Wer mit seinem Unternehmen, dem Job, der Liebe, dem Fitnesstraining oder dem eigenen Leben nicht zurande kommt, muss nicht verzweifeln. Coaches für jede Lebenslage warten gleich um die Ecke. Vor allem jene Hilfsbereiten, die unsicheren, gestressten oder ratlosen Managern unter die Arme greifen, tummeln sich zahlreich auf dem Markt. Und sie zeigen sich überzeugt von ihren Fähigkeiten. «Unsere Möglichkeiten sind grenzenlos», wirbt ein Business Coach vollmundig, «und Sie können diese Grenzenlosigkeit für sich schaffen.»

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Für das Wohl der Manager ist also bestens gesorgt. Zumindest lässt dies das Angebot vermuten. Wären da bloss nicht ein paar Tausend, die sich selber zum Coach ernannt haben und das Blaue vom Himmel herunter versprechen. Da gibt es Anbieter, die ihre Sitzungen in die freie Natur, zu Wölfen und Pferden verlegen, andere bemühen «die Radionik», «eine Schnittstelle zwischen der Raum-Zeit-Struktur und dem Hyperraum». Es gibt Tarot-, Hypnose-, Tantra-, Aufräum-, sogar Fruchtbarkeits-Coaching. Was es nicht gibt, ist allerdings eine geschützte Berufsbezeichnung. Trotzdem können Hilfesuchende einen seriösen Coach von anderen unterscheiden. Er preist sich nicht als Heilsbringer, spielt sich nicht als Psychiater auf, kennt seine Grenzen und lässt sich supervisieren.

Immerhin wurde der Wildwuchs in der Branche etwas eingedämmt. Der Berufsverband für Coaching, Supervision und Organisationsberatung (SBO) hat 20 Schulen zertifiziert, deren Absolventen sich Supervisor oder Coach mit dem Zusatz BSO nennen dürfen, sofern sie auch noch dem Verband beitreten. Sie müssten im Unterschied zu vielen anderen wenigstens wissen, was Coaching ist und erreichen kann.

Wichtig für Führungskompetenz

Das ist nicht wenig. Simone Kauffeld, Professorin an der Technischen Universität Braunschweig, sagt: «Coaching ist ein Prozess, in dem der Coach mit seinem Klienten zusammenarbeitet und ihn darin unterstützt, seine Leistung zu steigern, sich beruflich und persönlich zu entwickeln sowie ein erhöhtes Mass an Selbstreflexion und Wohlbefinden zu erreichen.» Das ist so vielversprechend, dass vor allem grosse Unternehmen Coaching als Teil der Führungskräfte-Entwicklung anbieten: Daimler, SwissRe, auch die Division Personenverkehr der SBB. «Für die Führungskompetenz ist das sehr wichtig», sagt Doris Matyassy, Leiterin Human Resources. Wenn jemand in eine neue Position kommt, anspruchsvolle Führungsaufgaben anstehen oder mit der Rolle als Vorgesetzte oder Vorgesetzter Mühe bekundet, wird ihm ein Coaching empfohlen. Andere, die seit langer Zeit in einer Führungsposition sind, brauchen vielleicht ein Coaching im Sinne einer Reflexion über ihr Verhalten. Es gibt Mitarbeitende, die damit Mühe haben, die das Coaching anfänglich wie eine Strafe für fehlende Führungsqualitäten ansehen. Die allermeisten nehmen dies jedoch als Chance wahr, sich zu verbessern.

Es gibt aber Unternehmen, die das Coaching «für ihre Interessen instrumentalisieren wollen oder es als Alibifunktion einsetzen», sagt Monika Aeberli. Sie hat an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften eine Arbeit über «Risiken und Nebenwirkungen von Coaching» geschrieben und dafür Supervisoren von Coaches befragt. «Die Interessen von Auftraggeber und Coachee, dem Klient, sind nicht immer identisch», sagt eine Supervisorin. Wenn ein Chef lediglich will, dass der Mitarbeiter wieder funktioniert, kann das Coaching ganz schön danebengehen. «Unser Auftrag ist es nicht, einfach Rädchen zu ölen, sondern diese Leute zu befähigen, autonomer funktionieren zu können», so die Supervisorin. Coaching könne keine Probleme lösen, welche die Organisation selber habe.

Verheerende Missbräuche

Seriöse Coaches wissen, was sie können und was nicht. Sicher sind sie keine Psychotherapeuten, auch wenn sich einige dazu berufen glauben. «Es ist verheerend, wenn einer halbpatzig Bescheid weiss und dann anfängt zu psychologisieren», sagt eine Supervisorin. Dazu kommt die Gefahr, dass Coaches «eigene Probleme auf andere projizieren, weil sie ihre eigenen Schattenseiten nicht kennen» oder die Klienten indoktrinieren wollen. «Wenn ein Coach jemandem etwas aufzwingen will, ist das ein narzisstischer Missbrauch für eigene Interessen», sagt sie.

Genau solche Missbräuche haben die Supervisoren jedoch beobachtet. Zudem haben sie eine ganz eigene Spezies von Coaches kennengelernt. Es sind jene, die sagen: Veränderung braucht Zeit, das dauert noch einmal zehn Stunden. «Sie machen aus dem Coaching eine Geldmaschine. Nichts verändert oder verbessert sich, aber sie haben einen permanenten Auftrag», sagt Aeberli.

