MATS TILLY. Mats Tilly hat einen Traum. Keinen ausgefallenen zwar, sondern einen durchaus nachvollziehbaren: Ein eigenes grosses Haus für seine dreiköpfige Familie mit grossem Garten drumherum. Denn genau in so einer Umgebung ist er aufgewachsen, in der 140000 Einwohner zählenden Universitätsstadt Linköping, zwei Autostunden südwestlich von Stockholm. Er sagt, er habe eine durchaus angenehme Kindheit erlebt.

Seine Schwester, 14 Jahre älter als er, hatte es nicht immer leicht mit ihm, oder besser wegen ihm: Wenn sie ihn im Kinderwagen spazieren fuhr, «verjagte ich damit alle potenziellen Freunde». Doch das Verhältnis sei heute ungetrübt, beteuert Tilly. Auch ansonsten lief alles in wohlgeordneten Bahnen. Seine Mutter war Bankangestellte und sein Vater ein ausgesprochener Praktiker mit vielen Berufen. Mats Tilly liebte es, mit der Schwester und den Eltern den Sommer im eigenen Ferienhaus am Sandstrand in Südschweden zu verbringen – wovon viele seiner Landsleute nur träumen können. Und der junge Mats brachte es im Tennisspiel schon frühzeitig zu einer regionalen Spitzenposition und liebäugelte sogar zeitweise mit einer Profikarriere. Noch heute liebt er alle Arten von Ballspiel.

Karge Arbeitsumgebung

Um auch im Schweizer Markt am Ball zu bleiben, will Tele2 im Consumer-Bereich mit niedrigen Preisen und einfachen Tarifplänen auftrumpfen. Und dieses Kostenbewusstsein wird im ganzen Konzern hochgehalten. Entsprechend kühl ist sein Arbeitsplatz. Er hat ein unscheinbares Pult am Rand eines absolut schmucklosen Grossraumbüros an der Hardturmstrasse in Zürich, die ohnehin einen eher spröden Industriecharme versprüht. Der einzige «Schmuck» ist ein Gummibaum in der Nähe seines kleinen Schreibtisches – ein künstlicher Baum. Gemütlichkeit kommt in diesen grauen Wänden wirklich nicht auf. Aber das scheint ihn keineswegs zu stören.Immerhin verbringt er die Wochenenden zu Hause und nicht im Büro. Allerdings nimmt er sich gelegentlich Arbeit mit, und es stört ihn auch nicht, wenn ihn seine Mitarbeiter auch mal am Wochenende anrufen: «Das Geschäft muss doch weitergehen, und da kann schon ein kurzer Anruf sehr nützlich sein.» Auch sein Chef rufe ihn manchmal am Wochenende an. Und das ist keine Zumutung? Mats Tilly hält dagegen: «Aber wenn es doch wichtig ist?»

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Nur die Richtung vorgeben

Seine Funktion als Chef sieht er klar: Er sei für die Strategie im Land verantwortlich, er gebe die Richtung vor und stelle Aufgaben. Wie seine Leute dies umsetzen, möchte er möglichst ihnen überlassen. Und bei Misserfolgen? «Dann kläre ich zunächst ab, wo der Fehler liegt, bevor ich Massnahmen ergreife. Und wenn jemand Fehler macht, der sich anstrengt, kann ich das tolerieren und mit den Betroffenen nach Lösungen suchen. Jeder verdient eine zweite Chance.»Wie schätzt sich Tilly selber ein, wie glaubt er, sehen ihn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? «Ich denke, ich bin fair, manchmal vielleicht etwas stur. Ich bin aber auch flexibel, kann zuhören und habe ein offenes Ohr für Argumente.» In den Tele2-Büros sind alle per du – das kennt Tilly aus Schweden. Dort gilt Siezen als formelhaft.Und er fühlt sich nur zu gern herausgefordert, nicht nur beim Erlernen von Sprachen. Dass er grosse Aufgaben meistern kann, hat er vor kurzem in Kroatien bewiesen (wo er für sich die mediterrane Fischküche entdeckte): Dort stieg der Tele2-Marktanteil im Mobilfunk unter seiner Führung innerhalb eines Jahres von 0 auf über 8%. Womit klar sein dürfte, wohin die Reise bei Tele2 geht und warum man ihn für diesen Job berufen hat.Mats Tilly fordert seine Leute immer wieder dazu auf, über ihre beruflichen Fehler zu sprechen und sie zu akzeptieren – denn aus ihnen könne man schnell lernen und weiterkommen. Es gibt sogar konzerninterne Tele2-Sitzungen, an denen das Haupttraktandum begangene Fehler seien. Was er gar nicht mag: Problemlösung per E-Mail. «Das kann ins Desaster führen», warnt er, denn E-Mails seien oft der Grund für neue Missverständnisse. Und Leute könnten sich ändern, man müsse ihnen nur frühzeitig die Chance dazu geben. Auch er ändere sich.

