Mal sehen, wie sich dieser Bürogummi bei uns bewährt», sagten die Arbeiter der Baufirma Weibel in Schüpfen zueinander und zwinkerten sich zu, als Werkstudent Michel Kunz in den Semesterferien zu ihrer Equipe stiess. Damit hatten sie allerdings nicht gerechnet: Kunz verdiente sich schon als Bub sein Sackgeld mit Pickeln und Schaufeln. Er wusste ganz genau, worauf es ankommt, wenn man in der Baustellen-Hierarchie aufsteigen will. In seinem mit uralten Stichen und einem noch älteren Zwingli-Porträt geschmückten Büro demonstriert er, wie ein Greenhorn eine Schaufel mit schwerem Material wegschippt: Indem es mit dem Fuss nachhilft. Wer den Eintrittstest bestehen will, schafft das mit blosser «Armkraft».

Auf Baustellen und Tschuttiplatz

Das würde dem Mann mit seinem durchtrainierten Körper vermutlich heute noch locker gelingen. Dies, obwohl er eingesteht, dass weder er noch seine Kumpels damals in Strassenschlachten gegen ein stämmiges Dorfmädchen ankamen, das sie alle «zusammengeschlegelt» hat. Kunz, der eigentlich eher ernst wirkt, muss herzlich lachen, wenn er an diese Episoden denkt. Und weil er im gleichen Dorf wohnt, in dem er aufgewachsen ist, gibt es auch noch zuverlässige Zeugen aus dieser Zeit.

Wenn er nicht gerade auf Baustellen gearbeitet hat, fand man ihn auf dem «Tschuttiplatz». Das ist nicht besonders aufregend. Dass auf seiner Berufswahl-wunschliste Lehrer zuoberst stand, erstaunt schon eher. Und wieso hat er dann doch einen anderen Weg eingeschlagen? Weil Kunz Besserwisserei nicht mag. «Diese habe ich später bei meinem Engagement in der Schulpflege zuweilen auch erlebt.»

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In diesem Zusammenhang macht auch Sinn, was er später sagt: «Ich möchte mich nicht als Chef aufspielen.» Ein Aussenstehender, der ein Meeting mit ihm und seinen Leuten beobachtet, soll also nicht auf Anhieb feststellen, wer das Alphatier ist. «Wichtig ist, dass alle im Sinn des Chefs handeln, nicht dass sie auf Befehle des Chefs warten», ist seine Devise.

Das Paketchaos beendet

Sobald sich eine Gelegenheit böte, das Licht hinter dem Scheffel hervorzuholen, wird Kunz eher einsilbig. Aber wie war denn das damals, als es ein totales Chaos bei der Paketpost gab, weil die technischen Neuerungen auf diesem Gebiet überhaupt nicht funktionierten, die Schnüre, mit denen früher Versandtes zusammengehalten wurde, sich verhedderten und zu einem «Päcklisalat» mutierten?

Jetzt taut Kunz auf. Das sei wirklich schlimm gewesen. Er war damals zuständig für den Informatik-bereich der Post und wurde angefragt, ob er sich dieses Problems annehmen wolle - wenigstens interimistisch.

«Wenn ich das nicht schaffe, wird es meinem Nachfolger gelingen», erklärte er damals seiner Frau. Kunz gehört offensichtlich nicht zu denen, die das Blaue vom Himmel versprechen und nachher zurückbuchstabieren müssen. Aber er schaffte es, der Preis war allerdings hoch. Manche schlaflose Nacht und Skeptiker zuhauf plagten ihn.

Das damalige Erfolgsrezept: Eine Mischung von Preiserhöhungen und internen Kostensenkungsmassnahmen. Beides ist bei solchen Übungen zwar durchaus an der Tagesordnung. Nur: «Ich musste das in einer Zeit durchziehen, als die Qualität der Leistungen der Paketpost bereits im Schussfeld der Kritik war.»

Die Grenzen der Demokratie

Je länger man mit Kunz spricht, desto klarer wird, wieso es zwischen Kunz und dem damaligen Post-Verwaltungsratspräsidenten Claude Béglé zum Eklat kommen musste: Bei entscheidenden Reorganisationen möchte Kunz den Involvierten zwar gewisse Freiheitsgrade einräumen, aber nicht à gogo. Und auch nicht bloss deshalb, um nachher in den Medien zu glänzen und zu sagen: «Ich habe das Problem gelöst.»