Abzockerei, Guru-Gehabe, Aufforderung zum Seelen-Striptease sind deutliche Signale für Hilfesuchende, mit dem Coaching sofort aufzuhören. Ein guter Coach vereinbart Ziele und bespricht die Fortschritte. Wer sich im Besitz einer allgemeingültigen Wahrheit wähnt und meint, davon jeden Klienten überzeugen zu müssen, verdient kein Vertrauen. «Kumpelhaftes Gehabe, Verbrüderung und pseudophilosophische Weisheiten? Hände weg!», sagt Erik Lindner, Autor von «Coaching-wahn: Wie wir uns hemmungslos optimieren lassen». Und: «Ich würde mich jedenfalls nie von einem Coach betreuen lassen, der von sich behauptet, alles zu erfassen, und doch keinen Schimmer von der Welt hat, in der sein Klient lebt und arbeitet.»

Coaching in Zahlen: Eine Stunde für 185 Franken

Global Coaching Survey
Laut Global Coaching Survey erzielten im letzten Jahr 47500 Business Coaches weltweit einen Umsatz von 1,9 Milliarden Dollar. Für die Schweiz gibt es keine gesicherten Zahlen. Der Berufsverband für Coaching, Supervision und Organisationsberatung hat 1300 Mitglieder, davon bieten 1100 Coaching.

Studie Schweiz
Für ihre Studie «Schweizerischer Coachingmarkt 2011 aus der Sicht von Coaches» befragten Christine Seiger und Hansjörg Künzli von der ZHAW (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) 240 Coaches. Im Durchschnitt betreute jeder Anbieter zehn Einzelcoaching-Prozesse, die jeweils sieben Sitzungen zu eineinhalb Stunden dauerten und sich über sechs Monate erstreckten. Eine Stunde kostete rund 185 Franken, ein Einzelcoaching somit 1920 Franken.

Interview mit Monika Wastian, Leiterin Institut für Organisationspsychologie München

Warum sollten Manager einen Coach suchen, wo es doch Hunderte von Führungskursen gibt?
Monika Wastian: Coaching ist massgeschneidert und nachweislich sehr effektiv. Die Ziele und Methoden sind an die Bedürfnisse und Situation des Klienten angepasst. Auch der Zeitplan richtet sich nach ihm. So erreicht er schneller und kostengünstiger genau die Ziele und Erfolge, die ihm persönlich wichtig sind.

Aber ein Laie kann doch gar nicht sicher sein, dass er nicht einem Scharlatan aufsitzt.
Das ist tatsächlich schwierig. Aber gerade in grösseren Unternehmen haben die Fachleute in der Personalentwicklung oft Erfahrung in der Coach-Auswahl und können dabei unterstützen.

Ist ein Psychologiestudium das beste Kriterium für die Qualität eines Coaches?
Nicht unbedingt. Aber der Coach sollte einen sehr fundierten psychologischen Hintergrund haben und insbesondere ein breites Repertoire an psychologischen Methoden mitbringen.

Eine gute Psychologin kann also jeden Klienten coachen, egal ob es eine Produktionsleiterin, ein Vertriebschef oder ein Projektmanager ist?
Der Coach sollte mehrfach kompetent sein und auch Erfahrung mit dem Berufsalltag des Klienten haben und dessen Geschäft kennen. Im Idealfall hat er selbst schon in ähnlichen Funktionen gearbeitet. Zumindest aber sollte er umfangreiche Beratungserfahrung aus dem Umfeld des Klienten mitbringen.

Oft werden Coaches auf Empfehlung von Bekannten ausgewählt.
Das kann leicht schiefgehen. Jeder Mensch ist in einer anderen Situation, hat andere Bedürfnisse und Ziele, für die ein Coach je nach Persönlichkeit, Ausbildung und Erfahrung besser oder schlechter geeignet ist. Damit der Klient den Coach bekommt, der am besten zu seiner Persönlichkeit und zu seinem Anliegen passt, sollte er sich selbst ein Bild machen.

Wer kontrolliert den Coach und die Wirksamkeit der Massnahmen?
Ein guter Coach klärt Coaching- Ziele mit den Klienten ab, sodass diese selbst ihre Fortschritte erkennen und bewerten können. Sie haben damit auch die Möglichkeit, zu prüfen, woran sie und beispielsweise ihre Vorgesetzten erkennen würden, dass das Coaching erfolgreich war. Man sollte sich selber und den Coach an konkreten Ergebnissen und Fortschritten auf das Ziel hin messen und nicht allein an einem subjektiven Gefühl der Zufriedenheit. Gute Coaches haben ein Interesse daran, die Qualität ihrer Coachings zu sichern. Sie lassen sich deshalb supervidieren und bilden sich regelmässig weiter egal, wie erfahren sie sind.

Ihr Institut hat zur Qualitätssicherung ein grosses Forschungsprojekt durchgeführt.
Ja. Erste Ergebnisse haben wir letzten November auf einem Symposium präsentiert. Und gerade starten wir ein neues Coaching-Forschungsprojekt namens «Impact!». Es geht um Kommunikationsansätze für Change-Verantwortliche und Projektleiter, um Widerstände zu überwinden und andere für ihr Vorhaben zu begeistern.