Sie wollen einen guten Lohn? Und Respekt für Ihre Leistung? Dann sind Sie am besten etwa 1,93 Meter gross oder kaufen sich Spezialschuhe mit verstecktem Absatz. Denn immer wieder finden Statistiker signifikante Zusammenhänge zwischen Körpergrösse und Erfolg: Wer mehr Zentimeter als der Durchschnitt aufweisen kann, wird eher Präsident der Vereinigten Staaten. Wer auf andere herabzuschauen vermag, wird mit grösserer Wahrscheinlichkeit in die Geschäftsleitung kommen. Und ganz allgemein gilt: Wer grösser ist, verdient mehr.

Thomas Gautschi, Professor für empirische Sozialforschung an der Universität Mannheim, hat dies in seiner Habilitationsschrift in Bern zusammen mit Dominik Hangartner nachvollzogen. Sie werteten dafür riesige Datensätze aus der Schweizer Gesundheitsbefragung aus. «Die Grössenprämie gibt es und sie ist nicht unbedeutend», stellt Gautschi fest. Sie kann mehrere Tausend Franken pro Jahr ausmachen (siehe Kasten).

Grosser Doktor, kleiner Praktikant

Mit Gerechtigkeit hat dies nichts zu tun, sondern unter anderem mit sozialer Herkunft. «Ein Schweizer, der besonders gross ist, ist theoretisch und im Schnitt jemand aus einer eher wohlhabenden Familie, hat eine gute Ausbildung bekommen und stammt aus einer industrialisierten Gegend der deutschsprachigen Schweiz», sagt Frank Rühli, Leiter des Zentrums für Evolutionäre Medizin an der Universität Zürich.

Ein Team von Wissenschaftlern hat gemeinsam mit Rühli Daten der Schweizer Armee von rund 28000 19-jährigen Stellungspflichtigen verglichen. Heraus kam, dass der Grössere eher der mit den besseren sozioökonomischen Voraussetzungen ist. In der Schweiz führen die Männer aus Basel-Stadt mit 1,789 Metern die Liste an. Danach kommen Zug und Schwyz. Zürich liegt mit 1,782 im Mittelfeld. Weit abgeschlagen findet sich Appenzell Innerrhoden. Dort ist der Durchschnittsstellungspflichtige 1,761 Meter gross.

«Es ist schon ein bisschen gruselig», sagt der Wirtschaftsmathematiker Fabian Spanhel von der Ludwig-Maximilians-Universität in München. «Aber ja: Grössere verdienen mehr.» Die grösste Diskrepanz sei bei promovierten Männern sichtbar. Sie sind nach Spanhels Berechnungen 4,16 Zentimeter grösser als Männer mit einer Anlernausbildung oder einem beruflichen Praktikum.

Und als sei das der zahlenbegründeten Gruseligkeit noch nicht genug, verweisen Spanhels Daten auf einen Zusammenhang zwischen kognitiven Fähigkeiten und Körpergrösse. Je grösser, desto klüger die Leute? «Nun ja, zumindest haben Grössere im Durchschnitt eine bessere Ausbildung», meint Spanhel vorsichtig. Grössere Menschen arbeiteten eher in kognitiv anspruchsvollen Positionen als Manager. Kleine Personen seien mit einer höheren Wahrscheinlichkeit als «Bediener von Maschinen» anzutreffen.

«Es ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Grossen Männern werden eher besondere Leistungen zugetraut. Kleine dagegen müssen sich erst einmal durchkämpfen», stellt Stefan Thonn fest. Der Offizier weiss, wovon er redet. Bei Übernahme seiner Abteilung beim Militär stellte er sich selbstironisch vor. «Napoleon war klein, Putin ist klein und ich bin 1,73. Nehmen Sie sich in Acht!», sagt der 30-Jährige und lacht.

Nach seiner steilen Karriere glaubt der promovierte Informatiker nicht an eine Schicksalsdeterminante Körpergrösse. Jedoch müssten kleinere Jungs mehr Durchsetzungswillen und Selbstbewusstsein entwickeln. Für einen kleinen Teenager gebe es kaum einen schwierigeren Moment, als wenn im Sportunterricht ein Mitschüler Sportteams auswählt. «Allerdings bringt das die Kleinen dazu, sich stärker anzustrengen, oder?» Thonn glaubt, dass es am Ende auf Selbstsicherheit ankomme. Jeder kenne doch die kleinen Männer an der Spitze von Politik, Wirtschaft und Militär.

