Stolze Worte verlas Daniel Vasella an der Generalversammlung vor wenigen Tagen. «Früher wurden wir für unsere Strategie kritisiert. Heute werden wir häufig imitiert», sagte der Novartis-Präsident, sorgsam eingeflochten in seine Rede - ein perfektes Werk seines Ghostwriters.

Vasella ist mit seinem Rückgriff auf Schreib- und Sprachhelfer in bester Gesellschaft. Auf ihre Dienste verlässt sich heute jeder Top-Manager: Josef Ackermann etwa bekommt seine Sätze auf den Teleprompter gespielt, als er eine Dankesrede beim Atlantic Council in Washington hält. Auch als UBS-Chef Oswald Grübel an der Medienkonferenz das Zukunftsbild der Grossbank zeichnete, verliess er sich mehrheitlich auf das Werk der Schreiber im Hintergrund.

Ihre Namen nennt keiner, öffentlich gesehen werden sie nie, aber mit ihren Werken sind die Ghostwriter immer dabei. Keine Rede, kein Aufsatz, kein Statement, die nicht an ihrem Schreibtisch erdacht wurden. Wenn etwa beim St. Gallen Symposium die Firmenchefs im Zwanzigminutentakt ans Podium treten und ihren Redetext aus der Jackentasche ziehen, waren zuvor die unbekannten Schreiber aus dem Off am Werk, oft stunden- und tagelang.

Nur Barack Obama durchbrach das eherne Gesetz «Rede über alles, nur nicht über deinen Ghostwriter». Der US-Präsident pries die Leistungen seines Redenschreibers in aller Öffentlichkeit und schob Jon Favreau vor die Kameras, damit die Nation weiss, wer für ihn vordenkt.

In der Wirtschaft aber ist derlei nicht üblich. Die Oberen tun so, als hätten sie sich alles selbst ausgedacht. Nur ein paar freie Schreiber, die für Verwaltungsräte, Konzernlenker und Top-Kader texten, lassen sich orten. «Die Nachfrage nach gutem Ghostwriting nimmt rapide zu», sagt Klaus Stöhlker, der seit über 20 Jahren die Gedankensplitter von Managern zu Rede- und anderen Texten veredelt. Dass die Auffassung des Zürcher PR-Beraters keine Einzelmeinung ist, zeigt eine Studie des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS), der auch viele Mitglieder in der Schweiz hat. «Eine Umfrage unter unseren 450 Mitgliedern ergab, dass die Nachfrage in den letzten fünf Jahren stetig gestiegen ist», sagt Vorstandsmitglied Natja Denk, die selbst als freie Profi-Ghostwriterin arbeitet. Auf die Frage, wie viele von zehn Fachartikeln von einem Autor aus der Chef-Liga eigenhändig verfasst worden seien, antwortet Schreiberin Denk deutlich: «Nicht ein einziger.»

«Der Zeitdruck in den Chefetagen ist immens», konstatiert Helmut Rodenhausen, Ghostwriter aus Meggen bei Luzern.Der atemlose, schnell getaktete Arbeitsstil im Management lässt keine Alternative zu. Deshalb lassen die Helfer die Köpfe rauchen. «Wird die Rede intern bei den firmeneigenen Redenschreibern in Auftrag gegeben, ist meist ein ganzer Tross von Mitwirkenden beteiligt», weiss Stöhlker.

Entsprechend fad sind die Ergebnisse. «Viele Köche verderben den Brei», wendet Stöhlker eine alte Weisheit auf das Redenschreiben an. «Wenn ein ganzer Stab am Werk war, ist das Ergebnis meist mässig.» Die Reden sind zwar fleissig erarbeitet worden, zigmal an sämtliche Regeln und Vorgaben des Konzerns angepasst und gegengelesen. «Heraus kommen langweilige, konturlose Vorträge ohne Höhen und Tiefen», bemängelt der Zürcher PR-Mann.

Gegen das allgemeine Grau der Wirtschaftsreden hilft Naturtalent. Dieses anzuwenden, bringen aber nur Aussenseiter fertig, die den Mut haben, auch mal ohne rhetorische Zuarbeiter ans Pult zu treten. Der letztes Jahr verstorbene Swatch-Gründer und Selfmademan Nicolas Hayek gehörte in diese Klasse. Er war einer der wenigen, dem es immer wieder gelang, Szenenapplaus für eine Business-Rede zu ernten.

Auch Konrad Hummler von der Bank Wegelin lässt Spontantalent durchscheinen: Er heimste schon im Jahr 2007 den ersten Platz auf der Liste der besten Redner der Schweiz ein, die der Zürcher Rhetorik-Trainer Harry Holzheu regelmässig aufstellt.

Aber es gibt auch einen anderen Weg zu mehr Originalität: Mancher Manager greift bewusst auf einen Ghostwriter zurück, der ausserhalb der intellektuellen Enge einer Konzernhierarchie steht.

Die 100 bis 200 Franken pro Stunde, die die Freien verlangen, sind gut angelegt. Für 4000 bis 8000 Franken erhält der Chef einen Redetext, mit dem er sich nicht nur nicht blamiert, sondern bei seinen Zuhörern richtig Punkte macht. Denn freie Schreibwerker können für Reden oder auch Fachartikel weiter ausholen, tiefer recherchieren, mehr Zeit in die Denkarbeit stecken.

«Der altmodisch erscheinende Besuch einer Bibliothek ist eine Quelle für gute Ideen», beschreibt Natja Denk ihr Vorgehen. Ghostwriter-Kollege Rodenhausen achtet zudem darauf, dass der Stoff nicht zu trocken herüberkommt: «Humor und Unterhaltungswert sind gute Zutaten, die auch Fachthemen auflockern.»

Und wie versichern sich die zeitgestressten Manager, dass ihnen der Ghostwriter keine geklauten Ideen oder Plagiate unterjubelt? «Das Vertrauensverhältnis ist wichtig», sagt Rodenhausen, «der Auftraggeber muss sich darauf verlassen können, dass der Ghostwriter mit lauteren Mitteln arbeitet.» Zu seinem Ethos gehört auch, dass Zitate immer als solche deklariert werden.

Auf diese Praxis setzt auch Natja Denk. Sie stellt zudem sicher, dass jede Information überprüft und Material aus dem Netz kritisch hinterfragt wird. Überdies bietet sie eine Versicherung gegen Zitateklau: «Ich lege meinen Auftraggebern immer meine Quellen offen. So können sie diese ihrerseits prüfen.»

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