Der Dachverband der Schweizer Milchproduzenten (SMP) verliert seine Verbandsspitze: Präsident Peter Gfeller und Direktor Albert Rösti treten zurück. In der Kritik stehen vorab regionale Vorstandsmitglieder, die Entscheide «hintertrieben» und «unterlaufen» hätten. Gfeller und Rösti sahen sich zunehmend handlungsunfähig.

«Im Vorstand habe ich mich je länger je mehr als unerwünschter Präsident gefühlt», sagte Peter Gfeller vor den Medien in Bern. Das Vertrauen sei nicht mehr da. Er habe beschlossen, sich nicht jagen zu lassen, sondern zu gehen, so lange er noch selbst entscheiden konnte. Gfeller hatte sein Amt seit 2004 inne und gibt es auf die Delegiertenversammlung vom Frühjahr ab.

Mit Direktor Albert Rösti geht auf Ende August auch der zweite starke Mann an der SMP-Spitze. Die Arbeit im aktuellen Umfeld habe ihm in den letzten Monaten zu schaffen gemacht, sagte er. Ein zielgerichtetes Arbeiten sei «schwierig, um nicht zu sagen unmöglich». Rösti ist seit 2007 SMP-Direktor, seit 2011 sitzt er für die Berner SVP im Nationalrat.

«Kreativität hinter unter unserem Rücken»

Als Hauptgrund für ihre Rücktritte nennen Gfeller und Rösti eine strategische Blockade im Vorstand. «Das Problem ist, dass die gleichen Leute zwei oder mehrere Hüte aufhaben», sagte Gfeller.

Immer wieder hätten Vertreter regionaler Mitgliedorganisationen zwar die Hand aufgestreckt, wenn im Vorstand Entscheide zu fällen waren - diese Entscheide aber nicht umgesetzt. Der Grund: Sie hätten den Gewinn von zusätzlichen Marktanteilen höher gewichtet als das nationale Interesse eines angemessenen Preises.

In den Augen von Gfeller und Rösti haben sie deshalb Beschlüsse zur Verbesserung der Situation der Milchbauern hintertrieben und unterlaufen. «Die Kreativität hinter unserem Rücken, strategische Beschlüsse zu umgehen, habe ich unterschätzt», sagte Rösti.

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Hintertrieben worden seien unter anderem die Versuche, Marktstabilisierungsmassnahmen für allgemeinverbindlich zu erklären. Dadurch seien den SMP die Instrumente zur Einflussnahme auf dem Markt zunehmend entzogen worden.

Ärger seit Ende der Kontingentierung 

Die beiden Abtretenden sehen diese Situation als nicht mehr tragbar für die Milchproduzenten. Sie fordern deshalb die Vorstandsmitglieder auf, ihre Haltung zu überdenken und sich entweder auf die Vertretung der nationalen Standesinteressen konzentrieren oder sich im Vorstand ersetzen lassen.

Die Querelen stehen praktisch alle in Zusammenhang mit dem Ausstieg aus der Milchkontingentierung 2009. Mit diesem Schritt blieb in der Milchwirtschaft kein Stein auf dem anderen. Präsident Gfeller nannte an der Medienkonferenz mehrere Beispiele für SMP-Entscheide, die unterlaufen worden seien.

So sei etwa beschlossen worden, das Milchangebot über einen nationalen Verkaufspool zu bündeln. Vordergründig hätten sich fast alle für dieses Modell ausgesprochen, doch hinter den Kulissen hätten sie dagegen agiert. Auch sei hinter dem Rücken der SMP der Verein Schweizer Milch gegründet worden, der eine Milchbörse einrichten wollte.

Gfeller und Rösti übten auch Selbstkritik

Ferner habe es im Vorstand Kritik dafür gegeben, dass die SMP-Spitze mit den vier grossen Milchverarbeitern erfolgreich über den Milchpreis verhandelt habe. Und auch das Ziel der SMP von vier bis höchstens sechs Produzentenorganisationen sei nicht erreicht worden. Die Organisationen hätten sich sogar vermehrt - heute seien es über 30.

Ärger gab es zudem in der Branchenorganisation (BO) Milch. Die SMP wurden erst nach zwei Anläufen nach ihrem Austritt wieder in die Organisation aufgenommen. "Ein Trauerspiel sondergleichen" nannte Rösti das, was sich an der letzten Delegiertenversammlung der BO Milch abspielte.

Gfeller und Rösti übten jedoch auch Selbstkritik. Albert Rösti attestierte sich eine gewisse Naivität im Glauben daran, dass Männer, die einen Entscheid fällen, diesen auch umsetzen. «Im Wissen um diese Gegenkräfte hätte ich vielleicht einige Vorschläge gar nie gemacht.»

Auch Mediensprecher geht

Gleichzeitig gab er sich aber überzeugt, dass ohne diese Bemühungen der Milchpreis noch schneller gesunken wäre. Sowohl er wie auch Gfeller bereuen rückblickend nichts: Sie halten ihre Engagement und ihre Vorschläge nach wie vor für richtig.

Neben dem Direktor und dem Präsidenten nimmt auch Mediensprecher Christoph Grosjean den Hut. Er wechselt auf Anfang März ins Bundesamt für Umwelt.

Der Schweizerische Bauernverband bedauert den Doppelrücktritt. Wie er in einer Stellungnahme mitteilte, erfüllt ihn die Nachricht mit Sorge. «Der Rücktritt der Spitze im Doppelpack ist für die Milchproduzenten eine grosse Herausforderung.»

(tno/awp/sda)