Ein Yogazentrum gründen? Einen Pizzakurier übernehmen? Oder ein Keramikatelier eröffnen? Alles schien möglich. Doch nichts geschah. Erst ein Werbeatelier motivierte Alice Stümcke dazu, Erspartes zu investieren. Mochte das Unternehmen auch klein sein, Hauptsache es gehörte ihr. Denn was ihr 2001 bei Tela-Kimberly widerfuhr, wollte sie kein zweites Mal erleben: Wegen eines Firmenverkaufs in die USA so unzufrieden zu werden, dass sie als Geschäftsführerin den Job quittierte.

Schon bei Tela-Kimberly hatte sie mit einem der vier potenziellen Investoren über eine Beteiligung diskutiert, doch diese Bieter gingen beim Verkauf der Firma leer aus. Beim Möbelhaus de Sede hat es mit der Miteignerschaft geklappt – spannenderweise dank denselben Investoren wie damals.

Anfang März hat Alice Stümcke den Vertrag unterzeichnet und ihre VR-Mandate, die sie als Beraterin innehatte, niedergelegt. Seit dem 1. Juli 2008 arbeitet sie sich in die Welt der Premiummöbel ein.

Einen Traum realisiert

Warum ist es eigentlich so wichtig für Alice Stümcke, auf dem Chefsessel von de Sede zu sitzen und einen bedeutenden Anteil der Firmenaktien zu besitzen? Diese Frage bringt sie beim Gespräch unter blauem Himmel zum Strahlen: «Es war schon immer mein Traum, das Steuer eines Unternehmens fest in die Hand zu nehmen und auch strategisch eine sehr aktive Rolle zu spielen.»

Begeistert und entspannt vom Ambiente des Restaurants auf der Aare bringt sie auf den Punkt, wonach sie gesucht hat: «Mir gefallen gut funktionierende Unternehmen der Old Economy, die eine überschaubare Grösse haben und zwischen 50 und 500 Mio Fr. Umsatz generieren.»

Kompromisslose Qualität

Volltreffer! De Sede positioniert sich als Unternehmen mit fast 50 Jahren Erfahrung in Handwerk, Qualität und Innovation. Es stellt seine Wohnobjekte «mit der Würde eines Meisters» her, so die Eigenwerbung. Stilvoll steht es über dem Mittelmass.

Wo liegt denn der rote Lebensfaden zwischen dem Herstellen von rosa WC-Papier, der Kreation ausgefallener Werbemittel und dem Nähen edler Ledersofas? Für Alice Stümcke, deren Lieblingsfarbe Pink ist, ist die Antwort sonnenklar: «Sowohl bei Tela-Kimberly wie bei meiner Werbeagentur und bei de Sede heisst mein Geschäft Markenstrategie: Es ist meine Aufgabe, Unternehmen und ihre Brands zu positionieren und deren Produkte an die Frau und den Mann zu bringen.» Die neu im Premiumbereich angesetzte Marke Globus Reisen von der Hotelplan-Gruppe sei eines ihrer Mandate der Nach-Tela-Jahre gewesen, verrät die zierliche Agenturinhaberin; beim Fussball-Club Basel, bei SBB Cargo und UBS Kreditkarten habe sie ebenfalls Marketingunterstützung geleistet. «Solche Aufgaben machen mir grossen Spass.»

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Und so lautet der Auftrag von de Sede an die quirlige Betriebswirtschafterin: «Ich soll zwei Unternehmenskulturen miteinander verschmelzen: Die einer Ledermanufaktur in Bayern und die des Einkaufs- und Marketingteams in Klingnau. Dies mit dem Ziel, mit der internationalen Premiummarke de Sede als Zugpferd eine attraktive Unternehmensgruppe zu gestalten, die ihr hohes Wachstumspotenzial optimal ausschöpft.»

Alice Stümckes Stärke ist ihre kulturelle Doppelspur: In Düsseldorf ausgebildet, lebt und arbeitet die Unternehmerin seit ihrem 30. Geburtstag in der Schweiz. Ihr Kommentar: «Eine Ausländerin mag die Schweiz ganz oder gar nicht. Ich liebe sie sogar. Denn ich schätze die Freiheiten und das Feingefühl der Bevölkerung.»

