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Arbeitswelt
Schreibtisch auf Zeit

Illustration von Andrea Caprez
Illustration von Andrea Caprez

Bürogemeinschaften werden immer beliebter. Sogar Grosskonzerne nutzen das Angebot.

Von Axel Gloger
28.08.2013, Aktualisiert am 01.09.2013

Obendrüber rumpeln im Minutentakt Züge und S-Bahnen Richtung Hauptbahnhof und Oerlikon, eine Etage tiefer findet die Zukunft der Arbeitswelt statt. Hier, unter den aus Stein gemauerten Bögen C, D und E des Aus­sersihler Viadukts, hat «The Hub» seine ­Geschäftsräume. Der Firmenname heisst übersetzt «Drehkreuz», und genau das beschreibt die Leistung: Projektarbeiter, Einzelberater, IT-Tüftler, Mikropreneure und Homeoffice-Flüchtlinge können sich hier im Grossraumbüro einen Arbeitsplatz mit Schreibtisch mieten.

The Hub ist das Stundenhotel der nomadischen Arbeitswelt. Angebote gibt es für den Tag, die Woche oder einen ganzen Monat. Der Kunde bekommt einen Stuhl, einen Platz am grossen Tisch zum Arbeiten, Zugang zu WLAN und Espresso­maschine. Wer für zwei Tage pro Woche im Hub sein Büro aufschlägt, kommt auf 225 Franken im Monat, die Drei- bis Viertagewoche kostet 350 Franken monatlich. Wer den Konferenzraum nutzt, zahlt extra.

Wie ein Buschbrand um die Welt

Der Schreibtisch zum Mieten, das war einmal eine verrückte Idee. Kleiner Rückblick: Im Jahr 2006 hat Tara Hunt die Nase voll von ihrer Arbeit im Homeoffice, irgendwo in einem Einfamilienhaus in San Francisco. Sie suchte einen Ausweg. «Das nachbilden, was es ausmacht, in einer coolen Company wie Google oder Apple zu arbeiten», sagt sie in einem Interview über den Anstoss, erstmals auf der Welt das ins Leben zu rufen, was heute Co­working Space heisst. «Wir wollten tiefe Be­ziehungen zu anderen Wissensarbeitern knüpfen, bei der Arbeit nicht einsam sein.» Mit zwei Mitstreitern legte sie den Citizen Space auf Kiel: Ein paar Räume, Tische, Stühle, WLAN, eine Preisliste – fertig ist der Coworking Space. Das Credo des Citizen Space ist bis heute geblieben: «A nicer Place to work», übersetzt: Ein schönerer Platz zum Arbeiten.

Seit Hunts Gründung hat sich viel getan. Das Konzept hat sich mit dem Tempo eines Buschbrandes im Wind rund um den Globus verbreitet und ist längst auch in Ländern wie in Deutschland und der Schweiz angekommen. Der Markt wächst bis heute weiter. Zwar ist Coworking noch eine junge Branche, aber in den sieben Jahren ihres Bestehens stieg die weltweite Zahl der Standorte von einem auf 2500. So ist The Hub unter den Viaduktbögen in Zürich die Niederlassung eines Dienstleisters, der sich in wenigen Jahren zum weltweit tätigen Coworking-Multi ent­wickelt hat. Auf den Namen «The Hub» hören heute 50 Standorte auf vier Kontinenten.

Das ist eine beachtliche Entwicklung in einer Branche, von der bis vor kurzem nur ein paar Eingeweihte wussten. Ein Jahr nur liegt es zurück, dass die Zahl der Coworking Spaces erst bei 1200 lag, also nur halb so hoch wie heute, ermittelte die Studie «Global Coworking Census 2013» des Branchenportals deskwanted.com. Dieses fusionierte eben mit dem Portal Immobilienscout24. Insider rechnen damit, dass die stürmische Expansion der kollektiven Büros weitergehen wird. «Jedes Jahr verdoppelt sich die Anzahl der Coworking Spaces», sagt Joel Dullroy, Gründer von Deskwanted.

