Tatsache ist: Es gibt guten Stress und schlechten Stress, genauso wie es gutes und schlechtes Cholesterin gibt. Es gibt Leute, die unter Stress regelrecht aufblühen und ihn brauchen wie die Luft zum Atmen. Andere gehen kaputt daran; Stress verursacht in der Schweiz 8 Mrd Fr. Kosten pro Jahr. Und es gibt schätzungsweise 10000 Studien zum Thema, die zum Beispiel belegen, dass wer langweilige, eintönige Tätigkeiten ausübt (Monotonie) und nicht mitentscheiden kann (wenig Autonomie) eher erkrankt und höhere Kosten verursacht ein als Multitasking-Kader mit abwechslungsreicher Tätigkeit. Eine Erkenntnis, die allen gestressten Kadern herzlich wenig nützt.

Also: Stress ist verbreitet. Stress ist schädlich. Und Stress ist subjektiv. Bei Stress kommt den meisten Arbeitenden die (zu) viele Arbeit im Büro in den Sinn. Doch Stress hat viele Nuancen: Lärm, Störungen durch Kollegen und ständige Telefone, Mobbing, Mails und miese Arbeitsorganisation, Sitzungen à gogo, Gruppendruck, dumme Sprüche, Zwang zur Coolness und zum Immer-freundlich-sein-sollen. So kann der ganze Tag vorbeigehen und die viele Arbeit ist noch immer nicht getan.

40 Prozent weniger Burnout

52% aller Mitarbeitenden, die fünf Tage die Woche an die Arbeit in einem Büro gebunden sind, fühlen sich am Ende der Arbeitswoche «regelmässig am Ende ihrer Kräfte», hat Regus herausgefunden. Regus ist der weltgrösste Anbieter von Arbeitsplatzlösungen und hat für diese Studie Daten von 1000 Probanden auswerten lassen, davon 80% im Kader und im höheren Management (www.regus.com).

Anzeige

Um diesem Stress zu entfliehen, gibt es einen probaten Weg: Raus aus dem Büro. «Wenn man Mitarbeitenden die Freiheit gewährt, einen alternativen Arbeitsstandort an nur einem Tag der Woche zu wählen, reduziert das die monatlichen Burnout-Level um nahezu 40%», besagt die Regus-Studie. «Wenn man diese Freiheit auf zwei oder mehr Tage pro Woche ausdehnt, kann der Burnout-Level auf erstaunliche 2 bis 3% reduziert werden.» Burnout wird hier definiert als totale emotionale Erschöpfung.

Aber: Das funktioniert nur, wenn die Mitarbeitenden offiziell zu Hause arbeiten dürfen. Wer sich dieses Privileg regelmässig erschleicht und ohne Zustimmung zu Hause arbeitet, obwohl er im Büro sitzen müsste, fühlt sich zusätzlich extrem gestresst. Grund: Schuldgefühle.

Kleine Schritte, grosse Wirkung

Durch einfache Veränderung der Arbeitspraktiken können also Arbeitgeber ganz erheblich zur Gesundheit und dem Wohlergehen ihrer Belegschaft beitragen – es braucht «nur» Arbeitsplatzautonomie und eine intakte Vertrauensbasis.

Ausserhalb des Büros muss übrigens nicht zwingend heissen daheim – denn dort lauert oft anderer Stress. Es kann auch heissen in Bürozentralen vor Ort, in Büros zur zeitlich befristeten Nutzung, an Just-in-time-Arbeitsplätzen oder an firmenfremden Arbeitsplätzen.

Helena Trachsel, Head Diversity Management bei Swiss Re, kann die Aussagen der Studie bestätigen: 500 bis 600 Swiss-Re-Mitarbeitende können zurzeit mit unterschiedlichen Pensen auch von ausserhalb des Büros arbeiten, zwei Personen tun dies sogar zu 100%. «Das wird enorm geschätzt.»

Telearbeit in allen Branchen

Sogar in Linienjobs mit direktem Kundenkontakt ist dank Telefon und Mailverkehr heute Arbeit von ausserhalb des Büros einfacher geworden. So bieten bereits namhafte Firmen quer durch alle Branchen Teleworking an, wie die Heimarbeit, die immer noch ein wenig an Webstühle erinnert, heute auf neudeutsch heisst. Beispielsweise Credit Suisse, Post, Novartis, UBS, Manor, Orange, Zurich, ABB, Ascom, Roche, KPMG, Mettler Toldeo, PWC, Schindler, Swiss Re, Swisscom, Ernst & Young und zahlreiche andere.

Zugegeben – der Weg aus dem Büro steht noch lange nicht allen offen. Was können diejenigen tun, denen die Fluchtmöglichkeiten aus dem Büro vom Arbeitgeber versperrt werden, die, wenn sie das Büro verlassen, gleich gar nicht mehr zurückkommen müssen? Ein paar Tipps und Links finden Sie links.