Leben für die Familie

Eines aber ändert sich nicht bei ihm: Sein Traum vom attraktiven Haus mit schönem Garten in Zürich. Ihn will er sich bald erfüllen. Es klingt fast wie ein Aufruf an die Liegenschaftenmakler. Wenn das kein Zeichen von Verbundenheit mit dem Gastland ist.Mats Tilly ist ein Familienmensch. So bedeutet ihm Geld vor allem deshalb etwas, weil er damit die Familie unterstützen kann. Die wichtigsten Menschen sind für ihn die Familie, und ein prägendes Erlebnis sei die Geburt seiner Tochter gewesen, sagt er. Er würde gerne Medikamente gegen Krankheiten erfinden, und sein persönlicher Albtraum sei, «dass ein Familienmitglied oder ich selbst sehr krank würde». Womit erholt er sich von der Arbeit? «Mit einem aktiven Privatleben.» Und was ist wohl seine Lieblingsbeschäftigung? Reisen mit seiner Familie …Wenn er mit Schweizern spricht, läuft die Unterhaltung in Englisch ab – was Mats Tilly als seine «grösste Sorge» bezeichnet: Sein Deutsch reiche einfach noch nicht. Und mit seiner Frau, einer Estin und gelernten Finanzfachfrau, sowie seiner Tochter spricht er Schwedisch. Deutsch ist also daheim kein Thema.

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Möglichst schnell Deutsch lernen

Doch er will schnell Deutsch lernen, und wer sich in seiner Gegenwart mit anderen auf Schweizerdeutsch unterhält, kann durchaus mit einer passenden Bemerkung von seiner Seite rechnen. So schlecht kann sein Deutsch, auch sein Schweizerdeutsch, also nicht sein; aber Tilly winkt ab und bleibt lieber bescheiden: «Deutsch und Schweizerdeutsch sind zwei verschiedene Sprachen, und das ist eine grosse Herausforderung.»Für Tilly ist die Schweiz trotzdem keine Durchlaufstation, wie er versichert. Und dass die Familie derzeit noch kein Haus gekauft habe, sondern noch in Miete wohne, will er nicht als Indiz für den Job-Hopper Tilly verstanden wissen. Sein Argument ist entwaffnend sachlich: Das sei doch eine grosse Investition, und bis jetzt kenne er den Schweizer Markt noch zu wenig, um sicher sein zu können, dass er das Richtige kaufe.Auch den Einwand, Tele2 habe sich kürzlich von nicht rentablen Landesniederlassungen getrennt, und auch in der Schweiz laufe die Liberalisierung der letzten Kupfermeile in die Telekom-Haushalte nur sehr schleppend, lässt er nicht gelten: Zwar gebe es nur sehr wenig Wettbewerb, aber er habe in der Schweiz ehrgeizige Ziele. Und dass die nicht so schnell erfüllbar seien, wüssten auch seine Vorgesetzten in Stockholm.

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Zurückhaltende Mimik

Vielleicht liegt seine vermeintliche Kühle und Distanziertheit ja daran, dass er sich in der Schweiz nicht in seiner Muttersprache äussern kann und so beim Übersetzen zusätzliche Reflexion stattfindet. Jedenfalls wirkt er äusserst ausgeglichen und ruhig, was gelegentlich als «gelangweilt» missverstanden wird. Tatsächlich, gibt er zu, sei er nicht der eruptive Typ, der schnell Gefühle zeige.Manchmal, gesteht er ein, empfinde er es als Mangel, dass man seinem Gesichtsausdruck und seinem Verhalten seine Stimmung nicht unbedingt anmerke. Dazu passt, dass er die Frage danach, wann er das letzte Mal geweint habe, mit Zwiebelschneiden beantwortet. Ja, diese Beherrschung mache es für sein Team schwieriger, ihn einzuschätzen. Aber er betont: Die Gefühle seien durchaus da.