Wir haben zwar einen chinesischen Aktionär, aber Wanda Sports Group betreibt ein globales Geschäft. Und: Wir sind sehr stark in Europa und in den USA verwurzelt. Die Division Infront hat ihren Sitz in der Schweiz, die World Triathlon Corporation in Tampa. Dieses globale Setup verstehen die Leute, Skepsis spürte ich in den letzten Wochen keine. 

Wanda Sports Group kündigte vor Jahren an, den Umsatz auf 10 Milliarden Franken hochfahren zu wollen. Gemäss Börsenunterlagen schaffen Sie derzeit nur 1,3 Milliarden – und das bei tiefer Rendite. Wann erreichen Sie die 10 Milliarden?
Ich kann diese Zahlen nicht kommentieren und muss sie darauf hinweisen, dass wir uns in einer Stillhalte-Periode befinden und keine Aussagen über die Zukunft machen können. Ich bin aber überzeugt, dass wir weiternwachsen werden. Schliesslich haben wir diverse Projekte in der Pipeline. Wachsen werden wir auch dank unserem Digitalgeschäft, welches wir laufend ausbauen. Vor einigen Monaten haben wir die Tech-Firma iX.co, welche in New York ansässig und in den Bereichen Software-Engineering und Data Science aufgrund ihrer Wurzeln eine sehr gute Marktposition im Sport innehat, lanciert. Wir haben damit eine klare Absicht: Wir wollen uns als führender Anbieter von digitalen Lösungen im Sport und der Monetarisierung von Sportinhalten profilieren. 

Sie träumen seit Jahren vom «Wifi-Stadion», in dem jeder Besucher mit digitalen Angeboten bedient wird. Wann sind Sie soweit?
Ich habe an der ETH Maschinenbau studiert und abgeschlossen, weil mich technische Lösungen schon immer fasziniert haben. Daraus ist auch eine Passion fürs Digitale entstanden. Meine beiden Buben führen mir täglich vor Augen, wie schnell jüngere Generationen digitale Anwendungen 

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Der Vermarkter

Name: Philippe Blatter

Funktion: Vice President Wanda Sports Group, CEO Infront

Alter: 55

Familie: verheiratet, zwei Kinder

Ausbildung: Maschineningenieur-Studium an der ETH Zürich, MBA an der Kellogg Graduate School of Management Northwestern University, Illinois

Karriere: Partner und Principal bei der Beratungsfirma McKinsey, CEO und Präsident von Infront

Die Wanda Sports Group gehört zum Wanda-Imperium, einer der grössten Firmen Chinas. Sie vermarket alle grossen Sportanlässe weltweit, darunter die Sommer- und Winter-Olympiade, die Fifa-WM oder den Ironman-Wettbewerb. Ende Juli wagte die Wanda Sports Group den Gang an die Nasdaq-Börse.

Haben Sie ein Beispiel?
Wir erarbeiten Lösungen, die zur Intensivierung und Verlängerung des Spielerlebnisses beitragen. Nehmen Sie die Top-Fussballliga in Italien, die Serie A. Da führen wir ab nächster Saison ein neues Angebot zur Verbesserung der «fan experience» ein. Der Zuschauer kann neu Spielsituationen wie Tore mit einer App abrufen, nochmals erleben und die Kamera-Einstellung dabei noch selber wählen. Dieses und weitere Digitalangebote setzen eine Verfügbarkeit des mobilen Internets in Stadien voraus. Ist dies gewährleistet, können wir unsere Angebote in Italien und weiteren Ländern ausrollen.

Sie sind Chef eines globalen Geschäfts. Wo wohnen Sie - in der Schweiz, in China, in Hongkong?
Eine Frage, die mir meine Frau auch ab und zu stellt (lacht). Im Ernst: Wir wohnen im Kanton Zug.  Aber ich reise tatsächlich viel nach China oder bin mit Kunden an Anlässen. Ich habe das Privileg, dass ich bei doch einigen der über 15 Weltmeisterschaften, die wir letztes Jahr durchgeführt oder vermarktet haben, vor Ort sein durfte. Das heisst, ich darf faktisch jedes Wochenende einen Grossanlass auf der Welt besuchen und dort viele tolle Leute kennenlernen. 

