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Versicherung
Pierin Vincenz tritt bei Helvetia ab

Raiffeisen-Vincenz
Pierin Vincenz: Übernahm das Helvetia-Präsidentenamt im Oktober 2015.Quelle: Keystone

Der Bündner Pierin Vincenz gibt das Präsidium des Versicherers Helvetia ab. Der einstige Vorzeigebanker stolpert über die Affäre Investnet.

Veröffentlicht am 18.12.2017

Pierin Vincenz tritt als Verwaltungsratspräsident der Helvetia Gruppe zurück. Das schreibt der Versicherer in einer Mitteilung vom Montagmorgen. Vizepräsidentin Doris Russi Schurter übernehme ad interim bis zur Generalversammlung im nächsten Frühling. «Wir bedauern seinen Entscheid, haben aber grosses Verständnis für die Situation von Pierin Vincenz», sagt die 61-Jährige laut Mitteilung.

Gegen Pierin Vincenz führt die Finanzmarktaufsicht (Finma) eine Untersuchung in Zusammenhang mit seiner früheren Tätigkeit bei Raiffeisen. «In den letzten Tagen ist klargeworden, dass sich das Finma-Verfahren nicht beschleunigen lässt und damit bis zur kommenden Generalversammlung von Helvetia im April 2018 nicht abgeschlossen sein wird», erklärt Vincenz laut Mitteilung. «Die anhaltende Unsicherheit und die medialen Begleiterscheinungen, die dieses Verfahren mit sich bringen, haben mich deshalb bewogen, im Interesse des Unternehmens per sofort zurückzutreten. Damit kann Helvetia unbelastet meine Nachfolge planen», so der Bündner Banker, der seit Oktober 2015 an der Spitze der Helvetia war.

Das Raiffeisen-Erbe von Pierin Vincenz

Vor gerade einmal zwei Monaten sah es noch so aus, als ob Pierin Vincenz in Ruhe die Ernte einfahren könnte für eine überaus erfolgreiche Banker-Karriere. Die Grundlage bildete dafür vor allem sein Erfolg mit der Raiffeisen, die sich unter seiner Führung in nur zehn Jahren von der Bauernbank zum Hypothekar-Riesen mit Systemrelevanz gemausert hatte.
 
Nach der Übergabe des Chefsessels an Patrick Gisel 2015 sollten auf die Macherjahre die Strategiejahre folgen. Vincenz stellte sich auf ein Leben als Verwaltungsratspräsident ein, als Chefstratege, der die grossen Linien vorgibt – und übernahm das VR-Präsidium bei Versicherer Helvetia.

Finma startete zwei Untersuchungen

Doch dieser Plan ist geplatzt. Als die Finma Ende Oktober mitgeteilt hatte, dass sie eine Untersuchung gegen die Raiffeisen startete im Zusammenhang mit Fragen der Corporate Governance, wies Vincenz zunächst noch von sich, dass er persönlich im Visier der Aufsichtsbehörde stehe.  
 
Diese Aussage wurde nur wenige Tage später widerlegt: Vincenz gab bekannt, dass die Finma ein Verfahren gegen ihn eingeleitet habe. Im Zentrum des Enforcement-Verfahrens durch die Aufsichtsbehörde steht seitdem die Raiffeisen-Tochter Investnet Holding – und ihre Verbindungen zu Vincenz.

Privat an Investnet beteiligt

Nach Beginn des Verfahrens zeigten Recherchen der «Handelszeitung»: Pierin Vincenz hält privat 15 Prozent an der Raiffeisen-Tochter, die er seit Gründung im Sommer 2015 auch präsidiert. Raiffeisen als Unternehmen hält 60 Prozent an Investnet. Der Raiffeisen-Verwaltungsrat erlaubte dem damaligen Bankchef Vincenz dabei 2015, sich privat an der Firmen-Tochter zu beteiligen. Die Finanz-Details der Holding-Konstruktion wurden detailliert geregelt, als Vincenz noch Raiffeisen-Chef war. Und damit nicht genug: Ende November ergaben weitere Recherchen der «Handelszeitung», dass Vincenz am KMU-Vehikel der Genossenschaftsbank auch Put-Optionen hat.
 
