Handelszeitung: Manager grosser Konzerne sind so oder so Getriebene. Sie rennen von Sitzung zu ­Sitzung, reisen durch die Welt, ohne davon etwas zu sehen, kennen ihre Familie kaum noch. Ein Rezept zum Unglücklichsein?

Tal Ben-Shahar: Auch hier gilt: Wenn sie wirklich einen Sinn in dem sehen, was sie ­machen, dann ja. Ich arbeite viel mit Konzernchefs zusammen und stelle tatsächlich viel Unzufriedenheit fest. Wichtiger ist daher die Frage, wie Konzernchefs glücklicher werden können.

Sagen Sie es uns.

Sie müssen unbedingt ihre Beziehungen besser pflegen. Wenn ein Konzernchef glücklich sein will, muss er seine Familie sehen, seine Freunde und seine Kollegen. Nur dann kann er langfristig erfolgreich sein und ein Burn-out verhindern. Top-Manager brauchen darüber hinaus mehr Erholungszeit. Stress ist kein Problem, damit können Menschen umgehen. Es ist wie im Fitnesszentrum: Wenn Sie Ihre Muskeln stressen, werden die stärker. Aber wenn Sie ihnen keine Erholungszeit zugestehen, bekommen Sie Probleme. Konzernchefs haben viel zu wenig Erholungsphasen. Wenn sie Sport treiben, tätigen sie daneben noch Anrufe, beim ­Essen mit der Partnerin schauen sie noch SMS an. Das führt zu zusätzlichem Stress.

Nicht nur Top-Manager sind mitunter unzufrieden im Job, auch ganz normale Angestellte. Was können sie tun?

Für sie gilt ebenso, dass das Bewusstsein eines Sinnes des eigenen Wirkens zentral ist. In Studien stiess man beispielsweise auf das Reinigungspersonal in einem Spital, das extrem glücklich war. Der Grund war, dass es seinen Job als Dienst am Patienten ansah und wusste, dass Sauberkeit und Hygiene dafür sorgen, dass die Leute schneller gesund werden. Daneben brauchen sie genug Erholung und gute Beziehungen.

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Helfen uns soziale Medien wie Facebook, diese Beziehungen zu pflegen?

Ben-Shahar: Sie mögen vielleicht helfen, dass wir mit gewissen Leuten in Kontakt bleiben können, die wir sonst aus den Augen verloren hätten. Aber soziale Medien weisen ein Problem auf. Wer immer online ist, hat keine Rückzugsmöglichkeiten mehr. Und nur dort können wir über uns nachdenken und daraus lernen. Wenn wir alles gleich mit unserem Umfeld diskutieren, können wir nicht wachsen.

Können wir die Zufriedenheit bei der Arbeit und im Privatleben wirklich beeinflussen, oder liegt viel in den Genen?

Sie haben recht, die Gene spielen eine Rolle, sogar eine recht grosse. Studien zeigen, dass im Durchschnitt fast 50 Prozent unseres Glücks darauf basieren. Weitere 10 Prozent werden von äusseren Umständen beeinflusst. 40 Prozent aber können wir bestimmen. Das ist immer noch sehr entscheidend.

(Auszug aus dem Interview aus der «Handelszeitung», Ausgabe 1 vom 3. Januar 2013)

 

Wege zum Glück: Die Tipps des Forschers Tal Ben-Shahar

  • Menschlichkeit eingestehen
    Gefühle sind integraler Bestandteil des Lebens. Wer sie unterdrückt – positive wie negative –, wird frustriert enden. Nur wer Emotionen zulässt, kann lernen, damit umzugehen.
  • Sinn und Spass kombinieren
    Ob bei der Arbeit oder in der Freizeit – glücklich werden kann nur, wer in seinem Tun einen Sinn sieht und daran auch Spass hat.
  • Einstellung anpassen
    Weder sozialer und beruflicher Status noch Geld tragen zur Zufriedenheit bei. Es kommt vielmehr darauf an, worauf wir selbst Wert legen und wie wir mit Ereignissen umgehen. Sehen wir immer gleich das halb leere Glas oder eben das halb volle?
  • Leben vereinfachen
    Menschen sind heute generell zu beschäftigt. Sie versuchen immer mehr Dinge in immer weniger Zeit hineinzupressen. Das ist ungesund, weil so die wichtige Zeit zur Erholung fehlt.
  • Körper beachten
    Regelmässige Bewegung, gesundes Essen und vor allem auch genug Schlaf erhöhen die Zufriedenheit deutlich.
  • Dankbarkeit ausdrücken Zu oft nehmen wir alles als gegeben an. Wer lernt, auch die kleinen Dinge zu schätzen, lebt glücklicher. Sei es ein Erlebnis in der Natur, ein Lächeln oder auch eine tolle Begegnung – wer sich daran freuen kann, lebt deutlich glücklicher.
  • Beziehungen pflegen Der allerwichtigste Glücksfaktor sind die Menschen um einen herum, Freunde, Bekannte und Familie. Nur wer diese Beziehungen auch wirklich pflegt, kann zufrieden sein.