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China Staatspräsident Xi Jinping soll ein grosser Fussballfan sein; 2030 will China die Fifa-Weltmeisterschaft im Land organisieren. Realistisch? 
China hat in den letzten Jahren viele Fussball-Events ins Land geholt und Kontakte zu Verbänden oder Clubs in Europa aufgebaut oder sich beteiligt. Diese Fortschritte sehen wir auch bei anderen Sportarten: Gemeinsam mit dem Welt-Radverband Union Cycliste Internationale organisieren und vermarkten wir im Oktober die einwöchige Tour of Guangxi, im Anschluss dann den FIBA-Weltcup, an welchem die besten Basketball-Teams der Welt während 3,5 Wochen in China spielen. 

Und im Fussball?
Es gibt den China Fussball-Cup, mit dem Ziel, dass China gegen andere Nationalteams spielen und so Erfahrungen sammeln kann. Ich bin überzeugt, dass sich China schon bald wieder für die Fifa-Weltmeisterschaft qualifizieren wird. Xi Jinping hat diese Ambitionen geäussert. Nach der erstmaligen Vorrunden-Qualifikation an der FIFA WM 2002, möchte China erneut an einer Weltmeisterschaft teilnehmen, eine WM durchführen und – ja, gar irgendwann Weltmeister werden.

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Das Datum steht im Raum: 2050. 
Wie gesagt, ich darf aktuell keine Aussagen über die Zukunft machen (lacht).

Welches ist ihre liebste Marke in Wanda Sports-Universum?
Wir engagieren uns für die Fifa Fussballweltmeisterschaft, für weltweite Turniere, repräsentieren internationale Clubs und sind mit allen Olympischen Winter- und Sommersport-Verbänden im Geschäft, ausserdem haben wir Kooperationen im Volleyball, Handball, Marathon, Basketball, Motocross, Triathlon etc.. Wir sind alljährlich in Kontakt mit 4 Milliarden Sportfans, das ist fast jeder zweite Einwohner weltweit. Wir bringen Athleten und Sportbegeisterte aus der ganzen Welt zusammen. Eine Vorliebe für einen einzigen Event habe ich nicht.

Der internationale Fussball-Verband Fifa, den Ihr Onkel Sepp Blatter prägte, ist ein Kernkunde von Wanda Sports. Hat sich das Verhältnis zur Fifa nach seinem Abgang verändert?
Nein. Wir arbeiten mit der Fifa seit über 20 Jahren zusammen, und zwar lange bevor ich zu Infront kam. Wir hatten und haben als Firma ein sehr enges Verhältnis zur Fifa. Entscheidend ist, dass wir Topqualität liefern. Gemeinsam reissen wir immer wieder neue Projekte an. 

Die Fifa – Ihr wichtigster Kunde?
Alle unsere Kunden sind uns wichtig. Die Fifa ist zweifellos ein sehr bekannter und grosser Kunde. Aber nicht der grösste.

Sie sind sportbegeistert und nehmen regelmässig am Ironman teil, bei dem an einem Tag die Disziplinen Schwimmen, Radfahren und Marathon anstehen. Wann haben Sie das letzte Rennen beendet?
Ich habe beim Ironman Switzerland schon 7 Mal mitgemacht, das letzte Mal im Sommer 2018 in Zürich.

Dieses Jahr waren Sie nicht dabei?
Nein, weil ich auf Roadshow in Hongkong, London und in den USA war. Wenn ich fit bin, werde ich 2020 wieder dabei sein. Dann wird der Ironman erstmals in Thun ausgetragen. 

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