Diese Put-Optionen berechtigen den Bündner Banker, seine Aktien an der Investnet Holding in rund zweieinhalb Jahren der Mehrheitsaktionärin Raiffeisen Schweiz wieder anzudienen, und zwar zu einer vorab definierten Bewertungsmethodik. Die Parameter der Put-Optionen wurden ebenfalls zu einem Zeitpunkt definiert, als Vincenz noch Raiffeisen-Chef war. Bereits Ende November war klar: Diese Put-Optionen stellen einen weiteren möglichen Interessenkonflikt im Investnet-Investment dar, das die Finma derzeit eingehend untersucht. Aus dem Umfeld des Bündner Bankers war im Zuge der «Handelszeitung»-Recherchen zu hören, dass Vincenz an dieser «Formel» nicht «aktiv und direkt» mitgewirkt habe.

Heikle Nähe zwischen Raiffeisen und Investnet

Vergangene Woche zeigte sich ausserdem, dass die bis dato wenig bekannte und vermeintlich «kleine Investnet» («Basler Zeitung») alles andere als klein ist. Sie ist vielmehr ein gewichtiger KMU-Investor in der Schweiz, wie die «Handelszeitung» berichtete. Und einzelne ihrer Portfoliogesellschaften haben eine heikle Nähe zu Raiffeisen als Investorin.
 
Investnet, die Bank-Tochter mit Sitz in Herisau, hat KMU zwischen etwa 5 und 35 Millionen Franken Umsatz im Übernahmefokus. Das gut 20-köpfige Investnet-Team verwaltet rund 300 Millionen Franken in etwa zwanzig kleineren und mittleren Unternehmen, die mit 1200 Mitarbeitern über 300 Millionen Umsatz machen. In diesen Firmen stecken gegen 200 Millionen Franken an Eigenkapital, grossmehrheitlich von Raiffeisen bereitgestellt.

Anfänge von Investnet

Die Anfänge von Investnet reichen dabei bis in die Jahre 2011 und 2012 zurück. Damals war Investnet eine AG noch ohne Kontakte zur Raiffeisen. Die Gründer suchten nach Wegen, ihr Geschäft weiterzuentwickeln. Denn stets fehlte das nötige Geld für die nächsten Investitionen. Dann gelangten die Investnet-Gründer an Pierin Vincenz und Raiffeisen. Vincenz hatte seit je ein Faible für KMU-Investitionen und bald war allen Beteiligten klar: Das ist eine Win-Win-Situation. Investnet erhielt von Raiffeisen flüssige Mittel für Investitionen, Raiffeisen die Möglichkeit, sich als Experte für KMU-Nachfolgelösungen zu profilieren.
 
Beide Parteien beschlossen, die Zusammenarbeit mit einem Aktientausch zu besiegeln. Raiffeisen erhielt 60 Prozent an der Investnet AG. Und deren Gründer bekamen Anteile am Raiffeisen-Vehikel KMU Capital. Vincenz schickte seine damalige Nummer zwei, Patrik Gisel, in den Verwaltungsrat der Investnet AG. Manchmal waren Investitionen erfolgreich, manchmal gab es Verluste. Und die Jahre zogen vorbei.

Rücktritt bei Raiffeisen im Jahr 2015

Dann kam das Jahr 2015. Im Februar kündigte Vincenz seinen Rücktritt bei Raiffeisen an. Er nutzte die verbleibende Zeit – auch für eine Neuordnung der Dinge bei der Investnet AG. Die bisherigen Geschäfte und Beteiligungen und damit auch die bisherige Investnet AG und die KMU Capital wurden in der neuen Investnet Holding gebündelt. Sie wurde am 15. Juni 2015 in Herisau gegründet. In einem ersten Schritt zeichnete Raiffeisen alle Aktien, wie Akten des Handelsregisteramts zeigen.
 
Vincenz wurde VR-Präsident der Investnet Holding. Damals sagte er der «Schweiz am Sonntag», er solle dort für einen «Interessenausgleich» zwischen den Partnern und Raiffeisen sorgen. Gisel, der bald Raiffeisen-Chef werden sollte, trat daraufhin bei der Tochter Investnet AG ab – ganze fünf Minuten dauerte die GV dafür. Jetzt holen Vincenz und die Raiffeisen die Vorgänge um Investnet ein.

(mil/me)

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