Die Schweiz ist kein Vor-bild: Gemäss einer Studie des Adecco-Instituts ist die Eidgenossenschaft am zweitschlechtesten von acht europäischen Ländern auf ältere Arbeitskräfte eingestellt. Aber Hoffnung ist angebracht: Es gibt sie durchaus, die Unternehmen, die sich über das Altern ihrer Belegschaft ernsthaft Gedanken machen.

Beispielsweise ist die Zürcher Kantonalbank (ZKB) vor fünf Jahren mit ersten Angeboten für ältere Mitarbeitende gestartet, engagierte sich bei der Gründung des gemeinnützigen Kontaktnetzes für Altersarbeit, Silberfuchs, und erarbeitete ein Konzept 45+. Dabei werden nicht nur die oberen Kader berücksichtigt, die ohnehin zu den Vorzeigealten verschiedener Firmen gehören und die auch schweizweit in verschiedenen Consultant-Pools zusammengeschlossen sind. «Alle Massnah-men werden unabhängig von der Hierarchie umgesetzt», sagt Personalchef René Hoppeler.

Arbeit über das Pensionsalter

Ein wichtiger Programmpunkt ist die Förderung der gleitenden Pensionierung. Hierbei wird das offizielle Pensionsalter von 62 mit Teilzeitengagements flexibilisiert und überschreitet auch vermehrt die Altersgrenze von 65 Jah- ren. Schon jetzt beschäftigt die Bank Mitarbeitende vereinzelter Berufsgruppen auf deren Wunsch hin über das ordentliche Pensionierungs- oder AHV-Alter hinaus, beispielsweise Hausmeister, Informatik-Spezialisten oder Key-Account-Manager.

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Auch bei Raiffeisen hat ein Umdenken stattgefunden. So hat Raiffeisen Schweiz in Anbetracht der zu erwartenden demografischen Entwicklung bereits per 2004 das technische Rentenalter der Frauen auf 65 angehoben. «Um Härtefälle zu vermeiden, wird den per 1. Januar 2004 über 50-jährigen Frauen allerdings der Besitzstand auf der bisherigen Rente mit 62 garantiert», sagt CEO Pierin Vincenz. Vor einem Jahr hat die Raiffeisen- Gruppe eine Fachstelle gegründet, zu deren Aufgabenfeldern die Förderung älterer Arbeitskräfte gehört. Inzwischen sind verschiedene Arbeitsmodelle für ältere Mitarbeitende in Entwicklung. Der Wert der Erfahrung steht dabei im Zentrum.

Es sei allgemein ein wachsender Trend zu beobachten, dass ältere Mitarbeitende und auch Pensionierte spezifische Beschäftigungsmodelle nachfragen und nach massgeschneiderten Lösungen gesucht werde, freut sich Vincenz. Zunehmend arbeiten bei der Raiffeisen-Gruppe auch pensionierte Mitarbeitende als externe Arbeitskräfte auftragsbezogen in Projekten und für spezielle Themen weiter. «Vor allem in der Kundenberatung lässt sich feststellen, dass Seniorenberater gefragt sind und ein grosses Potenzial für Raiffeisen darstellen», sagt der CEO.

Auch für Unternehmen mit sicherheitsrelevanten Technologien wird die Erfahrung älterer Mitarbeitender je länger, je essenzieller. So prüft der Stromlieferant Axpo die Möglichkeit, Mitarbeitende freiwillig über das Pensionierungsalter weiter zu beschäftigen. In der Tochtergesellschaft Nordostschweizerische Kraftwerke AG (NOK) beispielsweise sind schon heute vereinzelte Mitarbeitende über das ordentliche Pensionsalter hinaus tätig.

«Gerade bei technisch komplexen Themenstellungen ist der Know-how-Transfer sehr anspruchsvoll. Und eine Nachfolgeplanung gestaltet sich aufgrund des trockenen Arbeitsmarktes manchmal schwierig», begründet Martin Lüthy, Leiter HR der Axpo Holding. Ebenfalls reagiert hat die Zürcher Stadtverwaltung. Deren Pensionskasse ermöglicht es mit der Revision ihres Vorsorge-Reglementes, per 2008 die Alterspension bis auf 70 Jahre aufzuschieben. Für die Beschäftigung älterer höherer Kader gibt es bei der Stadt Zürich seit 2004 die eigene Firma Zielpunkt AG.

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Deutscher Anbieter steigt ein

Von der derzeit herrschenden Aufbruchstimmung bei den Schweizer Unternehmen will der Personalvermittler «Erfahrung Deutschland» profitieren. Die deutsche Agentur für pensionierte Fachkräfte schreibt bereits 18 Monate nach ihrer Gründung schwarze Zahlen. 5000 Manager und Fachkräfte sind inzwischen auf der Internetplattform registriert. Dieser Tage wird das Unternehmen auch in der Schweiz aktiv. Ein Budget von 250000 Euro steht für 2008 zur Verfügung. «Wir rechnen hier wegen der besseren Wirtschaftslage mit einem schnelleren Erfolg als in Deutschland», sagt Geschäftsführer Steffen Haas.

Rund 1000 bis 1500 pensionierte Fachkräfte will die Agentur in den nächsten anderthalb Jahren projektweise vermitteln. Besonders KMU stehen im Zentrum. «Diese Betriebe haben grosse Wachstumsprobleme, weil sie schnell wachsen und wegen ihres eher konservativen Image weniger attraktiv sind für junge Leute», glaubt Haas.

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Die Erfahrung macht sich bezahlt

Diese These bestätigt Peter Müller, Präsident von Adlatus. Adlatus ist ein seit 1982 existierendes Schweizer Netzwerk von erfahrenen Führungskräften mit inzwischen 350 Mitgliedern. «Vor allem bei KMU wächst das Bewusstsein für den Wert älterer Menschen. Und jetzt, wo die Wirtschaft gut läuft, spüren wir eine deutliche Zunahme der Nachfrage an unseren Mitgliedern», sagt er. Besonders gefragt seien kurzfristige Einsätze auf Zeit.

Laut Müller schätzten die Unternehmen, dass die älteren Experten aufgrund ihrer Erfahrung schon ein bis zwei Tage nach ihrer Anfrage loslegen könnten. Die Adlaten helfen vor allem Start-up-Unternehmen aufzubauen oder die Nachfolge in Firmen zu regeln. Zudem werden sie auch projektweise beschäftigt.

Auch Senexpert berät in der Schweiz Kleinbetriebe mit spezifischen Beratungsbedürfnissen wie Nachfolgeplanungen oder Marketingkonzepten. Die 1987 von der Pro Senectute des Kantons Zürich gegründete Vermittlung von ehemaligen Führungskräften spürt derzeit allerdings keinen Aufschwung. «Die Nachfrage nach unseren Dienstleistungen ist momentan eher gering», sagt Präsident Karl Hafner.

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Er führt dies auf das im Vergleich zu den anderen Angeboten wohl eher noch höhere Alter seiner Mitglieder zurück. Altershalber sind in den letzten Jahren viele Senexperten ausgetreten. Von den ehemals 50 Mitgliedern sind heute nur noch 31 im Einsatz. Denn auch der Arbeitsmarkt für Senioren hat Grenzen.