Tatsächlich gibt es einige wichtige Männer von niedrigerem Wuchs. Herbert von Karajan war durchaus klein, Wladimir Putin, Silvio Berlusconi und Nicolas Sarkozy sind es immer noch. Selbst Dschingis Khan und Atilla sollen genauso wenig durch ihre Grösse bestochen haben wie Chruschtschow (siehe Kasten).

Kleine müssen sich mehr anstrengen

Bei ihnen könnte unter anderem der sogenannte Napoleon-Komplex für die herausragenden Leistungen verantwortlich sein. Diese Männer treten demnach machtbewusster und gegebenenfalls aggressiver auf als Durchschnittsgrosse, um sich durchzusetzen.

Doch nicht alle profitieren vom Extra-Ansporn des Kleinseins zu Höchstleistungen. So schreibt ein Kommentator im Internet: «Ich bin selbst nur 170 Zentimeter gross und leide extrem darunter.» Und frustriert fährt er fort: «Ich möchte auf keinen Fall Kinder haben, da ich es nicht verantworten kann, dass diese von ihren Mitmenschen auf solche Art und Weise diskriminiert werden.»

Glücklichen Grossen fällt ihr Vorteil hingegen oft nicht auf. Herrmann Lorenz, 1,90 Meter und Leiter des Debitorenmanagements bei einem grossen Unternehmen, hat bis vor Kurzem noch als Wirtschaftsberater gearbeitet. «Ich habe nie eine positive Diskriminierung mir gegenüber bemerkt», sagt Lorenz. «Doch kleine Männer gab es bei den Beratungen tatsächlich nicht.»

Über Einzelfälle sagen die vielen Zahlenreihen zur Körpergrösse allerdings wenig aus. «Bei Statistiken gilt immer: Ausnahmen bestätigen die Regel», meint Thomas Gautschi und lächelt. Der Professor misst 1,72 Meter.


«Ein kleiner Mann muss mehr kompensieren»

Maciej Henneberg,Wood Jones Professor of Anatomy, University of Adelaide. 1,82 Meter und international anerkannter Experte für menschliche Anatomie und Evolution.

Nach wissenschaftlichen Studien sind grössere Menschen wohlhabender, erfolgreicher und besser ausgebildet. Wie kommt das?

Maciej Henneberg: Körpergrösse ist hauptsächlich von den Genen abhängig. Das soziale Umfeld entscheidet jedoch mit, wie gross jemand tatsächlich wird. Bis zum Alter von 20 Jahren beeinflussen der ökonomische Standard in der Kindheit und damit verbundene Aspekte wie Gesundheitsversorgung oder die Abwesenheit von Stress die Grösse eines Menschen bis zu 5 Prozent. Ich habe Kinder aus extrem armen und extrem wohlhabenden Familien verglichen. Ein zehnmal höheres Einkommen resultiert im Durchschnitt in 10 Zentimetern mehr bei den Kindern reicher Familien. Kinder aus wohlhabendem Hause bekommen auch eine bessere Ausbildung. Die Chancen gut situierter Nachkommen, sich erfolgreich auf dem Arbeitsmarkt zu präsentieren, sind deswegen besser.

Das heisst, eine Person kann die fehlende Grösse durch Ausbildung wettmachen?

Henneberg: Nicht unbedingt. Körpergrösse wirkt unbewusst auf die Menschen. Grössere Personen können physisch auf andere herabschauen. Das hat einen psychologischen Effekt. Sie sind selbstsicherer und können überzeugter auftreten. Kleinere Menschen haben dagegen mit mehr Unsicherheiten zu kämpfen. Für Gehaltsverhandlungen oder im Arbeitsalltag kann dies einen entscheidenden Unterschied machen. Der Zusammenhang zwischen Grösse und Erfolg gilt allerdings so eindeutig nur für Männer. Bei Frauen ist dies nicht der Fall. Nach wissenschaftlichen Untersuchungen ist Grösse für Frauen bei der Partnerwahl nicht vorteilhaft. Männer suchen sich kleinere Frauen aus. Grosse Frauen können Probleme bekommen.

Was kann ein kleiner Mann denn dann machen? Es gibt doch sehr erfolgreiche kleine Männer!

Henneberg: Natürlich können kleine Männer ausserordentlich viel erreichen, nur haben sie es schwerer als grosse. Ein kleiner Mann muss sich bewusst sein, dass er für seine geringe Grösse kompensieren muss. Am besten lebt es sich, wenn man ein klein bisschen grösser als der Durchschnitt ist.

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