Deutschschweizer reden eigentlich nur, wenn sie müssen. Und darum in der Regel schlecht. Manager töten den Nerv ihrer Zuhörer mit trendigen Anglizismen, Techniker mit ausufernden Details, Marketingfachleute mit sonnendurchfluteten Worthülsen. Wobei die meisten ihr Publikum gnädigerweise bereits mit überraschungsarmen ab Blatt gelesenen Einleitungen anästhesieren. Seit der Einführung von Power Point hat sich lediglich eines verändert: Die Langeweile wurde standardisiert.

Alleine am alemannischen Dialekt kann es nicht liegen. Schliesslich gibt es auch hierzulande Redner, die ihr Publikum packen, verbal durchkneten und zumindest um eine Erfahrung reicher wieder entlassen. Mit dem Prädikat «Beste Redner 2007» zeichnete der dienstälteste Schweizer Rede-Coach Harry Holzheu unter anderen Ernst & Young-CEO Peter Athanas aus, Privatbankier Konrad Hummler oder Nationalbank-Vize Philippe Hildebrand. Dem Unternehmer Johann Niklaus Schneider-Ammann attestierte er eine «kernige, von Fröhlichkeit durchsetzte Sprache», und die Vorträge von Axpo-Chef Heinz Karrer lobt er für ihre «Eleganz eines Florettfechters».

Das Selbstvertrauen trainieren

Wer dem restlichen Volk aufs Maul schaut, erhält den Eindruck, es gehöre zur Schweizer Identität, hölzern und plump zu sprechen. An TV-gewöhnten Kleinkindern lässt sich dies besonders gut beobachten: Hört ihnen keiner zu, berlinern sie wie Pünktchen und Anton oder imitieren Otto Waalkes so gekonnt, als wären sie selbst auf einer ostfriesischen Insel geboren. Sprechen sie vor Publikum, fallen sie brav zurück in den hierzulande einzig akzeptierten Sprechmodus ? und der orientiert sich im Tempo an Emil und in der Eleganz an der Mehrheit der Bundesräte oder Fussballer.

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Diese Anpassungsleistung wird auch im Erwachsenenalter konsequent erbracht. Dabei ginge es ganz anders. Anlass zur Hoffnung gibt seinen Zuhörern, wer bei seiner nächsten Rede diese drei Grundregeln befolgt:

Mut zur Authentizität Dem ehemaligen «Quer»-Moderator von SF DRS und heutigen Kommunikationstrainer Patrick Rohr zufolge hilft es meist, wenn man die Leute von ihren eigenen Erwartungen und fixen Annahmen befreit und sie dazu ermuntert, möglichst natürlich aufzutreten. Axpo-Chef Heinz Karrer bestätigt: «Wer bei einem Auftritt gut wirken will, muss seine Persönlichkeit einbringen ? ?echt? sein ? und sein Publikum ernst nehmen.» Für ihn heisse dies, seine Anliegen mit Engagement und Überzeugung zu vertreten, in eigenen Worten zu sprechen und keine Floskeln zu bemühen. Ganz sich selbst sein ? wenn einem alle dabei zuschauen? Weil da tatsächlich Mut gefordert ist, arbeiten viele Rede-Trainer in der ersten Phase vor allem am Selbstvertrauen ihrer Trainees.

Publikum nicht überstrapazieren Die Faustregel «weniger ist mehr» gilt besonders für gute Reden, insbesondere im Zusammenhang mit Power-Point-Folien. Zurückhaltung ist auch angesagt in Mimik und Gestik. Wie wichtig beim Reden der Faktor Zeit ist, lässt sich gegenwärtig am Beispiel von alt Bundesrat Christoph Blocher lernen: Selbst einige seiner Anhänger konstatierten kürzlich, er «referiere uferlos und zu jedem Geschäft». Selbst die eifrigsten Zuhörer müssen da gedanklich auf Abwege geraten.

Klare Botschaft In einem sind sich alle Rede-Coaches einig: Wer nichts zu sagen hat, lässt das Reden besser ganz. Ohne Sachverstand oder zumindest gründliche Vorbereitung geht gar nichts. «Man muss durchdrungen sein von dem, worüber man spricht ? das ist die Basis», erklärt Holzheu. Wo diese Basis vorhanden sei, könne er jemanden in einem einzigen Tag zum freien Redner machen, verspricht er.

