Worin unterscheiden sich Schweizer Studenten und Berufseinsteiger von denen in anderen Ländern?
Leo Marty*: Die Welt ist mittlerweile sehr durchmischt. Es ist schwierig, diese Differenzen aufzuzeigen. Zusammenfassend würde ich jedoch sagen, dass die Karrieretreiber für Schweizer sehr von den soften Faktoren getrieben werden als vom Streben nach Materialistischem. Letzteres sieht man hierzulande eher als Hygiene-Faktoren.

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Die Zahl jener, die ein Unternehmen gründen möchten, haben bei Männern leicht zugelegt, bei Frauen ist die Zahl weiter niedrig. Wie werden sich diese Zahlen in den nächsten Jahren entwickeln?
Die Studie zeigt die Zahlen, wie sie heute sind. Unterschiedliche Aspekte dämmen die Aspirationen von Schweizer Berufstätigen ein:  Kulturelle Befangenheit, die unternehmerische Freiheit und das konsequentere Durchsetzen vom Arbeitnehmerschutz, etwa die erhöhte Kontrolle von Arbeitnehmern durch ein- und ausstempeln führen dazu, dass einige Personen noch gehemmt sind, wenn es darum geht, ein eigenes Unternehmen zu starten. Wenn wir jedoch nach den langfristigen Karrierezielen fragen , dann kommt zum Vorschein, dass sich die Professionals doch irgendwann in Zukunft als Unternehmer sehen. Denn unternehmerisch kreativ und innovativ sein ist Nummer zwei der langfristigen Karrierezielen von Schweizer Arbeitnehmern, davor ist noch eine ausgeglichene Work-Life-Balance zu haben.

Schweizer Studenten haben kein Interesse an Führung, schreiben Sie in einer Auswertung der Universum-Studie. Wie stark steigt dieses Interesse im Karriereverlauf? Und sind Schweizer Studenten und Führungskräfte grundsätzlich weniger an Führung interessiert als in anderen Ländern?
Wenn wir diese Ergebnisse im Gesamtzusammenhang und aus einem holistischen Blickwinkel betrachten, so stellen wir fest, dass die Generationen Z und Y nach einem sogenannten Cultural Match bei ihrer nächsten Anstellung und beim nächsten Arbeitgeber suchen. Die harten Faktoren wie Salär und Prestige verlieren generell an Relevanz bei Arbeitnehmern und machen soften Faktoren Platz. Der Zweck, die Kultur und ein freundliches Arbeitsumfeld werden wichtiger. Auch die Forderung nach flexiblen Arbeitsbedingungen nimmt massiv zu. Der Fokus auf das Privatleben und Work-Life-Balance sind im Moment in aller Munde und werden als wichtiger eingestuft als das Hinaufsteigen einer Karriereleiter und das Besitzen eines Firmenwagens, was in Zukunft sowieso obsolet sein wird.

Und im internationalen Vergleich?
Betrachten wir Schweizer Arbeitnehmer im globalen Zusammenhang, so strebt die Schweizer Mentalität auch sehr nach Konsens. In den USA etwa oder auch in unterentwickelten Ländern stellen wir fest, dass das Streben nach Führung einen höheren Stellenwert hat. Führung wird dort oft auch als Wegbereiter für Status gesehen.

Die Work Life Balance bleibt das Nr. 1 Karriereziel. Beobachten Sie bei Firmen neue Massnahmen um diesem Wunsch zu entsprechen, oder bieten Schweizer Firmen da schon genug?
Ja, dieser Weckruf hat Schweizer Firmen erreicht. Der Start dieses Trends war eine Reaktion, um Business und Talente zu halten, dies kam nicht aus philanthropischen Gründen. Gute Beispiele sind z.B. Swisscom und Axa, welche eine Umgebung schaffen, die Kreativität und das Wohlbefinden von Mitarbeitern fördert. Axa nimmt dieses Thema sehr gekonnt in ihrer Flexwork-Kampagne auf. Sogar McKinsey erlaubt es Firmen, ein Sabbatical zu nehmen während dies für viele Beratungsfirmen noch unvorstellbar ist. Ikea geht noch viel weiter und erlaubt ein Job Sharing bei Management Positionen für arbeitende Eltern. Dies ist wohl die greifbarste Lösung und übertrifft damit Erwartungen an Führung und Privatleben. Und ja, sie garantieren auch dieselben Benefits für Frauen und Männer.

Also gibt es keinen Kritikpunkt?
Auf der anderen Seite bin ich immer wieder überrascht, wie manche Firmen Benefits nur scheinbar und von Aussen aufbessern. Wer möchte jedoch von zu Hause aus arbeiten im Wissen, dass das Management dies nicht gutheisst und selber auch nicht von diesen Benefits profitiert und profitieren kann? Wir sehen immer noch eine grosse Differenz zwischen Firmenkulturen, welche ihre Mitarbeiter zu Vielem ermächtigen und konservativen Firmenkulturen, welche damit ringen, ihren Mitarbeitern zu vertrauen.
 

*Managing Director Switzerland & Austria, Beratungsfirma Universum.