Er unterscheidet zwischen einem demokratischen Vorgehen, bei dem alle Betroffenen involviert werden müssen, und einem kleinen Kreis, der im Fall eines besonderen Handlungsbedarfs die Verantwortung für das Vorgehen übernehmen muss. «So lassen sich Fehlentscheide am besten vermeiden», sagt er. Einen solchen kann ihm niemand nachweisen, folglich funktioniert dieses Abwägen zwischen einer breiter angelegten Meinungsbildung und - von Fall zu Fall - einer strikten Einhaltung mit Insiderzirkel-Charakter.

Heimweh nach einem Staatsbetrieb ist bei ihm nicht zu verspüren. Bei seinen früheren Wirkungsorten zeichnet sich eher ein Wechsel zwischen Grosskonzernen und KMU ab. Sein erster Arbeitsplatz nach dem ETH-Studium war die damalige BBC. Die ETH wählte Kunz nicht nur, weil er schon immer in den naturwissenschaftlichen und mathematischen Fächern Bestnoten holte, sondern auch, weil er sich - wie er auf Berndeutsch sagt - kein «Laueristudium» leisten konnte. «Laueri» steht hier für Bummelstudent.

Kunz machte dem Ruf der Berner bereits am Anfang alle Ehre: Er kam 14 Tage zu spät zum Studienbeginn. Allerdings nicht selbstverschuldet, sondern weil der Militärdienst damals noch nicht mit diesem Termin kompatibel war. Aber gefoppt wurde er trotzdem.

Junger Giel an der ETH

Weil der junge Giel aus Bern partout an die ETH wollte und sowieso schon zu spät kam, setzte er sich in die erstbeste Vorlesung. Sie war allerdings für angehende Maschineningenieure und nicht für Elektroingenieure bestimmt. Immerhin merkte er das in der Pause. Eine nicht zu unterschätzende Leistung, wenn man bedenkt, dass ein Gymnasiast vom Land, der damals an die ETH kam, an der Wandtafel nur Formeln und den Hinterkopf des Professors zu sehen bekam. «Das war manchmal wirklich öde», blendet Kunz in jene Zeit zurück.

Und weil ihn das dann etwas langweilte, unterhielt er sich mit seinen Kollegen über interessantere Dinge. Das blieb einer heute noch bekannten ETH-Koryphäe nicht verborgen. «Der Professor drehte sich um und fragte ‹Soll ich lieber aufhören zu dozieren?› Ein Raunen ging durch die Reihen, das eindeutig als Ja interpretiert werden konnte, und er verliess den Raum.»

«Hier fühlte ich mich wohl», sagt Kunz, darauf angesprochen, ob er nicht auch noch KMU-Luft geschnuppert habe, nachdem er bei ABB und Ascom gewesen war, und meint seine Zeit bei der Firma Schweizer Electronic, an der niemand vorbei kommt, der die Bahn benützt. Sie ist die Lieferantin der Warnanlagen und Signale an SBB-Baustellen. Jedes Mal, wenn Kunz diese Blinker sieht, freut er sich.

Gartengestalter aus Passion

Seine Hobbys? Kunz hat zwar schon früh seinen Hang zu Elektrotechnik und Bauwesen ausgelebt. Zunächst im erwähnten Baugeschäft als Handlanger, dann als Hobby-Monteur von Leitungen, Schaltern, elektronischen Steuerungen und Computersystemen. Aber seit einigen Jahren hat er mit seiner Frau ein Paradies für die Familie und eine Tierwelt gestaltet, die ihresgleichen sucht.

Auf 500 Quadratmetern tummeln sich exotische Riesenschildkröten, Gänse und Enten, in Gehegen, die der Hausherr selber konstruiert hat. Direkt ums Haus wurde eine äusserst romantisch gestaltete Umgebung mit verspielten Pavillons, Biotopen und Schilflandschaften geschaffen, welche sogar einen Renaissance-Fürsten vor Neid erblassen liessen. Mit dem einen Unterschied, dass Kunz keine Lakaien hat, sondern alles mit seiner Frau gestaltet, inklusive ausgeklügelter Infrastruktur. Er ist sogar davon überzeugt, dass ihn die Schildkröten kennen.