Die Herren mit grauen Schläfen kommen in sportlichen Jackets zur Delegiertenversammlung. An den Klubausflügen nehmen sie gerne ihre Begleiterinnen mit. Junge Gesichter sind in den Serviceklubs aber selten zu sehen. Kein Wunder, stellt sich der Doyen unter diesen Klubs die immer drängendere Frage: «Wie schaffen wir es, dass Rotary als Heimat der Älteren auch Heimat für die Jüngeren wird?»

Bruno Glaus, der eben abgetretene Verantwortliche der Rotary-Region Ostschweiz, Graubünden und Liechtenstein, findet klare Worte: «Die junge Generation braucht den ‹Stammtisch der Lokalmatadoren› kaum, die ‹Dinosaurier-Kultur› Bestandener und Altgedienter nicht unbedingt.» Zu diesem Fazit kommt Glaus in der Mai-Ausgabe des Rotary-Magazins, nachdem er 74 Klubs besuchte. «Vor allem in den Städten gibt es jede Menge von Netzwerkmöglichkeiten für die jüngere Unternehmergeneration.» Neue Klubs wie der Zürcher Hub, dem nachhaltiges Wirtschaften am Herzen liegt, Klubs ohne feste Präsenzauflagen, aber mit wechselnden interessanten und aktuellen Vorträgen, Partys nach Büroschluss und sportlichen Wettbewerben sowie Arbeitgeberorganisationen stehen heute hoch im Kurs. Daneben gibt es Alumni-Clubs, Feste der Hoch- und Fachhochschulen und der Business-Schulen, die alle das Ziel verfolgen, sich besser zu vernetzten.

«Es gibt Rotary-Mitglieder, die genug haben von vielem – und es gibt solche, vor allem junge, die mehr wollen als das Bisherige: Mehr Vision, mehr Vielfalt, mehr Tiefgang, mehr Inhalt, mehr Verbindlichkeit und mehr Verbundenheit – und nicht nur auf dem Papier.» Nicht jeder sagt es so deutlich wie Glaus.

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Die Gründe für die Überalterung in den Serviceklubs sind vielseitig. Allein die Tatsache, dass sie an gewissen Anlässen noch immer ein separates Programm für Damen organisieren, bringt junge Männer ins Grübeln und macht auch keiner modernen jungen Businessfrau wirklich Lust, dabei zu sein. Junge Menschen suchen vor allem Netzwerke zur nachhaltigen Inte­gration in den Arbeitsmarkt. Philippe Hertig, Chef von Egon Zehnder International, stellt bei der Rekrutierung von Führungskräften fest, dass es vor zehn, fünfzehn Jahren üblich war, im Lebenslauf zu erwähnen, welchem Klub man angehörte. Heute fehle ein solcher Hinweis gänzlich.

Auf Nachwuchspirsch

Warum es nicht so einfach ist, jüngere Menschen zwischen 25 und 45 Jahren in eine Organisation einzubinden, die Präsenz und Engagement erfordert, hat auch mit dem persönlichen und beruflichen Lebensweg zu tun. In dieser Phase stehen markante Schwerpunkte im Zentrum der Lebensgestaltung: Die Gründung einer Familie, der Aufbau der Karriere, oft verbunden mit Auslandaufenthalten und Weiterbildung.

Trotzdem stellt sich die Wertefrage immer häufiger, betont Ursula Guillebeau, Kommunikationsbeauftragte von Lions. Das habe zusammen mit der Finanzkrise zu einem Umdenken beigetragen. Lions gründe laufend neue Klubs, vor allem gemischte. Dank dem Potenzial an neuen Mitgliedern, vor allem unter Frauen und gut ausgebildeten Jüngeren, sei in den vergangenen zehn Jahren der Mitgliederbestand um jährlich etwa 2 Prozent gewachsen. Lions macht nun erste Erfahrungen mit den Sozialen Medien. Es gibt bereits Projekte, die vorwiegend digital und via Skype vorbereitet werden. Vorher müssen aber die persönlichen Kontakte und das Vertrauen erst einmal aufgebaut werden, sagt Guillebeau.

Rotary betont, dass die Bedeutung von gesellschaftlichem Beisammensein, Networking über die Berufsklassen hinweg, Freundschaften, Prestige, Engagement für zahlreiche Projekte, Aktionsgruppen weiterhin wichtige Pfeiler sind. Eine besondere Rolle unter den zahlreichen Studien- und Jugendprogrammen spielt Rotaract, das von Rotary gesponserte Programm für junge Leute im Alter von 18 bis 30 Jahren, Die Klubs von Rotaract sind oft an Universitäten beheimatet und zählen zu den populärsten Rotary-Angeboten.

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Michael McQueen, Sozialforscher und Autor des Buches «The New Rules of Engagement» sagt, wie man die junge Generation Y ansprechen kann: «Erklären Sie nicht, wie Rotary funktioniert – erklären Sie das Warum.» Diese Generation ist mit dem Internet aufgewachsen, weiss wegen ihrer internationalen Kontakte über globale Anliegen Bescheid, kann etwas bewegen und ist sozial engagiert. McQueen rät daher zur Nutzung multimedialer Hilfsmittel und Videos und zum verstärkten Einsatz von Websites.

Neues Image erarbeiten

Doch die Technik kann nicht alles richten. Philippe Hertig sieht als Lösung noch weit mehr, nämlich eine strategische Neuausrichtung der Serviceklubs. Für ihn hat die Bedeutung von Ethik und Regelbefolgung (Compliance) in der Arbeitswelt enorm an Bedeutung gewonnen. Genau hier könnten die Serviceklubs andocken und ein neues Image erarbeiten. Statt an einzelne Personen könnte Rotary sich an Firmen wenden und sie fragen, was sie wirklich tun, statt Phrasen und Vorsätze in ihrem Verhaltenskodex auf Papier zu drucken.

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Serviceclubs Schweiz: Traditionsreich und projektorientiert

Kiwanis
Gegründet 1915 in den USA, 1963 in der Schweiz, 7000 Mitglieder, Frauen seit 1987, Durchschnittsalter 58 Jahre. Aktivitäten: Hilfe für Kinder in Albanien.

Lions
Gegründet 1917 in den USA, 1948 in der Schweiz, 64 gemischte Klubs, 11 Damenklubs, 9600 Mitglieder, Alter im Schnitt 57 Jahre. Aktivitäten: Naturschutz, Hilfe für Bergbauern, PC-Kurse für junge Blinde.

Rotary
Gegründet 1905 in den USA, 1924 in der Schweiz, 12000 Mitglieder, Durchschnittsalter 60 Jahre. Rotaract: Hilfe für junge Arbeitslose, Arbeiten für Mobilitätsbehinderte.