Auch in der Schweiz ist die Bewegung längst heimisch. Nach einer aktuellen Schätzung gibt es 30 Coworking Spaces im Land. «Coworking hat sich etabliert», meldet Startwerk.ch, ein Gründerblog aus Zürich, «während vor zwei Jahren die Raumangebote noch spärlich gesät waren, hat sich inzwischen die Zahl der Spaces mehr als verdoppelt.» In jeder grösseren Stadt finden Flex-Arbeiter inzwischen ihre Heimstatt. Zürich ist der Schwerpunkt der heimischen Coworker-Szene, aber auch in Basel, Bern, Zug, St.Gallen, Luzern sowie in der Westschweiz haben Coworking-Spaces ihre Türen geöffnet.

Pionier inspirierte sich in San Francisco

Angefangen hat alles bei Jürgen Rohner. Er ist der Pionier der hiesigen Be­wegung. Der Typograph und Gestalter ­betreibt heute den Citizen Space in der Zürcher Heinrichstrasse 267; der Firmenname ist nicht zufällig gewählt. «Ich habe den Citizen Space in San Francisco kennen gelernt – und das Konzept sofort für Zürich übernommen», beschreibt er die Quelle seiner Idee. Im Jahr 2007 ging er an den Markt, weit vor allen anderen, die heute das Geschehen mitbestimmen.

Der Grund für den frühen Start war pragmatisch. «Ich mag hohe Räume, hier arbeite ich gerne.» Für sein eigenes Geschäft konnte er die Halle einer ehema­ligen Fabrik mieten. Aber er bekam mehr Fläche, als er selbst mit seiner Agentur nutzen konnte. Also machte er aus dem Rest Einzelarbeitsplätze, die er seither vermietet.

Die Nachfrage ist gross, für die 25 Plätze im Citizen Space gibt es meist 20 und mehr Nutzer. Das Tagesticket gibt es bei Jürgen Rohner für 30 Franken, die Woche kostet 170, ein ganzer Monat komplett 300 Franken. Solche Preise zeigen, dass Coworking konkurrenzlos günstig ist. Denn würden die Entwickler, Graphiker, Illustratoren, Texter, Journalisten und Programmierer für ihre Arbeit ein konventionelles Büro mieten, kämen sie auf mindestens 1500 Franken Kosten im Monat, allein für die Miete.

Diese Botschaft ist inzwischen sogar bei den Grosskonzernen angekommen. «Wenn sie Projekte anschieben oder einen neuen Standort aufbauen wollen, mieten sie für ihre Mitarbeiter erst einmal Arbeitsplätze im Coworking Space», berichtet Unternehmer Rohner. Das spart nicht nur Kosten, auch die Ressourcenbindung ist minimal: Lange Bindefristen gibt es in diesem Geschäft nicht. Wer den Schreibtisch morgen nicht mehr braucht, bestellt ihn einfach ab.

Überdies beseitigt die Dienstleistung den Einsamkeits-Faktor: Die meisten Co­working Spaces sind dort, wo das urbane und kommerzielle Leben spielt. Zudem ist das kollektiv genutzte Grossraumbüro ein idealer Humus, auf dem Kontakte wachsen. Keiner muss, wie ein einsamer Homeoffice-Nutzer, seinen Kaffee alleine trinken. Distanz gibt es im Coworking nicht, der nächste Wissensarbeiter ist meist nur eine Armeslänge entfernt. Das begünstigt schnelle Geschäftskontakte und Freundschaften, was von den Betreibern der Schreibtischfarmen durchaus animiert wird: Über Events liefern die Dienstleister den sozialen Kitt, den auch die flexible ­Arbeitswelt braucht.