Die Synthese zu machen sei eine Herausforderung, gibt Stümcke zu. Denn Sprache sei eben mehr als nur Worte. «Deutsche und Schweizer verstehen sich nicht automatisch, auch wenn sie ihre Sprachen verstehen.» Es sei ein grosser Vorteil, dass sie wisse, wie man wo kritische Themen aufgreife.

Wortlos und wortreich reden

Manchmal muss die Kommunikation auch ohne Worte klappen. Bei ihrem Antrittsbesuch in Singapur, Tokio und Taipeh traf Stümcke einen Möbelhändler, der kein Wort Englisch sprach. Trotzdem fühlten sich beide gut verstanden.

Alice im Wunderland? Alice Stümcke scheint alles zu gelingen. Sie ist offensiv, charmant und selbstbewusst und verfügt über das nötige Quentchen an Narzissmus, das es braucht, um inmitten einer Menschenmenge ein Fotoshooting zu geniessen. Sie bleibt dabei so locker wie ein edler Freischwinger.

Die Passion, die sie für die Abenteuer des Lebens empfindet, investiert sie nun ins Neuland Einrichtungsbranche. Am liebsten sitzt sie auf einer Kuh respektive auf deren Haut. Die detailgenaue Verarbeitung anspruchsvoller Leder hat es ihr angetan. Ihre Werbesprüche tanzen leichtfüssig daher: «De Sede macht auch dort keine Kompromisse, wo es der Kunde gar nicht merkt.»

Auch bei James Bond dabei

Als ihre Aufgabe erachtet sie es nun, die Italianità der Möbelklassiker zu kombinieren mit dem Perfektionismus von de Sede. «Italienische Möbel sehen super aus, sind aber oft weder hochwertig noch komfortabel. De Sede kaschiert seine wenigen Nähte.» Man beziehe das Leder aus Österreich, Süddeutschland und der Schweiz, wo die Kühe mächtiger seien als im Norden und Osten Europas.

So viel Begeisterung könnte zu einem privaten Einkaufsrausch führen. Wie ist denn Alice Stümckes Zürcher Altbaumietwohnung möbliert? Sie bedauert, schon ein Sofa zu besitzen. Doch dann fällt ihr ein: «Demnächst leiste ich mir neue Esszimmerstühle. Sie werden fraglos von de Sede sein!»

Frau Stümcke passt als Kundin: De Sede Kunden werden als 40- bis 50-jährig, kulturinteressiert und sicherheitsorientiert definiert. Kritisches Auge der Werbefachfrau: «Diese Marke hat ein intaktes Premiumimage. Sogar in James-Bond-Filmen spielt sie eine tolle Rolle. Doch sie kann eine Auffrischung brauchen.» Es sei allerdings heikel, die Marke zu verändern, ohne ihren starken Charakter zu beschädigen, sinniert die Yogafrau und Joggerin, der Ausdauer und Biss vertraut sind.

Interdisziplinär begeistern

Welche ihrer Stärken wird Alice Stümcke bei de Sede einsetzen? Die Antwort ist klar: «Ich bin sehr leistungs- und zielorientiert. Intern arbeite ich interdisziplinär und kann Menschen über verschiedene Stufen hinweg begeistern. Entwicklung, Produktion und Vermarktung bringe ich problemlos an einen Tisch. Dank meinem Interesse an Sozialpsychologie und Design fällt es mir zudem leicht, die Konsumenten zu verstehen.»

Aus der Distanz betrachtet fällt auf, dass die Tochter von zwei tschechischen Ingenieuren mit Fluchterfahrung im Prager Frühling viel ruhiger, weicher und weiblicher wirkt als zu ihrer Zeit bei Tela. Sie geht auf ihr Gegenüber gelassener und schutzloser ein. Ihre Erzählungen sind farbiger und ehrlicher geworden, und ihre Sicht der Dinge ist breiter als früher. Auch wenn sie immer noch zu spät kommt zu den Rendez-vous, pflegt sie doch eine neue Philosophie: Neuerdings nennt die früher hyperaktive Unternehmerin Nichtstun als eine zu pflegende Tugend.

Ist der Grund die persönliche Reife? Die Agenturerfahrung? Der neue Lebenspartner? Die spannende Möbelbranche? Das Teilhaben an einem KMU? Vielleicht all dies und noch mehr.

Wie heisst es doch in der Werbung ihrer neuen Arbeitgeberin: «De-Sede-Objekte erzählen Geschichten von Träumen und Geborgenheit.» Das schimmert irgendwie durch.