Turbulente Zeiten für den angeschlagenen französischen Netzwerkausrüster Alcatel-Lucent: Das Unternehmen ist wieder mal auf Chefsuche und schloss 2012 erneut mit tiefroten Zahlen ab. Abschreibungen, die Krise in Europa und der scharfe Wettbewerb in der Branche sorgten im vergangenen Jahr für einen Milliardenverlust.

Konzernchef Ben Verwaayen sieht sich offenbar nicht mehr in der Lage, das Ruder bei dem 2006 aus der Fusion von Alcatel und Lucent entstandenem Unternehmen rumzureissen und geht. Er ist damit am schweren Erbe seiner illustren Vorgängerin Patricia Russo gescheitert. Die Amerikanerin hatte die Fusion der beiden Konzerne initiiert und musste knapp zwei Jahre danach wegen der vielen Probleme gehen.

Nacholger gesucht

«Nach fast fünf Jahren ist es an Zeit, zu reflektieren», sagte Verwaayen in Paris. «Aktuell stehen Vollzug, Vollzug und noch mal Vollzug ganz oben auf der Aufgabenliste. Möglicherweise ist das nicht meine natürliche Stärke und möglicherweise braucht das Unternehmen frischen Wind.» Der 60-jährige Niederländer will daher seinen im Mai auslaufenden Vertrag nicht verlängern. Der Verwaltungsrat ist jetzt auf der Suche nach einem Nachfolger. Verwaayen bleibt aber so lange an Bord, bis einer gefunden ist.

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Nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg kommt das vielen Mitgliedern im Verwaltungsrat gelegen. Ihnen ging der Umbau des Konzerns zu langsam über die Bühne. Einem Bericht des «Wall Street Journal» zufolge hatte es aber auch einige Unterstützer im Aufsichtsgremium gegeben, die Verwaayen jüngste Erfolge wie die Sicherung frischer Bankkredite zuschreiben. Zudem habe er zumindest operativ einige Fortschritte erzielen können.

Letztendlich gelang es ihm aber auch nicht, die Probleme bei dem fusionierten Konzern aus dem Weg zu räumen und die Forschungs- und Entwicklungsausgaben in Milliardenhöhe in Profite umzuwandeln. So gelang ihm in seiner Amtszeit nur ein Jahr mit einem Gewinn - das war 2011. Vergangenes Jahr rutschte Alcatel-Lucent dann wegen einer Milliardenabschreibung und einem Umsatzrückgang wieder ins Minus.

Umsatz ging um sechs Prozent zurück

Beim Umsatz verzeichnete der Konzern 2012 einen Rückgang um knapp sechs Prozent auf 14,5 Milliarden Euro. Die grössten Probleme hat das Unternehmen in Europa. Dort brachen die Erlöse um 16 Prozent ein. Unter dem Strich stand ein Minus von 1,37 Milliarden Euro. Insgesamt hat der Konzern seit seiner Fusion Verluste von insgesamt zehn Milliarden Euro angehäuft. Verwaayen hatte Mitte 2012 reagiert und das bereits laufende Sparprogramm noch mal forciert. Dabei sollen gut 5000 der rund 76000 Stellen wegfallen.

Zu schaffen macht Alcatel-Lucent vor allem der harte Konkurrenzkampf in der Telekombranche und die sich eintrübenden Wirtschaftsaussichten. Besonders in Europa halten sich Telekomunternehmen mit Aufträgen zum Netzausbau zurück. In der Netzausrüsterbranche werden die Franzosen zwischen dem schwedischen Marktführer Ericsson und chinesischen Günstiganbietern wie Huawei und ZTE in die Zange genommen.

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Am Aktienmarkt kam der Rückzug Verwaayens zunächst gut an. Das Alcatel-Lucent-Papier, das während seiner Amtszeit um rund 70 Prozent gefallen war, zog zeitweise um mehr als zehn Prozent an. Zuletzt kam die Aktie wieder etwas zurück und legte am Nachmittag noch um knapp drei Prozent auf 1,32 Euro zu. Der Anteilschein setzte damit seinen jüngsten Erholungskurs fort. Im Oktober hatte das Papier noch weniger als 80 Cent gekostet.

(muv/chb/awp)