Wie das geht, zeigt ein Blick in das kontinentaleuropäische Drehkreuz der Coworking-Szene, nach Berlin. Beim dortigen Betreiber von Mobilesuite steht ­einmal in der Woche der Punkt «gemeinsames Frühstück» auf der grossen Ankündigungstafel. Dann lassen Simon Schier und Philipp Roth, Betreiber dieses Coworking Space, in ihrem Räumen den Tisch decken. Sie stellen frische Brötchen, Kaffee und Cornflakes bereit – und laden alle Nutzer ein, vor der Arbeit im lockeren Gespräch Kontakte zu knüpfen. «Um die 25 Gäste kommen zu diesen Anlässen», sagen die Geschäftsführer.

Auch für die, die es geschäftlicher haben wollen, gibt es einen Kanal für Kontakte. «Demoday» nennen Schier und Roth das, was sie einmal im Monat im Dienste des Networking anbieten: Vier oder fünf «Member», wie die Nutzer im Jargon der Mobiliesuitler genannt werden, stellen ihr Geschäft vor. In Zehn-Minuten-Präsentationen können sie Firma, Produkt und Leistungen erklären. «So ­erfahren die ‹Member›, was der Coworker am Nebentisch macht. Das schafft manchen Anknüpfungspunkt fürs Geschäft», erläutert Co-Chef Schier.

Auch das Betahaus macht Angebote, die einem Robinson-Club im Businessformat nahekommen. Der Coworking-Anbieter, der in Zürich bereits eine Filiale testete, ist der grösste Anbieter auf dem Berliner Markt. Hier gibt es nicht nur das Frühstück für alle Schreibtischmieter («Betabreakfast») oder einen monatlichen Apero-Anlass («Betabeer») – sondern auch jede Menge Kurse und Workshops für die Nutzer. Von «Lampen aus Pappmaché selber bauen» über «Projektfinanzierung» bis zu «Personal Coaching» reichen die Themen.

All diese Angebote zeigen: Reinkommen, arbeiten und wieder gehen, das allein soll es nicht gewesen sein. Von den Nutzern wird dieser familiäre Ansatz sehr geschätzt, wie eine Äusserung von Coworker Marco Peise zeigt, der an seinem Startup arbeitet. «Wenn ich ein ­Problem habe, mit dem ich nicht weiterkomme, finde ich immer jemanden, mit dem ich sprechen kann», freut sich der Gründer.

 

Coworking Spaces: Wie eine Mitgliedschaft im Fitness-Studio

Funktionsweise
Coworking Spaces sind gemeinschaftliche Büros und Räume, die von verschiedenen unabhängig voneinander agierenden Personen und Firmen als Hauptarbeitsplatz benutzt werden. Verbindungen unter den Nutzern entstehen durch ähnliche Werte und sich häufig ergänzende Fähigkeiten. Kontakte unter den Nutzern werden von den Coworking- Anbietern animiert.

Nutzer
Coworker arbeiten eigenverantwortlich in wechselnden Projekten und sind Selbstständige, Berater, IT-Fachleute, Werber, Existenzgründer oder Angestellte von Grossunternehmen, die in flexiblen Arbeitsumgebungen tätig sind.

Infrastruktur
Internet (WLAN), Schreibtisch, Kaffeemaschine, Konferenzraum, Telefon und Drucker gehören zur Grundausstattung der meisten Coworking Spaces.

Preise
Der erste Coworking Space eröffnete im Jahr 2006 in San Francisco, USA. Heute gibt es weltweit rund 2500 Standorte, davon 1160 in Europa. Ihre individuellen Ausstattungen mit Küchen, Personal usw. sind im Internet ersichtlich. Bezahlt wird die Nutzung eines Coworking Space nach einem Mitgliedschaftsmodell ähnlich wie in einem Fitness-Studio. Die Preise variieren je nach Standort und Dauer der Nutzung. Teambüros und Konferenzräume werden gesondert abgerechnet.

 

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