Ganz ohne Manuskript oder Stichwort-Notizen, wie es etwa der Grüne Nationalrat Daniel Vischer tut, sollten sich allerdings nur Geübte ans Katheder wagen. Für alle anderen gilt: Die Kernbotschaft und der ungefähre Ablauf der Rede müssen ihnen bekannt sein. Das Einüben vor dem Spiegel zuhause ist für Anfänger nicht peinlich, sondern empfehlenswert. Auch Vischer hält sich übrigens nicht für ein Naturtalent, sondern habe im Laufe seines langen Berufs- und Politikerlebens Routine gewonnen. Heute fühle er sich in der Gestaltung und Argumentation freier ohne Manuskript. Bemerkenswerterweise redet er dabei nicht etwa so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, sondern in Standardsprache, denn «die Pseudonatürlichkeit des Schwyzerdüütsch» nerve ihn.

Viele Schweizer sind offenbar genervt von ihrem Amateurdasein als Redner. Rede-Coaches wie Rohr füllen Säle, und auch an den Migros-Klubschulen haben letztes Jahr 600 Teilnehmer den zweitägigen Kurs «Redetraining und Rhetorik» besucht. Während also die einen bloss wortstark über die Invasion der Schnellredner aus dem Norden referieren, machen sich andere klammheimlich daran, ihr verbales Instrumentarium zu vergrössern und ihr Mundwerk zu ölen.

 

 

NACHGEFRAGT patrick rohr, Kommunikationsberater und Buchautor, Zürich


«In eigenen Worten ausdrücken, was wichtig ist»

Um reden zu können wie ein Profi, braucht es Talent ? das Schweizern schlicht fehlt.

Patrick Rohr: Schweizer haben tatsächlich Hemmungen im mündlichen Ausdruck. Das Grundproblem sind Vorstellungen wie «In meiner Firma macht man es so» oder man müsse beim Reden jemand ganz anderer sein, als man tatsächlich ist. Ich ermuntere die Leute dazu, die Frage «Würde ich mir selbst gerne zuhören?» ehrlich zu beantworten. Das ist oft der erste Schritt zu einer spannenden Rede.

Was bringt da ein dickes Hand-buch mit Checklisten und seitenweise Theorie? Genügen nicht drei Regeln: Üben, üben, üben?

Rohr: Was nützt üben, wenn die Grundregeln unklar sind? Viele Rhetorikbücher sind wie eine Werkzeugkiste: Jeder kann herausnehmen, was er oder sie gerade braucht. Zum Beispiel: Wie schreibe ich ein Manuskript für eine schweizerdeutsche Rede? Was mache ich mit dem Mikrophon? Wie gelingt mir ein spannender Einstieg? Wohin mit den Händen? Und, das Wichtigste: Was ist eigentlich meine Botschaft?

Wen kümmert die Botschaft? Bei Reden ist die Verpackung doch wichtiger als ihr Inhalt.

Rohr: Die Wirkungsforschung behauptet, 20% der Wirkung einer Rede rühren vom Inhalt her, die anderen 80% von Gestik, Stimme, Körperhaltung etc. Man darf den Inhalt nicht unterbewerten ? die anderen Anteile aber auch nicht. Kurze Antwort auf Ihre Frage: Ja, die vorhandene Botschaft muss gut ?verpackt? werden ? mittels allen vorhandenen Instrumenten.

Wäre Schauspielunterricht nicht eher angebracht als Redetraining?

Rohr: Nein. Schauspieler inszenieren Texte, die sie nicht selber geschrieben haben. Redner sollten in eigenen Worten ausdrücken, was ihnen wichtig ist. Dazu müssen sie auch wissen, warum sie überhaupt auftreten und reden wollen. Haben sie etwas zu sagen? Wenn ja, dann sollen sie es tun ? auf ihre eigene, persönliche Art und Weise. Damit werden sie authentisch und für ihre Zuhörer greifbar ? allerdings auch angreifbar!